Über Vorurteile und journalistische Tugend – Ein Kommentar

In der gestrigen Vollversammlung haben sich die Regensburger Studierenden eindeutig hinter den SprecherInnenrat gestellt und ihm den Rücken gestärkt, weiterhin an dem maximalen Entgegenkommen von 59 Euro festzuhalten. In der Berichterstattung über die Abstimmung hat sich die Mittelbayerische Zeitung als Negativbeispiel für journalistisches Arbeiten hervorgetan.


Das Semesterticket gilt als Prestigeobjekt von Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) – dementsprechend groß war das Presseecho der Regensburger Medien. Gerade die Mittelbayerische Zeitung – kürzlich mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis ausgezeichnet – überrascht mit ihrer Berichterstattung. Die Lektüre des Artikels von Jürgen Scharf und Reinhold Wilfurth lässt letztendlich einen enttäuschenden Schluss zu: Dass die Konrad-Adenauer-Stiftung, die den Preis vergibt, bei der Bewertung wohl nicht die journalistischen Tugenden und Recherchefähigkeiten mancher Mitarbeiter der Regensburger Lokalredaktion miteinbezogen hat.

Schon der Teaser lässt an der journalistischen Kompetenz beider Redakteure zweifeln: „Die Studenten bieten dem RVV weiter nicht mehr als 59 Euro für das Semesterticket“, ist da zu lesen. Eine etwas tiefere Recherche würde ergeben, dass die Verfasste Studierendenschaft in Bayern seit mehr als 40 Jahren abgeschafft ist und die Studierenden daher keine Vertragspartner sein können. Ergo: Die Studenten können nichts „bieten“. Mal abgesehen davon, dass die 59 Euro ohnehin ein Entgegenkommen darstellen – schließlich entsprechen sie einer Preiserhöhung des Semestertickets um satte zehn Euro. Dieser juristische Aspekt wurde von Stefan Christoph in der Versammlung ausführlich beleuchtet. Es hätte den Redakteuren daher schon geholfen, bei der Vollversammlung nicht nur physisch anwesend zu sein. Der mangelnde Recherchewille von Scharf und Wilfurth zeigt sich auch im Folgenden. Die Redakteure schreiben:

„Konvents-Vorsitzender Christoph führte aus, warum von Studenten-Seite nicht mehr als 63 Euro geboten werden könne. Dies sei die Obergrenze einer Richtlinie des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Würde man bei einem Solidarmodell mehr verlangen, könnte das Semesterticket vor dem Verwaltungsgericht von einzelnen Studenten angefochten werden. Dieser Interpretation der Aussagen des Ministeriums widersprechen die Vertreter der Verkehrsbetriebe allerdings vehement. Sie fordern bekanntlich 72 Euro und sagen, dass dieser Betrag zumutbar wäre und vom Ministerium voraussichtlich auch abgesegnet werden würde.”

Wäre, würde – Konjunktiv heißt nicht geprüft! Hier werden zwei Aussagen gegenübergestellt, deren Grundlage der Glaubwürdigkeit weit auseinander liegen. Die Zumutbarkeit der 63 Euro ist Basis des bisher geltenden Modells – bei den 73 Euro stützen sich die Redakteure auf eine ungeprüfte Aussage des RVV.

Doch die Redakteure haben sich wohl eher darauf verlassen, vom RVV und den Bahngesellschaften hinterher „die Wahrheit“ erzählt zu bekommen. Die Studenten sind ja ohnehin nicht ernstzunehmen – schließlich könnten sie ja die Konsequenzen ihrer Handlung gar nicht abschätzen. Die Verfasser sagen ein „böses Erwachen“ für die Studierenden voraus. Die beiden Redakteure – mindestens einer von beiden einmal selbst Student – schlagen mit dem Vorurteilshammer stets in dieselbe Kerbe: Sie attestieren den jungen Erwachsenen Unmündigkeit, stellen sie als aufmüpfige Kinder dar. In einer um Objektivität bemühten Berichterstattung haben solche Unterstellungen nichts zu suchen.

Diese vorgefertigte Meinung ist dann wohl auch der Grund für die einseitige Darstellung der Tatsachen: Der gute RVV und der „studentennahe“ Agilis-Pressesprecher hätten sich ja noch darum bemüht, die Studenten zur Vernunft zu bringen. Doch: „Diese hatten jeweils nur zwei Minuten Redezeit.“ Also genau so viel wie alle anderen (auch studentischen) Redner. Dass die Verkehrsgesellschaften die Studenten nicht überzeugen konnten, hat dann wohl einen anderen, einen tieferen Grund, der bei der Vollversammlung offen und von der Mehrheit der Studenten dargestellt wurde: Die Abstimmung war nicht von Geiz, Sturheit, Unmündigkeit oder studentischer Aufmüpfigkeit getragen – sondern von dem Bewusstsein, nicht zum Spielball zwischen RVV und Bahngesellschaften werden zu wollen. Es geht nicht darum, nicht mehr bezahlen zu wollen – das haben übrigens die meisten Wortbeiträge gezeigt – sondern darum, dass interne Berechnungsfehler nicht einfach auf das schwächste Glied in der Kette abgewälzt werden können. Das Entgegenkommen der Studentenschaft hat mehr als deutlich die Bereitschaft gezeigt, für das Solidarmodell einzutreten und die Fehler des RVV mit auszubaden. Der Artikel verfehlt den Geist der Vollversammlung völlig.

Stattdessen wurden hier die Verkehrsunternehmen als die unschuldigen und gutmütigen Verlierer dargestellt, die sich von den Studenten in Wortbeiträgen attackieren lassen mussten. Die Aneinanderreihung und Dekontextualisierung von Zitatfetzen ist probates Mittel, um genau diesen Effekt zu erreichen. Die beiden Autoren sollten sich auf ihre medienethischen Tugenden besinnen: In dem Artikel findet sich keine einzige Begründung der Argumentation hinter den Wortfetzen. Die studentischen Sprecher, das Studentenwerk Niederbayern/Oberpfalz oder die Hochschulleitung wurden in diesem Bericht kaum berücksichtigt. Auch die andere Seite darstellen – das ist in jedem journalistischen Einführungswerk nachzulesen. Der Bericht ist nichts als eine dreiste Verzerrung von Tatsachen, eine wunderbare Offenlegung von Vorurteilen. Dieser Artikel wird dem Lokaljournalistenpreis nicht gerecht, er gehört in ein einschlägiges Werk zur Einführung in den Journalismus als mustergültiges Negativbeispiel.

Der Artikel der Mittelbayerischen Zeitung: “Studenten rücken keinen Millimeter ab”

Text von cb und Katharina Brunner

Foto vom SprecherInnenrat der Uni Regensburg

6 Kommentare bei „Über Vorurteile und journalistische Tugend – Ein Kommentar“

  1. Die studentischen Redner hatten für die Darlegung ihrer Sichtweise im Mäntelchen der “Information” vorher weit mehr Zeit als zwei Minuten! Im Übrigen muss man nicht vorurteilsbelastet sein, um das Verhalten vieler Anwesender als kindisch zu sehen…

  2. Simon Haas hat absolut Recht. Die sogenannte Information über die Debatte und den Verhandlungsstand war einfach nicht ernsthaft und sachlich sondern bemüht lustige, oberflächliche Meinungsmache. Das nicht als Redebeitrag für die studentische Seite zu werten ist schlicht lächerlich. Außerdem war es beschämend, wie mit den Diskussionsgegnern umgegangen wurde (ausbuhen,persönliche Angriffe auf Stammtischniveau etc) Die Vollversammlung darf sich einfach nicht wundern wenn sie nach diesem Auftritt in der Mittelbayrischen eher belächelt wird.

  3. Als ich an der Uni studiert habe, habe ich das Ticket nicht genutzt – es war schneller mit Radl aus Lappersdorf zu fahren als mit den mit Schülern überfüllten Bussen auf Umwegen in die Stadt (mit Umstieg). Musste trotzdem zahlen. Eine Freundin von mir nahm wegen Kindererziehung mehrere Urlaubsemester, wohnte außerhalb von regensburg, musste das Ticket trotzdem zahlen, obwohl sie es nicht nutzen konnte.

  4. Man hätte auch im Vorfeld eruieren können, wie groß der Anteil der Studenten ist, denen es genauso ergeht wie Alesja, aber der Aspekt wurde überhaupt nicht angeschnitten, weil man so damit beschäftigt war, den RVV und die Bahnunternehmen anzugreifen.

  5. Natürlich gab es Schwächen bei den Redebeiträgen – es sind immerhin politisch interessierte Studenten, keine von Gesellschaften angestellte, informierte Sachbearbeiter – dass sich der Zorn und der Enthusiasmus da in solcher Weise Bahn bricht, ist verständlich.
    Wieso nun die eingehende Informationsdarstellung “als Redebeitrag für die studentische Seite zu werten” ist, bleibt mir schleierhaft. Selbstverständlich wurden die Darstellungen aufgelockert – ob mit (teilweise lustigen) Abbildungen, oder durch kurze, prägnante Erläuterungen -, aber keineswegs parteiisch, sondern neutral vorgestellt, so wie sich die Wirklichkeit der Fakten der Studentenschaft präsentiert.
    Der Umgang mit den Herrschaften der RVV, sowie der Agilis war nicht besonders fein, in der Tat. Aber sich so arrogant zu geben, schrie förmlich nach einer solchen Reaktion der Studenten. Der einzige Fehler, den sich da die Studentenschaft zu Schulde hat kommen lassen, war, sich zu so etwas hinreißen zu lassen. So können die Unternehmen genüsslich auf den Medien die alte Weise von den chaotischen Studenten spielen.
    Für den Umstand den ALESJA angesprochen hat – das Nichtnutzen des Tickes – hat auch die Vollversammlung plädiert. Das Solidarmodell zu behalten, aber nicht noch unnötig teuer für die Studenten zu machen, die das Angebot nicht nutzen. Mal ganz abgesehen von dem Umstand, dass die Bahngesellschaften für Kunden kassieren, die möglicherweise nicht einmal in ihrem Studentenleben mit der Bahn fahren.

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