Feminis:muss: Oma, bist du Feministin?

Feminis:muss: Oma, bist du Feministin?

Feminismus ist doch heutzutage nur noch was für weiße, junge, cis-Hipster*innen aus Berlin-Neukölln, oder? Das folgende Interview soll zeigen, dass Feminismus uns alle was angeht und dass auch Meinungen und Ansichten von vielleicht nicht-stereotypen Feminist*innen zählen: zum Beispiel die von meiner Oma. 

das Interview führte Anna-Lena Brunner

Hallo Oma, danke, dass du dir Zeit nimmst für mich! Kannst du dich kurz vorstellen? Wer bist du, was machst du, wie alt bist du … was dir sonst so einfällt.

Oma Inge beim Interview

Also, ich bin die Inge Gigl. Ich wohne in Kirchdorf im Bayerischen Wald. Ich bin 75 Jahre alt und davon 53 Jahre verheiratet. Ich habe zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter und mittlerweile vier Enkel, auf die ich sehr stolz bin. Und ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. 

Wie und in welcher Zeit bist du aufgewachsen?

Also ich hatte eine schöne, zufrieden Kindheit. Bis ich acht Jahre alt war, bin ich auf einem Bauernhof aufgewachsen. Danach sind wir nach Kirchdorf gezogen, wo wir eine Bäckerei und ein Lebensmittelgeschäft eröffnet haben. Ich hatte wirklich eine schöne Kindheit, muss ich sagen. Natürlich ist das kein Vergleich mit den Kindern heutzutage. Wir waren auch mit wenig zufrieden. Zu Weihnachten gab’s dann für meine Schwester und mich ein Puppenwägelchen für uns zwei. Aber das ging auch und wir waren glücklich. Später dann war ich in Zwiesel an der Mädchenschule, wo ich eine Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht habe. Dann habe ich allerdings 32 Jahre im Pfarramt gearbeitet, davor sieben Jahre im Landratsamt in Regen als Verwaltungsangestellte. Später habe ich dann auch meinen Vater gepflegt. Für mich ist mein Leben ein sehr schönes, mit allen Hochs und Tiefs.

Wie unterscheidet sich die Zeit heute von der deiner Jugend beispielsweise?

Oma Inge mit Schwester und Mama und Papa

Naja, die Zeit war schon anders. Vor allem für Frauen. Zum Beispiel was Vereine betrifft. Da waren nur Männer. Keinen Verein gab es, wo auch eine Frau beitreten konnte. Der einzige war dann der Katholische Frauenbund, der 1973 gegründet wurde. Ansonsten war es wirklich so früher, dass Frauen zuhause blieben. Die Männer konnten Spaß haben, in den Vereinen zum Beispiel, und die Frauen blieben zuhause. Aber dann kam die Zeit, in der Frauen auch hinauskommen konnten. Aber ich weiß von den verschiedensten Frauen, die gerne zum Frauenbund gegangen wären, aber vom Mann aus nicht durften. Der Mann war halt der dominierende Part in der Ehe. Aber das waren keine Ausnahmen. Das war dann halt so. Im Frauenbund war ich dann von 1973 bis 2005 in der Vorstandschaft. Endlich gab es einen Verein für Frauen, zu dem man gehen konnte und ich dachte mir: »Wenn es schon so etwas gibt, dann gehe ich auch dazu!«  Vor allem bei uns auf dem Land war das eine Besonderheit und es gab einem* ein Gefühl von Selbständigkeit. Das war eine sehr gute Zeit. 

Wenn du an Feminismus denkst, was kommt dir in den Kopf?

Also ich finde es auch sehr wichtig, dass heutzutage Frauen und Männer mehr oder weniger gleichgestellt sind. Wenn eine Frau in der Vorstandschaft ist beispielsweise, wenn sie die Qualifikationen dazu hat, dann finde ich das schon gut. Aber den Druck, der oft dahintersteht, das finde ich dann nicht so richtig. Wenn es immer heißt, dass die Frauenquote unbedingt 50 Prozent betragen muss usw. Ich denke, wenn jemand die Ausbildung und die Qualifikationen hat und sich das zutraut, dann soll sie in Führungspositionen kommen, auf jeden Fall. Aber unbedingt durch die 50 Prozent … ich weiß nicht, vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber ich finde das nicht unbedingt so wichtig, dass es genau 50 Prozent sein müssen.

Wieso findest du diese Quotenregelung nicht so wichtig?

Ich denke, das kommt auf die Ausbildung an. Natürlich studieren heutzutage auch mehr Frauen als Männer. Aber es kommt schon auch darauf an, wie sich eine Frau präsentiert. Nicht jede Frau ist geeignet für jeden Posten. Manche haben das gewisse Etwas, manche nicht. Also ich bin schon der Meinung, dass Männer besser passen für manche Posten, als Frauen. 

Aber woran würdest du das festmachen? Also an bestimmte Eigenschaften? Körperliche Differenzen?

Ja, an Eigenschaften eventuell. Vielleicht ist dominant auch nicht das richtige Wort. Aber ich glaube, es gibt viele Frauen, die sich von Natur aus eher zurückhalten. Also als Beispiel: Ich war sehr lang im Pfarrgemeinderat. Und dort sind auch Frauen und Männer. Und es ist schon oft so, dass das Wort von einem Mann mehr Gewicht hat, als das einer Frau. Und wieso weiß ich auch nicht. Aber das ist leider so. Vor allem bei uns auf dem Land. 

Aber eigentlich ist das ja dann das Problem der Gesellschaft und nicht das der Frau, oder?

Ja, auf jeden Fall. Aber Frauen sind schon auch selbstbewusster geworden mittlerweile. 

Und das ist auch gut so?

Ja, definitiv. Das sollte auch so sein und ist richtig so.

Aber wenn Frauen schon selbstbewusster geworden sind, brauchen wir dann im Jahre 2020 überhaupt noch Feminismus? Haben wir ihn jemals gebraucht?

Ja, weil das noch nicht komplett selbstverständlich ist, denke ich. 

In welchen Bereichen oder Teilen ist Feminismus zum Beispiel noch nicht selbstverständlich?

Vielleicht in der Politik zum Beispiel. Oder auch wenn man in Krankenhäuser schaut, Ärzte zum Beispiel. Das sind meistens mehr Männer als Frauen. Aber ich glaube nicht, dass Frauen schlechter wären, als Männer. Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber es ist trotzdem immer noch eine männlich dominierte Hierarchie. Das ist immer noch so. Von dem her glaube ich schon, dass wir Feminismus auch im Jahre 2020 immer noch brauchen. 

Also würdest du sagen, dass in Deutschland keine komplette Gleichberechtigung herrscht?

Nein, ich glaube nicht. Wir sind auf dem besten Wege, aber am Ziel sind wir noch nicht. »Ganz gleichberechtigt« wird es in Zukunft vermutlich auch nicht geben. 

Wie könnte man die Lage für weibliche* Personen verbessern?

Ich glaube, dass das nicht so einfach ist. Also dass Frauen genauso die Berufe ausüben, wie Männer. Das kann ich mir nicht vorstellen. Also ich meine, es wird immer besser. Wenn man zurückschaut zum Beispiel, sagen wir 20 Jahre, damals war das noch viel krasser als es heute ist. Sogar in den Handwerksbetrieben gibt es mittlerweile einige Frauen. Vor 20 Jahren hätte man sich das nicht vorstellen können. 

Also haben wir noch einen langen Weg vor uns?

Das ist noch ein langer Weg, ja. Aber wenn ich, wie gesagt, zurückschaue, dann merkt man* schon, dass sich die letzten Jahre einiges verändert hat. Vor allem, was das Leben von Frauen anbelangt. 

Vielen Dank!

Gern geschehen. 

Beitragsbild: ©Dakota Corbin |Unsplash

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