Feminis:muss: Rote Karte Frauenstimme

Feminis:muss: Rote Karte Frauenstimme

Die Europameisterschaft im Männer-Fußball – von vielen heiß ersehnt – läuft seit zwei Wochen und bringt uns nach dem langen Corona-Winter mit 51 Spielen Sommergefühle, ein bisschen Normalität … und Frauenhass?

von Stefanie Heiland

ARD und ZDF übertragen den Großteil der Spiele live, zusammen mit ausgedehnten Vor- und Nachberichterstattungen. Zu diesen Live-Übertragungen gehören natürlich auch Live-Kommentierungen des Spielgeschehens durch Sportjournalist*innen und Expert*innen. Während beim ARD ein Team aus vier Männern kommentiert, sind beim ZDF mit Claudia Neumann und Ariane Hingst auch zwei Frauen im sechsköpfigen Team eingesetzt. Das heißt insgesamt 10 (Co-)Kommentator*innen für das Turnier, davon acht Männer und zwei Frauen, also ein Frauenanteil von 20 Prozent. Gar nicht mal so hoch, bedenkt man*, dass Frauen immerhin die Hälfte der Weltbevölkerung und der potenziellen Fernsehzuschauer*innen ausmachen. Für manche allerdings unerträglich, eine Zumutung, nicht zum Aushalten. Anders lässt sich kaum erklären, warum bei einem (überwiegend männlichen) Teil deutscher Fußball-Fans ein kollektives Hyperventilieren einzusetzen scheint, sobald sie den Fernseher einschalten und das Geschehen im Stadion allen Ernstes von einer Frauenstimme unterlegt ist. 

Erst vor zwei Wochen gab es in dieser Kolumne einen Beitrag zum digitalen Hass gegen Frauen und leider ist dieses Thema auch hier einschlägig. Denn: Einige dieser EM-Fans schaffen es nicht, sich stillschweigend damit abzufinden, wenn ihnen die Begleitberichterstattung zu einem Spiel unter dutzenden mal nicht gefällt – nein, sie müssen sich auf Social Media abreagieren und der Online-Welt ihr Missfallen kundtun, schneller tippend als nachdenkend. Bezogen wird sich dabei zu oft nicht etwa auf fachliche Kritik am Inhalt der Berichterstattung, sondern auf die kommentierende Frau, die persönlich angegriffen und herabgewürdigt wird. 

Frauen und Fußball – passt halt nicht!

Die Sportjournalistin Claudia Neumann hat bei dieser EM bislang beispielsweise das Spiel zwischen Dänemark und Belgien kommentiert und sobald sie hinter dem Mikrofon sitzt, überschlagen sich im Netz beschämenderweise die sexistischen Hass-Kommentare. Twitter-Nutzer beleidigen Neumann offen feindselig, beschweren sich über ihre Stimmfarbe, beklagen Kopfschmerzen oder hinterfragen, warum denn das ZDF überhaupt Frauen kommentieren lasse … alles für die Quote, nicht wahr? Frauenstimmen passen halt einfach nicht zum Fußball, akzeptiert das doch!

Auch ihre Kompetenz wird immer wieder infrage gestellt. Es kann doch wohl nicht sein, dass Frauen – Frauen! – in der Lage sind, ein Fußballspiel zwischen Männern zu kommentieren, oder?

Claudia Neumann jedenfalls arbeitet seit 22 Jahren bei der ZDF-Hauptredaktion Sport. 2011, bei der WM im Frauenfußball, war sie die erste WM-Kommentatorin im deutschen Fernsehen. 2016, bei der EM im Männerfußball, war sie die erste Frau, die im deutschen Fernsehen ein Männerturnier live kommentierte; 2018 war sie die erste Champions-League-Kommentatorin.

Die Qualifikationen ihrer digitalen Kritiker sind zwar nicht bekannt, dennoch kann niemand ernsthaft bezweifeln: Claudia Neumann kennt sich aus mit Fußball und sie kennt sich aus mit dem Fußballspielekommentieren, egal ob nun Männer oder Frauen dem Ball hinterherlaufen. 

Wer an dieser Stelle ein Lob verdient: Die Social-Media-Redaktion des ZDF-Sportstudios. Dort wird die Hetze gegen Claudia Neumann nicht ignoriert, sondern aktiv dagegengehalten, sodass im besten Fall vielleicht dem ein oder anderen Twitter-Experten vor Augen geführt wird, wie lächerlich und respektlos er gerade reagiert. 

Übersteigertes Revierdenken?

Und wer kommentiert nun eigentlich die Frauenfußball-Turniere? Wer meint, hier könnten sich die Geschlechterverhältnisse umdrehen, irrt; bei der WM 2019 war wiederum Claudia Neumann die einzige kommentierende Frau bei den ZDF-Spielen, im Ersten kommentierten Stefanie Baszyk und Bernd Schmelzer. 

Wer weiß, vielleicht gibt es auch Zuschauer*innen von Frauenfußball-Turnieren, denen die tiefe Stimme des männlichen Moderators das ganze Spiel versaut, so wie sich jetzt Twitter-User über weibliche »Stimmchen« aufregen; dass Männer Frauenfußballpartien kommentieren, scheint jedoch nichts Ungewöhnliches zu sein. Und die Frauen – naja, die dürfen da auch mal hinterm Mikrofon mitmachen, Frauenfußball ist eh langweilig. 

Offenbart sich so im Hass gegen Claudia Neumann eine Art Verhaltensregel für Frauen? Das ist unser Revier, mischt euch nicht ein, ihr habt hier nichts zu suchen (in der Halbzeitpause dürft ihr uns aber ein Bier bringen). Sind Fußballturniere etwa für manche die letzte Oase der (toxischen) Männlichkeit? Fühlen sie sich deshalb derart angegriffen, wenn ihnen eine weibliche Stimme mitteilt, dass Kevin De Bruyne ein Tor für Belgien geschossen hat? 

Die Gründe für diese Hasstiraden mögen ein Rätsel bleiben, was aber auch bleibt, ist die Hoffnung darauf, dass dieses Trotzverhalten bald überwunden werden muss, weil Frauen in der Fußballberichterstattung so alltäglich geworden sind, dass selbst der letzte Misogynist nicht mehr entkommen kann. Sabine Töpperwien – 1989 die erste Frau überhaupt, die eine Fußballübertragung kommentierte – hat anlässlich ihres Karriereendes in diesem Jahr resümiert, dass sie ein von einer Frau kommentiertes WM-Finale wohl nicht mehr erleben werde. Das Versprechen der ARD daraufhin: Das diesjährige EM-Endspiel und das WM-Finale 2022 werden im ARD-Radio erstmals von Frauen kommentieren. Am 11. Juli wird Julia Metzner im Radio live vom Finale im Wembley-Stadion berichten und auch Claudia Neumann ist bis dahin hoffentlich noch bei einigen Spielen hinterm Mikrofon. 

Beitragsbild: © Emilio Garcia on Unsplash

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