Quarantäne Tag XY: Die Zeitrechnung in Irish Coffees

Ich sitze in meiner Wohnung und bin mittlerweile voll auf »Home Uni« eingestellt. Scrolle durch die Kurse. Nehme gelegentlich einen Schluck meines Irish Coffees. Meines zweiten Irish Coffees. Ah ja, der gute alte »Irish«. Nur dass ich ihn mit Toffee-Likör statt mit Baileys verfeinert habe – etwas anderes hatte ich leider gerade nicht da. Ich hätte los gehen und einfach einen kaufen können, aber bevor ich das Haus verlasse, überlege ich mir drei-, viermal, ob es wirklich notwendig ist. War Baileys ein Notfall, wenn auch Toffee Likör geht? Ich war mir nicht sicher. Ist es noch cool, sich an die Regeln zu halten und ein vorbildlicher Staatsbürger zu sein, wenn es um die nationale Sicherheit geht? Gute Frage …  

von Kati Auerswald

Okay, ganz ehrlich: So übel finde ich die momentane Situation gar nicht. Klar, wenn man in einer Wohngemeinschaft wohnt, sieht man zumindest mal ein anderes Gesicht, als das des Postboten oder das eigene, im Spiegel. Ja, ich stand gestern tatsächlich vor meinem Badezimmerspiegel und habe der Person darin mitgeteilt: »Hey, du hast einen Sonnenbrand!« Darauf bekam ich einen leicht skeptischen Blick zurück. »Tja, dann solltest du nicht so viel draußen in der Weltgeschichte herumspazieren gehen!« Jetzt streckte mir mein Gegenüber auch noch eine gepiercte Zunge entgegen. Wie unhöflich! Ich rümpfte die Nase, wand mich ab und dachte über ihre Worte nach. Während sich die Menschen um mich herum in zweierlei Gruppen eingeteilt haben – die einen, die eifernd trotz Ausgangssperre jeden Morgen ihre Runde im Park joggen und die anderen, die Bier trinkend vor ihrem Fernseher oder PC sitzen – gehöre ich der dritten Gruppe an, die eine Mischung aus beiden zu sein scheint: Sie süffeln im Home Office Irish Coffee, lesen oder bilden sich sonst wie weiter. Und gehen eher mal ne Runde im Park spazieren, anstatt übereifrig Home Workouts zu absolvieren. Bedeutet das, dass noch alles rund läuft und die Menschen noch nicht durchgedreht sind? Meine Mum würde dazu sagen, ich kann anfangen, mir Sorgen zu machen, wenn ich plötzlich keinen Irish Coffee mehr trinke … 

Über erstere Gruppe – die der Home-Gym-Enthusiasten – muss ich ein kurzes Wort verlieren. Es ist ja wirklich toll, dass diese Leute ihre Euphorie und ihren Ehrgeiz trotz geschlossener Fitnessstudios nicht verloren haben. Aber mal im Ernst: Es fühlt sich nicht wie Ausgangssperre an, wenn man alle paar Schritte im Park einer/m Jogger*in ausweichen muss. Auch wenn es zugegebenermaßen echt witzig ist, wie erschrocken manche Spaziergänger*innen oder Jogger*innen zusammenzucken, wenn man ihnen mal ein paar Zentimeter zu nahe kommt … Nicht, dass ich das schon ausprobiert hätte … 

Wie dem auch sei, zumindest hat Gruppe zwei – die Couch-Potatoes – einen gesellschaftlichen Mehrwert:  Diabetolog*innen und Ernährungsberater*innen dürfen sich dank ihnen auf eine steile Karriere nach der Quarantänezeit freuen. Kein Wunder, dass die Backregale meines örtlichen Supermarktes besonders zu Anfang der Ausgangssperre wie weggefegt waren … ganz zu schweigen vom Chipsregal und dem Eiscreme-Tiefkühlfach. Es gibt also noch Hoffnung: Nicht jeder Wirtschaftszweig wird in der »Zeit danach« den Bach runtergehen. Wow, was für eine Erkenntnis. Ich nehme noch einen Schluck meines »magischen Kaffees« und fühle neue Kraft und Mut für die Zukunft. Tja, nicht nur Red Bull kann Flügel (oder Superkräfte) verleihen. Ich fühle mich mit einem Schlag noch entspannter und sorgenfreier. Und damit das so bleibt, muss ich gleich morgen unbedingt neuen Toffee Likör kaufen. Denn ich rechne die Quarantäne schon längst nicht mehr in Tagen oder Wochen: Ich rechne sie in Irish Coffees: In wie vielen Irish Coffees wird wohl wieder alles »normal« sein? 

Vielleicht verrät euch Laura dazu in der nächsten Wohnsinn-Kolumne mehr dazu.

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