Buchrezension: Lucy M. Montgomery – »Anne of Green Gables«

Anne of Green Gables ist ein bisschen heile Welt in Zeiten von Corona und erinnert uns passend dazu an vielen Stellen daran, was für ein Privileg es sein kann, zuhause zu sein und ein Zuhause zu haben: »It’s lovely to be going home and know it’s home.«

von Franziska Baghestani

Vor einigen Wochen habe ich im Urlaub in Tirol, der mir eine zwei-wöchige Quarantäne einheimste, ein Blind Date mit einem Buch gekauft. Das bedeutet, verschiedene Bücher sind in Packpapier eingeschlagen und man sucht sich das Buch nach einigen darauf geschriebenen Hinweisen aus, ohne zu wissen, wie es heißt, von wem es ist und wie es aussieht.

Auf dem von mir gewählten Buch war ein kurzer Satz daraus zitiert, wie sich später rausstellte eine Aussage der Hauptfigur, die mich am Ende überzeugt hat: „You need big words to capture magnificent things.“
Das Buch heißt Anne of Green Gables (die deutsche Übersetzung Anne auf Green Gables) und ist 1908 von der kanadischen Autorin Lucy M. Montgomery veröffentlicht worden. Es handelt sich um ein Kinderbuch und den Anfang fand ich auch erstmal nicht sehr überzeugend, sondern eher etwas langweilig. Den ganzen Tag nur daheim sitzend, hatte ich aber sowieso nicht viel anderes zu tun als zu lesen und schon ein paar Seiten später hatten mich die liebenswürdigen Charaktere so weit, dass ich auch gar nicht mehr aufgehört habe.

Der Titel Anne of Green Gables beschreibt die gleichnamige Hauptfigur. Anne ist zu Beginn des Buches elf Jahre alt und ein Waisenmädchen. Sie wird von den schon etwas älteren, ein bisschen verschrobenen Geschwistern Marilla und Matthew Cuthbert aufgenommen und lebt ab diesem Zeitpunkt mit ihnen auf Green Gables, deren Haus im Osten Kanadas.

Auf über 400 Seiten wird im Folgenden das Alltagsleben von Anne mit den völlig gegensätzlichen Cuthbert-Geschwistern, Annes Freundinnen und all den anderen Persönlichkeiten, die zum Dorfleben dazugehören, beschrieben. Das Ganze zieht sich über einen Zeitraum von fünf Jahren und so wird aus dem kleinen, elf-jährigen sommersprossigen und rothaarigen Mädchen, das seine Gefühle und sein Mundwerk nicht zügeln kann, eine aufgeweckte Jugendliche.
Die Beschreibung der jungen Anne würde genauso auch auf Pippi Langstrumpf passen und es ist wohl wirklich so, dass Anne als eine Art Vorbild für Astrid Lindgrens Pippi diente. Ich als eingeschworener Astrid Lindgren-Fan sehe schon Gemeinsamkeiten, aber da Anne doch um Einiges gewöhnlicher und realistischer ist als die Geschichte um Pippi, ist sie irgendwie auch doch ganz anders. Und Pippi Langstrumpf ist meiner Meinung nach viel offensichtlicher ein Kinderbuch als Anne of Green Gables.

Annes Geschichte spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts und es ist wirklich spannend, über die Kindheit in dieser Zeit zu lesen, aber dementsprechend »veraltet« kam mir einiges vor. Ich muss zugeben, an manchen Stellen musste ich beim Lesen meine inneren feministischen Aufschreie unterdrücken, da von Mädchen und Frauen in dieser Zeit nun mal einfach noch etwas anderes erwartet wurde, als wir uns das heute vorstellen. Trotzdem ist Anne ein starkes, sensibles Mädchen vom Typ »zu nett für diese Welt«, das eigenständige Entscheidungen trifft und durch ihre zeilen- bis seitenlangen sehr intelligenten Monologe zeigt, dass sie ihre weiterführende Schulbildung und den Respekt verdient, den ihr letztendlich das ganze Dorf entgegenbringt.

Sehr schnell habe ich meine anfängliche Skepsis abgelegt, weil Anne einfach so sympathisch ist, dass ich wissen wollte, wie es ihr auf Green Gables ergeht. Dass das Buch ein Kinderbuch ist, merkt man nur daran, dass die Handlung sehr entspannt so vor sich hinfließt und nichts passiert, das nicht auch im echten Leben wirklich passieren könnte. Das fand ich aber überhaupt nicht störend, sondern hier zuhause in der Quarantäne im Gegenteil eher angenehm und langweilig wird es durch Annes Temeperament nie. Und obwohl das Buch über 100 Jahre alt ist, gibt es Sätze, die gerade jetzt auch für uns ziemlich passend erscheinen. Zum Beispiel, indem sie uns daran erinnern, dass es, so schlimm die Situation jetzt gerade auch ist, wieder ein Leben nach Corona geben wird: »… one can’t stay sad very long in such an interesting world, can one?«

Beitragsbild: Asia Books

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