Wer schaukelt so spät durch Nacht und Wind

Neue Wohnung, neue Mitbewohner, neue Nachbarn und vor allem neuer Wohnsinn – aber bevor ich euch gleich mit in mein WG-Leben nehme, soll es heute um eine ganz besondere Begegnung gehen. Obwohl Begegnung womöglich übertrieben ist, schließlich habe ich mit dem heutigen Protagonisten selbst noch kein Wort gewechselt. Dennoch fühlt es sich schon fast vertraut an – schließlich sehen wir uns oder zumindest ich ihn jeden Tag. Bevor ihr mich für einen Stalker der ganz schlimmen Art haltet, lasst es mich erklären.

von Tabea Klaes

Aus unserem Wohnzimmerfenster können wir nahezu herrschaftlich über jegliche Geschehnisse auf dem Spielplatz vor unserem Haus wachen, auf dem sich tagsüber Dreikäsehochs mit ihren Eltern zwischen den Rutschen, Klettergerüst und Schaukeln vergnügen; sobald die Sonne untergeht, die coolen Kids sich mit äußerster Wortgewandtheit und Ausdrücken wie »Schwör‘ Alter, du hast gar keine Ahnung was abgeht!« mit Gleichgesinnten austauschen und nachts wankende Dulteimgänger unsere Nachbarschaft mit engelsgleichen Stimmen betören oder auf einer Bank ihren Rausch ausschlafen. Zwischen all diesem bunten Treiben, fällt aber ein Genosse besonders auf. Tag ein, Tag aus, meist stundenlang und unbeeindruckt von jeglichen wetterbedingten Widrigkeiten verbringt er auf dem Spielplatz. In unserer WG liebevoll »der Schaukler« genannt, ist er nicht mehr vom Ausblick aus unserem Wohnzimmer wegzudenken. Schon an meinem ersten Morgen, an dem ich in meinem mittlerweile vertrautem Heim das Haus in Richtung Bäcker verließ, sah ich den jungen Mann, womöglich zwischen 15 und 20 Jahre, das erste Mal. Vermutlich wäre ich in meinem morgendlichen Trott ohne großartige Beachtung an ihm vorbeigelaufen, hätte er nicht seelenruhig zwischen den tobenden und schreienden Kindern voller Selbstverständlichkeit und in seiner eigenen Welt versunken, auf einer der beiden Schaukeln gesessen.

Im Laufe der nächsten Tage fielen mir neben seinem Pferdeschwanz, seinem gleichgültigen Gesichtsausdruck und der immer gleichen schwarzen Kleidung inklusive auffälligen Stiefeln immer mehr Details auf –  etwa seine typische Haltung: mit linker herabhängender Hand, seinem Handy in der rechten Hand und dem rechten Fuß, der ihm den nötigen Schwung gibt, in konstanter Geschwindigkeit und Höhe schwingend. Zwei Schaukeln sind auf dem Spielplatz und wohl jeder kennt das Macht- und Quengelspiel um die Schaukel, sobald mehr Kinder als Schaukeln da sind – auf unserem Platz gilt allerdings das scheinbar ungeschriebene Gesetz, dass er, unbeeindruckt davon, wie viele Kinder in der Schaukelschlange stehen, direkt seine Runden schwingen darf.

Nach ein paar Tagen fragte mich einer meiner beiden Mitbewohner dann, ob mir der Typ mit den Plateauschuhen nicht schon aufgefallen sei. Fast hätte ich mir denken können, dass der Schaukler bereits vor mir seinen Einzug ins WG-Leben gefunden hat. Es gibt einige Mysterien, die sich um den ominösen Jungen spannen – da gibt es etwa den penetranten Verfechter der Theorie, dass er ein Internetstar sei, der sich mit stundenlangen Liveübertragungen einen Namen in der YouTube-Szene verschafft habe.

Ein einziges Mal, an Ostern, war er nicht allein unterwegs – eine blonde junge Dame mit den gleichen Schuhen wie er selbst, begleitete ihn zwei Tage. Das erste Mal machte er sich mit Musik hörbar und beschlagnahmte beide verfügbare Schaukel – alle Kinder mussten sich wohl oder übel damit abfinden. Nach den zwei Tagen war der ‚Spuk‘ wieder vorbei und seither schaukelt er einsam wieder vor sich hin. Wenn ich das Haus verlasse, sehe ich ihn das erste Mal, mittags ist er zumindest am Wochenende ebenfalls fast immer anzutreffen und auch nachts auf dem Heimweg aus der nächstgelegenen Kneipe erschrecke ich beinahe, wenn die Schaukel leer ist. Tag ein, Tag aus laufen wir aus der Ferne vorbei, bewundern ihn aus unserem Wohnzimmer und interpretieren jeden Tag ein wenig mehr in sein Auftreten hinein – aber vor allem fragen wir uns, wie wir Kontakt mit ihm aufnehmen können.

Direkt ansprechen? Der Zug ist wohl abgefahren! Ihm rein zufällig über den Weg zu laufen? Unmöglich – sobald er aufsteht, rauscht er in Lichtgeschwindigkeit davon. Wir werden uns also weiterhi damit genügen, unserer eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und Geschichten um »unseren« Schaukler zu spannen. Und ich wette, auch ihr würdet in seinen Bann gezogen!

 

Nächste Woche entführt wieder einmal Selina in ihre Wohnung, und falls ihr bis dahin einen jungen Regensburger Star auf der Schaukel im YouTube-Kanal entdeckt, gebt mir bitte Bescheid!

 

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