Wohnsinn-Kolumne: Sturmfrei im Vogelhaus

Nachdem es letzte Woche Vogel-News von den Elstern in Lottes Innenhof gab, geht es bei mir direkt weiter mit tierischem Nestbau – allerdings mit dem von weniger erwünschten Zeitgenossen. Vögel sind ja ganz süß, vor allem die Küken. Aber für Wespen-Nachwuchs kann ich mich leider nicht begeistern. Auch nicht, wenn sie im Vogelhaus wohnen.

von Selina Roos

Das Vogelhaus haben wir noch von den Vormietern übernommen, und die wahrscheinlich wiederum von deren betagter Vormieterin. Das ist zumindest naheliegend, wenn man die langsam verblassende Farbe, das abgesplitterte Holz und die schon etwas rostig anmutenden Schrauben in Betracht zieht. Hineingeschaut haben wir seit unserem Einzug vor einem Jahr nicht, um eventuelle Bewohner nicht zu stören. Es wäre auch gar nicht mal eben machbar gewesen, das Häuschen zu öffnen, denn es ist (bis auf das Einflugloch) wind- und wetterfest verschraubt. Ja, auch die Tür. Und zwar direkt dreifach. Und da es in einer neuen Wohnung auch noch ein paar andere Dinge gibt, die verschraubt werden wollen, geriet das Vogelhäuschen schon bald in Vergessenheit.

Naja fast. Wir haben zwar gefiederte Bewohner weder gesehen noch gehört, aber im vergangenen Sommer zog die Behausung doch hin und wieder die Aufmerksamkeit meiner Mitbewohnerin auf sich. Das Vogelhäuschen hängt direkt über ihrem Zimmerfenster, wodurch sie natürlich alles mitbekommt, was sich daran und darin tut. Viel tat sich zwar nicht, aber regelmäßig schwirrten ein paar Wespen herum, die manchmal auch darin verschwanden. War dort drin etwa ein Wespennest? Oder waren die Insekten nur auf das Holz aus, um es abzuknabbern und dann für ihren Nestbau zu verwenden? Da wir wirklich nicht viele Tiere beobachten konnten, waren wir uns nicht ganz sicher.

In diesem Frühling wagte ich mich dann ran, um nachzusehen. Nachdem ich mich mithilfe von Google versichert hatte, dass gerade weder Wespen noch andere Insekten in einem möglichen Nest sein dürften und bisher nur eine einzige Meise kurz zur Besichtigung erschienen war, war ich guter Dinge. Eine sturmfreie Bude hat man ja nicht oft. Mit einem Schraubenzieher bewaffnet machte ich mich also ans Werk und fand tatsächlich die Spuren der Vormieter: Die Ansammlung von Moos und Gräsern am Boden wies sogar noch die Kuhle auf, die vor wenigen Jahren wohl einem Meisenpaar als Kinderstube diente. Kurz freute ich mich, dass mir beim Öffnen der Tür kein großes, kugeliges Wespennest entgegenlachte, sondern nur dieser unschuldige Haufen Grünzeug.

Dann wagte ich aber (eher zufällig) einen Blick in Richtung der spitz zulaufenden Decke und da hing es dann doch. Es war ein kleines Nest, das in der Dachschräge fast verschwand, wenn man nicht genau hinsah. Es war irgendwie halb offen, keine Ahnung ob das so sein sollte oder ob schon ein Teil abgebröckelt war. An der Vorderseite konnte ich dadurch jedenfalls wabenartige Strukturen sehen, wie ich sie eigentlich nur von Bienenstöcken kannte. Kugelig war das Nest auch nicht wirklich, es schmiegte sich vielmehr flexibel in die linke obere Ecke des Vogelhäuschens.

Als ich mit meiner Begutachtung schließlich fertig war, stellte sich die letzte Frage: Lasse ich die Nester drin oder nehme ich sie lieber heraus? Google wusste natürlich auch darauf eine Antwort. Auf ein weiteres Jahr mit einem Wespennest im Vogelhaus habe ich wenig Lust, aber da Wespen ihre alten Nester in der Regel nicht wiederverwenden, kann man es bis in den späten Frühling einfach dort hängen lassen. Wenn überhaupt sind es junge, unerfahrene Wespenköniginnen, die ein altes Nest beziehen, jedoch nur, wenn sich wirklich kein anderer geeigneter Nistplatz finden lässt. Es kann sogar von Vorteil sein, das Nest hängenzulassen, da es in den meisten Fällen vor einer Neuansiedlung schützt.* Perfekt, große Wirkung durch Nichtstun. Manchmal gibt es diesen Luxus dann doch.

Nächste Woche versorgt euch wieder Kati mit einem Wohnsinn-Update. Stay tuned!

 

*Ohne Genehmigung darf man ein Wespennest ohnehin nur zwischen November/Dezember und Mai entfernen, da die Wespen in dieser Zeit bereits gestorben und die Königinnen ausgeflogen sind. Allgemein wird für das Entfernen der Hoch- oder Spätwinter empfohlen. Laut Plantopedia kann dies aber auch erst im April geschehen, um das alte Nest bis dahin als Abschreckung für andere Wespen zu nutzen. Laut Aktion Wespenschutz kann man – solange es nicht stört – ein altes Wespennest bedenkenlos längen lassen.

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