»Werther« oder ein falscher Titel für eine Oper

»Werther« oder ein falscher Titel für eine Oper

Ehrlich: Ich bin kein Opern-Fan. Und werde es auch nicht werden. Trotzdem habe ich mir am Samstag die Premiere von »Werther«-Inszenierung von Regisseur Nurkan Erpulat unter musikalischer Leitung von Tom Woods am Theater Regensburg angesehen. Kurzfassung: Gutes Stück und gute Aufführung, leider mit klassischer Musik.

von Yvonne Mikschl

Eine moderne Inszenierung für einen jahrhundertealten Text: Genau das scheint die Spezialität des Theater Regensburg zu sein. Auch im Musiktheater folgt man getreu diesem Motto. Nun feierte Goethes »Werther« als Oper seine Premiere am Theater am Bismarckplatz.

Um was geht es?

Die Handlung folgt der Buchvorlage. Goethe verfasste mit »Die Leiden des jungen Werthers« einen Briefroman, der den Leidensweg des jungen Rechtspraktikanten Werther bis zu seinem Suizid über seine unglückliche Liebesbeziehung zu der mit einem anderen Mann verlobten Lotte berichtet. Das Werk wurde zu Goethes zweitem großen Erfolg.

Werther (Amar Muchhala) und Charlotte (Vera Semieniuk) verlieben sich unsterblich ineinander. Doch Charlotte, die sich nebenbei als Ersatzmutter für ihre Geschwister sieht, heiratet Albert (Seymur Karimov), da sie es ihrer Mutter vor deren Tod versprochen hat. Diesen Schwur will sie unbedingt halten, komme, was da wolle. Werther zeigt zunächst Verständnis und ergibt sich sogar Charlottes Wunsch nach Distanz zu ihm. Schnell ist ihm allerdings klar: Ohne Charlotte will er nicht leben. Und Charlotte selbst? Kämpft mit ihren Gefühlen und mit ihrem Pflichtbewusstsein. Dass das nicht gut gehen kann, ist irgendwie zu erahnen.

Die Inszenierung am Theater Regensburg

Charlotte ist zwischen Ehe und Gefühle gefangen (Darsteller: Daniel Ochoa, Jason Lee, Seymur Karimov, Vera Semieniuk, Statisterie) © Juliane Zitzlsperger

Die Musik stammt von Jules Massenet, einem französischen Opernkompon isten des 19. Jahrhunderts, der das lyrische Drama 1892 verfasste. Wobei der Oper ein falscher Titel gegeben wurde. Da das Stück die Zerrissenheit der Figuren, die in ihren Sehnsüchten, Ängsten und nicht zuletzt den Erwartungen an sich selbst gefangen sind, widerspiegelt, und dies alles rein zufällig auf Charlotte zutrifft, müsste man das Stück eigentlich nach ihr benennen. Sie ist eine aktive und handelnde Figur, die im dritten Akt nach der Pause ihren großen Wendepunkt bekommt. Nicht nur weil sie hier ihre innere Gefühlswelt wirklich präsentiert. 

Die Musik wird vom Philharmonisches Orchester Regensburg, geleitet von Tom Woods, der seit der Spielzeit 2014/15 erster Kapellmeister am Theater Regensburg ist, gespielt. Gesungen wird, wie in jeder Oper, von den Schauspieler:innen selbst, wobei Amar Muchhala als Werther teilweise vom Orchester übertönt wird. Charlotte-Darstellerin Vera Semieniuk geht hingegen vollkommen in ihrer Rolle auf und bringt das auch gesanglich zum Ausdruck. Im Hintergrund bekommt die Szenerie einen modernen Anstrich durch die Tanzgruppe »The Crowd«, die sich aus zwei professionellen Tänzer*innen und Studierenden des Akademie für Darstellende Kunst (ADK) Bayern zusammensetzen.

Die Tanzgruppe sorgt für den modernen Flair im Stück (Darsteller The Crowd (mit Tina Essel, Tamás Mester; Studierende der ADK Bayern: Maddalena Haindl, Joshua Jacobs, Tara Oestreich, Annalena Oswald, Luise Pahlke, Leonard Wollner) © Juliane Zitzlsperger

Eine gute Inszenierung – mit Schwachpunkten

Für Opernliebhaber und -kenner:innen ist die Oper leicht zu verstehen, wenn sie auch in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln ist. Es bleibe kaum Zeit für Szenenapplaus und manch einen störe das leuchtende Notausgangsschild im Hintergrund. Dass gerade Charlotte in den Vordergrund rückt und ihr Konflikt zwischen Ehe und Pflichtbewusstsein im Kontext der damaligen Rolle der Frau und der Liebe deutlich wird, ist positiv zu vermerken. Die moderne Interpretation des Goethe-Textes ist dem Theater Regensburg durch die Rundbühne gelungen, wobei die Rotation dieser nicht immer ganz zu verstehen ist. Hingegen wirft die Schlussszene einige Fragen auf: Dort werden wie willkürlich Tücher sowie der immer präsente Flügel nach oben gehoben, gleichzeitig ist allerdings der Schnürboden selbst auf der Bühne zu sehen – zur Handlung passt dies ganz und gar nicht.

Fazit: »Werther« ist eine Oper, die eigentlich einen anderen Titel braucht. Die Inszenierung ist modern und zeigt besonders innere Konflikte auf. Die Musik passt gut zur Handlung und der Gesang ist überwiegend deutlich.

 

Factbox: »Werther«

  • Genre: lyrisches Drama mit Musik (Oper)
  • Länge: 2 Stunden und 35 Minuten inklusive Pause
  • Spielort: Theater am Bismarckplatz
  • nächste Termine und Karten auf der Website des Theaters Regensburg

 

Beitragsbild: Charlotte (Vera Semieniuk) und Werther (Amar Muchhala) im dritten Akt © Juliane Zitzlsperger

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