Wohnsinn-Kolumne: Grüße aus der Quarantäne

Wohnsinn-Kolumne: Grüße aus der Quarantäne

Viele halten sich an die Empfehlungen zur Verlangsamung der Infektionsketten. Viele haben aber auch leider noch nicht verstanden, wie wichtig es ist, jetzt zu Hause zu bleiben. Vielleicht weil sie nicht direkt betroffen sind. Ich bin es: Mein Freund steht unter Quarantäne, ohne krank zu sein; ich habe mich selbst bis aufs Einkaufen isoliert. Der dieswöchige Wohnsinn aus der Quarantäne soll ermutigen, dass es gar nicht so schlimm ist, in den eigenen vier Wänden zu bleiben.

von Lotte Nachtmann

Ja Ihr habt richtig gehört: Ein Wohnsinn aus der Quarantäne. Keine Sorge, ich bin nicht krank. Allerdings steht mein Freund unter Quarantäne, also so richtig und offiziell, von Seiten des Gesundheitsamtes. Zum Hintergrund: Ein Arbeitskollege meines Freundes wurde vergangene Woche positiv auf das weltweit grassierende Corona-Virus getestet. Konsequenterweise wurden alle seine direkten KollegInnen – also auch mein Freund – für 14 Tage unter häusliche Quarantäne gestellt, vom Gesundheitsamt tatsächlich »Hausarrest« genannt. Etwas martialisch meiner Auffassung nach. Mein Liebster zeigt glücklicherweise keinerlei Symptome: kein Husten, kein Halskratzen und auch die tägliche Fiebermessung liegt im Normalbereich. Bei mir das gleiche, ich wäre ja schließlich Übertragungsperson Nummer eins gewesen. Getestet würden wir allerdings erst, wenn wir Symptome zeigen würden. Alles andere ist bei den ohnehin überlasteten Kapazitäten des Gesundheitsamtes ohnehin nicht machbar.

Hausarrest, was bedeutet das?

Aber was bedeutet das für uns? Für meinen Freund ist das alles ziemlich klar: nicht vor die Wohnungstür, Homeoffice und kein Kontakt zu Personen von außen. Für mich ist das schon etwas schwieriger: Ich darf raus, da ich keine Erstkontakt-Person bin. Deshalb versorge ich meinen Freund jetzt auch mit Lebensmitteln. Als wir am letzten Donnerstag von der potentiellen Infektion seines Kollegen erfahren haben, war für uns irgendwie klar: Wenn mein Freund es haben sollte, dann hat er mich vermutlich eh schon angesteckt. Und wenn Quarantäne, dann zusammen. Außerdem wollte ich meine Mitbewohnerin Marie nicht unnötig einer Infektionsgefahr aussetzen. Also bin ich noch einmal mit Handschuhen und Mindestabstand in unsere WG, habe sämtliche Unterlagen für meine Hausarbeit, Klamotten und anderen überlebenswichtigen Kram zusammengepackt und mich bei meinem Freund einquartiert. Laut Gesundheitsamt sollen wir wegen der Möglichkeit, auch erst ab einem späteren Zeitpunkt ansteckend zu sein, Abstand halten, in getrennten Zimmern schlafen, nicht gemeinsam essen etc. etc. Dazu sage ich offiziell Folgendes: »Man tut, was man kann.« Inoffiziell könnt Ihr Euch sicher vorstellen, dass das kaum möglich ist, zumal wir vor der offiziellen Quarantäne eh Kontakt hatten und im Zweifelsfall die ganze Wohnung voller Viren ist.

Nicht nur das Gesundheitsamt kann Quarantäne aussprechen

Trotzdem nehme ich die Sache natürlich nicht auf die leichte Schulter, zumal es jetzt nicht um uns junge, gesunde Menschen geht, sondern um ältere, geschwächte oder vorerkrankte Personen, die Corona nicht so einfach wegstecken wie wir, sondern ernsthaft in Gefahr sind. Lest dazu auch gerne Anikas Kommentar, der morgen online kommt, und tretet Euch bitte alle selber in den Hintern, zu Hause zu bleiben. Aber zurück zu meinen Vorsichtsmaßnahmen: Ich habe mich quasi selbst unter eine Art Quarantäne gestellt. Das bedeutet, dass ich nur noch die Wohnung verlasse, um für uns einzukaufen (möglichst selten und möglichst früh, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen, nach vorherigem Händewaschen, mit Handschuhen und mit genügend Abstand zu meinen Mitmenschen). Und um laufen zu gehen, alleine und ohne Kontakt zu anderen.

How to not Lagerkoller

Ok, sehr lange Vorgeschichte. Die Quint-Essenz ist also: Mein Freund und ich befinden uns in Isolation. Zwei Menschen, die sich sonst zwar täglich sehen, aber nicht zusammenleben, sind jetzt in einer immerhin Drei-Zimmer-Dachgeschoss-Wohnung mit Balkon (wäre ich keine Atheistin, würde ich an dieser Stelle Gott dafür danken) eingesperrt und müssen versuchen, uns nicht gegenseitig auf den Keks zu gehen. Sind das nicht perfekte Voraussetzungen für einen Wohnsinn? Tatsächlich vertragen wir uns bis auf manche Langeweile-, Lagerkoller- oder (nicht weiter ungewöhnliche) Wahnsinnsanfälle gut. Deshalb gibt es an dieser Stelle ein paar Tipps, die uns helfen, in den eigenen vier Wänden nicht komplett am Rad zu drehen.

Erstens: Teilt Euch feste Arbeitszeiten ein. Das ist für uns, die mit Homeoffice und Hausarbeit ohnehin eingespannt sind, nicht allzu schwer, wie jeden anderen Tag, acht oder neun Stunden zu arbeiten. Also Wecker stellen und an den Schreib- oder von mir aus Esstisch setzen und an egal was Ihr gerade zu tun habt arbeiten. Wenn Ihr wirklich mal unverplante Semesterferien haben solltet, gibt es genug zu tun, was Ihr schon ewig vor Euch her schiebt. Ein paar Ideen: Frühjahrsputz, Computer, Kleiderschrank oder das ganze Zimmer ausmisten, Ordnung in Dokumente von der Uni bringen usw. usw. Das alles macht vielleicht nicht jeder/m Spaß, bringt aber das Gefühl von Verpflichtung zurück in den nicht enden wollenden Flow von »Ich kann ja jetzt die ganze Zeit machen was ich will und mich dabei trotzdem langweilen«.

Zweitens: Sucht Euch eine Lektüre. Mir geht es so, dass ich unterm Semester dank der ausführlichen Pflichtlektüren der Kurse kaum zum privaten Schmökern komme. Also lest endlich den Roman, den Euch Papa zu Weihnachten geschenkt hat und der seitdem im Regal verstaubt, oder Blogs, Zeitungen, Zeitschriften (die auch noch andere Themen außer Corona zu bieten haben). Die Artikel der Lautschrift, die natürlich auch in Virus-Zeiten regelmäßig für Euch erscheinen, sind da sehr zu empfehlen 😉

Drittens: Zu Hause bleiben heißt nicht, dass man keinen Kontakt zur Außenwelt haben kann. Skypt, telefoniert oder schreibt mit Euren Liebsten, die Ihr lange nicht gesehen habt oder jetzt nicht mehr sehen könnt. Meine Freundinnen, von denen zwei letztes Semester aus Regensburg weggezogen sind, und ich wollen die Tage endlich mal wieder miteinander skypen. Nutzt die Zeit, die Ihr jetzt habt. Und wenn Ihr sonst denkt, kaum jemand hätte Zeit und Lust, Euch zu schreiben: Wenn man in Quarantäne sitzt, merkt man anhand der vielen lieben Nachrichten, dass es sehr viele Leute gibt, die sich um einen sorgen.

Viertens: Sport. Dazu muss ich vermutlich nicht viel sagen. Wenn Ihr raus dürft, dann geht laufen, Radfahren oder auch nur spazieren. Natürlich nicht in Gruppen und mit Abstand zu anderen. Oder schaut mal auf dieses YouTube. Meine Oberschenkel und mein Hintern beschweren sich immer noch über das Workout von vor drei Tagen.

Fünftens: Das schöne Wetter ist für viele verlockend, sich nicht an die Empfehlungen zur Eindämmung der Infektionen zu halten. Aber Picknicken, Eis essen oder Sonnenstrahlen genießen kann man auch zu Hause, zur Not in Ermangelung eines Balkons einfach mit offenen Fenstern. Sieht ja keiner, wenn Ihr im Wohnzimmer ne Picknick-Decke ausbreitet und die Lieblingseissorte aus der Tiefkühltruhe statt von der Eisdiele holt.

Ich könnte die Liste noch ewig weiterführen und Ihr sicher auch. Aber meinen letzten Tipp klaue ich mir von dem Kollegen meines Freundes, der positiv getestet wurde: Genießt die Zeit mit Euren Liebsten. So viel Zeit wie jetzt habe ich sonst nie für meinen Freund und dafür bin ich der ganzen Krise tatsächlich dankbar.

Vielleicht helfen Euch die Tipps ja, wenn Ihr selbst auch unter Quarantäne steht oder sie Euch selbst – wie ich – bis auf die nötigsten Einkäufe auferlegt habt. Letzteres ist auch das einzig Vernünftige, das Ihr jetzt machen könnt.

Alle wichtigen, aktuellen und vor allem korrekten Informationen über das Corona-Virus findet Ihr unter anderem über folgende Links:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Bundesgesundheitsministerium

Robert Koch-Institut

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