»Warum hört niemand auf mich?«

»Warum hört niemand auf mich?«

Maria Milisavljevic fragt in »Das schaffen wir! Oder: Einer hat die Absicht eine Mauer zu bauen«, ihrem neuen Stück für das Junge Theater, wie das eigentlich gelaufen ist mit der Wiedervereinigung. 30 Jahre Aufarbeitung – alles ist wieder gut. Oder?

Von Anika Freier

Schutzwall oder Mauer, eine Frage der Betrachtung. »Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten«, so Walter Ulbricht im Sommer 1961, nur kurz später stand sie. Eine (Marianna McAven) war schon immer da. Nicht nur sie, auch ihre Großmutter, ihr Vater, und jetzt sie. Sie will einfach nur sein, an dieser vertrauten Stelle, ihre Ruhe haben. Der Vertreter (Michael Zehentner) lässt das nicht zu. Ein Schutzwall muss hier hin, so sieht er das. Sie nicht. Und doch baut sie die Mauer. Eine Wahl hat sie nicht.

Maria Milisavljevic schrieb das Stück »Das schaffen wir! Oder: Einer hat die Absicht eine Mauer zu bauen«, für das Junge Theater inszeniert von Maria-Elena Hackbarth, und könnte damit nicht besser erzählen, was passiert ist vor nun bald 60 Jahren, nach der Wiedervereinigung und der langen Zeit dazwischen. Eine klassische Bühne gibt es dabei nicht. Der Zuschauerbereich ist in zwei Hälften geteilt, man sitzt sich gegenüber. Immer höher wird die Mauer, die die Eine in der Mitte des Raumes durch große verspiegelte Steine hochzieht, immer größer ihr Groll gegen den Vertreter, gegen ihre Tätigkeit – immer weniger ist zu sehen von der gegenüberliegenden Seite und von der anderen Hälfte des Publikums. Der Vertreter leitet die Eine an und hat neben Ratschlägen zum Mauerbau glorifizierende Zitate über die Mauer – pardon, den Schutzwall – parat, wobei die Worte Donald Trumps und Björn Höckes Aktualität und Tragweite der Thematik hervorheben. Bald wird auch der Bühnenbereich geteilt sein: in Osten und Westen.

Marianna McAven als Eine. © Chrisina Iberl

Ein leises Rascheln ist zu hören, als die Mauer fast fertig ist, eine leichte Unruhe verbreitet sich. Was passiert hier? Die Eine verbaut den letzten Stein, plötzlich ist Musik zu hören, Auf der anderen vielleicht dieser Seite 1 (Marcel Klein) und Auf der anderen vielleicht dieser Seite 2 (Peter Blum) verteilen Süßigkeiten an die ZuschauerInnen, es gibt einen Flashmob, Loblieder auf Shopping Malls und das gute Leben. »Waren da Hilferufe?«, fragt Auf der anderen vielleicht dieser Seite 1. Ach was, die Stimmung ist gerade so gut, da war schon nichts, findet Auf der anderen vielleicht dieser Seite 2, es wird weiter gefeiert.

Davon bekommt die andere Hälfte des Publikums nur wenig mit. Es werden Kopfhörer verteilt, die Zuschauer müssen sie aufsetzen – jetzt. Dafür sorgt der Vertreter. Quasi-Propaganda ertönt hier, der Sozialismus, eine gute Sache. Gemeinschaft, darum geht es hier. Beim Absetzen der Kopfhörer wird das einheitliche Bild jedoch getrübt: Streit zwischen der Einen und dem Vertreter, aber auch die Feierlaune aus dem Westen.

Während der rund einstündigen Aufführung bringen die vier SchauspielerInnen ein Thema auf die Bühne, das gerade heute wieder an Aktualität gewinnt. Mauern nicht nur in ihrer physischen Existenz, sondern vor allem die unsichtbaren Mauern in den Köpfen, die Menschen voneinander trennen. Die Anschläge in Halle und Hanau verdeutlichen einmal mehr, wie wichtig es ist, diese Mauern abzubauen, endlich als wirkliche Gemeinschaft zu denken und zu handeln.

Dass das nur schwer auf die Bühne zu bringende Thema in der Inszenierung so erfolgreich transportiert wird, liegt neben der symbolträchtigen Bühnengestaltung vor allem an den SchauspielerInnen. Sie repräsentieren jeweils keine konkreten Personen, sondern vielmehr Gruppen von Menschen – und haben damit eine Mammutaufgabe zu bewältigen. Es gelingt ein Spagat zwischen unterhaltsamem, lustigem Theater und einer dem Thema geschuldeten, wichtigen Bedrückung. Besonders Marianna McAven schafft es, beklemmende und zweifelnde Emotionen des Mauerbaus ebenso wie die Euphorie beim Fall dieser überzeugend zu präsentieren und kurz darauf zu verdeutlichen, was bei der Wiedervereinigung schiefgelaufen ist: Sie lebt geradezu auf der Bühne die Verzweiflung, als sie feststellt, dass ihr niemand zuhört, niemanden interessiert, was sie denkt. Vorurteile dominieren eigene Urteile, der Kapitalismus den Sozialismus sowieso. Und so übermannt der Westen den Osten: Weil nicht gesprochen wird. Oder eben aneinander vorbei.

Eintritt: 7,50€ 

Termine: https://www.theater-regensburg.de/spielplan/details/das-schaffen-wir-oder-einer-hat-die-absicht-eine-mauer-zu-bauen-14/ 

Wir danken dem Theater Regensburg und Christina Iberl für die Zurverfügstellung der Fotos in diesem Beitrag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.