Lautstark: Ein Brief von Springsteen an uns alle

Lautstark: Ein Brief von Springsteen an uns alle

Schon wieder Springsteen? Ja, schon wieder, aber dieses Mal müssen wir uns nicht an legendäre Konzerte aus den Siebzigern zurückerinnern. The Boss hat mit »Letter To You« sein 20. Studioalbum released. Mit an Bord ist seine E Street Band, die einen großen Beitrag dazu leistet, dass man sich in diesen turbulenten Zeiten zurückversetzt fühlt in die »guten alten Zeiten«, als man im Stadion ihre Songs mitsingen konnte.

von Lotte Nachtmann

Eines steht seit dem Release von »Letter To You« fest: Bruce Springsteen ohne die E Street Band funktioniert einfach nicht. Und zwar in ihrer ursprünglichen Besetzung, bitteschön, abgesehen von den Ersetzungen, die vorgenommen werden mussten, nachdem Danny Federici 2008 und Clarence The Big Man Clemons 2011 verstorben waren. »Letter To You« wirkt fast wie eine Rückbesinnung Springsteens auf das, was seine Musik viele Jahrzehnte lang ausgemacht hat und bei den letzten beiden Alben ein wenig verloren gegangen war. »High Hopes« (2014), dem eigentlich nur Tom Morellos viel zu dominantes Gitarren-Gejaule im Wege stand, und »Western Stars« (2019), dem man anmerkt, dass Springsteen einfach kein Solo-Künstler ist, waren glückerweise nur kurzfristige Verirrungen. Jetzt ist die E Street Band mit ihrem inzwischen 71-jährigen Boss Springsteen wieder mit voller Wucht zurück.

Ehrlicher, unprätentiöser Rock

Trotz gemischter Pressestimmen zu »Letter To You« muss ich sagen: Ich mag die LP. Und zwar gerade, weil sie sich anhört, wie die Springsteen-Alben vor 2014. Es braucht nicht noch mehr Veränderung in Zeiten, in denen der erste morgendliche Blick auf eine Zahl fällt, von der man hofft, dass sie nicht schon wieder rasant angestiegen ist, und in denen sich die Regeln, was man noch darf oder nicht, quasi täglich ändern. In Songs wie »Rainmaker«, »Ghosts«, »Janey Needs a Shooter« oder »House Of A Thousand Guitars« erkennt man den Sound, der viele Springsteen-Alben seit der Jahrtausend-Wende prägt. Genauso wie »The Rising«, »Magic« oder »Working On A Dream« hören sich diese Songs nach ganz ehrlichem, unprätentiösem Rock an, ohne Schnörkel und ohne erschlagende, seelenlose Synthesizer-Klänge. Ganz am Anfang, beim zarten Gitarren-begleiteten »One Minute You’re Here« hört sich »Letter To You« dann wieder an wie die melancholischen Alben »Nebraska« oder »The Ghost Of Tom Joad«, die Bilder von Herbst, kaltem Wind, enttäuschten Gefühlen und grauen US-Vorstädten hervorrufen. Springsteens Stimme drückt dabei aber nie Verzweiflung aus. Auch wenn er in »Letter To You« über Geister, den »Last Man Standing«, Vergänglichkeit und Zweifel singt, vermittelt er dennoch, dass schon alles wieder gut werden wird.

Denn das Leben spielt in den neuen Songs eine mindestens genauso große Rolle wie die Geister: »I’m alive, I can feel the blood shiver in my bones | I’m alive and I’m out here on my own | I’m alive and I’m coming home«, heißt es in »Ghosts«. Als ich das Stück im Pre-Release das erste Mal gehört habe, musste ich instant anfangen zu weinen. Aber nicht, weil darin die Seelen Verlorener besungen werden, sondern weil gerade dieser Song so sehr nach Springsteen klingt, dass man sich kaum retten kann. Er klingt nach bodenständigem Rock, nach Karohemd und nach einem gefüllten Stadion, in dem 40.000 überglückliche Menschen »Ghosts runnin’ through the night« mitsingen. Das sind Szenen, an die in Zeiten von Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen nicht zu denken ist und nach denen wir uns im Moment nur um so mehr sehnen. Aber schon beim zweiten Hören verflog bei mir diese Melancholie und die Wut auf das große C und ich verlagerte das Konzert einfach zu mir nach Hause, mitsamt Gute-Laune-Gefühl.

Last man (or* woman) standing

Diese angesprochene Ehrlichkeit, die Springsteens Musik seit eh und je ausmacht und für die er einst zum musikalischen Working-Class-Hero ausgezeichnet wurde, ist im Grunde das, was »Letter To You« ausmacht. Das Album sagt seinen Hörer*innen: Ja, das Leben kann ziemlich scheiße sein, und im Moment ist es das vielleicht auch gerade. Wir fallen auf die Nasen, bekommen nicht, was wir wollen. Wir verlieren Menschen und sind manchmal the last man (or* woman) standing. Aber das war’s noch nicht. Und um diese Hoffnung zu vermitteln, muss Springsteen nicht einmal großartig politisch werden. Gerade dem politisch tief gespaltenen Amerika, das in diesen Tagen einem wohl noch wegweisenderem Tag als vor vier Jahren entgegen geht, tut so ein aufrichtiger, Mut machender, aber gleichzeitig nichts schön redender Brief vielleicht ganz gut. Und vielleicht hat Springsteen seinen »Letter To You« an uns alle geschrieben, um uns zu versichern, dass unsere alten Freunden aus der E Street Band für uns da sind.

Wer diesen Brief mal lesen will, der*die sollte sich unbedingt folgende Songs anhören:

»One Minute You’re Here«
»Last Man Standing«
»Rainmaker«
»Ghosts«

Beitragsbild: Rolling Stone

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