Kochen mit Aussicht

Wohin nur mit all dem Zeug? Raumnot in Großstädten macht erfinderisch. Gänge in vielen
Wohnheimen gleichen einer Lagerhalle. Abstellkammern werden zu WG-Zimmern
umfunktioniert. Auch meine WG sah sich mit der Frage konfrontiert. Unsere Antwort war den
Balkon in eine Outdoor-Küche zu verwandeln – ein Grill war sowieso schon vorhanden.

von Fabian Westermeyer

Weder Kochtopf noch Salzstreuer konnte ich finden, als ich abends in der neuen WG mit dem Nudelkochen starten wollte. Mein Versuch, sich den Platz der Küchengeräte in den ersten Tagen langsam zu merken, war anscheinend nicht von Erfolg gekrönt. Ein Blick in die Schubladen verwirrte mich noch mehr. Auch das Besteck war abhandengekommen. Mein hungriger Magen rebellierte mit Knurren gegen die unfreiwillige Diät. Eilig machte ich mich deshalb auf die Suche, um an das heiß ersehnte Abendessen zu kommen. Meine Schnitzeljagd dauerte nicht lange, ehe ich auf dem Balkon fündig wurde.
Dort waren alle Gegenstände aus der Küche mitsamt Stühlen, Regalen und Tisch hin
verfrachtet worden. Außerdem hatte auch unsere Nachbar-WG, mit denen wir uns den Balkon teilen, ihre Sachen dort abgestellt. »Da ist man ein paar Stunden unterwegs und der Rest startet einfach eine Küche auf dem Balkon«, war mein erster Gedanke. Meine Kochutensilien waren eingeparkt von dem Teeservice meines Mitbewohners und den zurückgelassenen Tellern früherer WG-Bewohner. Die Pfannen und Töpfe waren zu einem etwas in Schieflage geratenen Turm aufgestapelt worden – mein Topf natürlich mittendrin. Nachdem auch der passende Deckel zu dem Topf für die Soße gefunden war, genoss ich wenig später meine Pasta. Der neue Ort des Küchentischs konnte nur mit der Aussicht auf die Balkone der umliegenden Wohnheime aufwarten. Auch das Ambiente war unmittelbar umgeben von Regalen noch ausbaufähig.

Am nächsten Morgen lernte ich den Grund für die Aktion. In einem Schreiben kündigte der Hausmeister an, dass vor Semesterstart eine Grundreinigung von einer externen Firma durchgeführt wird. Für den angegebenen Zeitraum von eineinhalb Wochen sollten alle Gegenstände aus den Räumen entfernt werden. Sollte das nicht erfolgen, so müsste die WG für den entstandenen Mehraufwand der Reinigungskräfte aufkommen. Dementsprechend leer und unbewohnt sah die Wohnung in den nächsten Tagen aus. Außerdem durften wir durch unsere Lage in einem der oberen Stockwerke die Freiluft-Küche für mehr als eine Woche genießen. Neben der Tatsache, dass der Balkon so frequentiert wie nie zuvor besucht wurde, brachte die neue Lagersituation auch einige andere Veränderungen mit sich. Wer mehrere Küchengeräte benötigte, blieb fürs Kochen gleich auf dem Balkon, solange kein Herd von Nöten war. Die dreckigen Teller abzuspülen, ehe der Vorgang bei starkem Regen von der Natur nochmal wiederholt wurde, war definitiv nicht meine Vorstellung einer Spülmaschine.
Soviel zu meinem Debüt mit der Grundreinigung. Inzwischen habe ich mich an das sich
wiederholende Schauspiel gewöhnt. Dieses Semester war dabei meine fünfte Aufführung. Inszenierungen im Sommer sind dabei wesentlich angenehmer als im Winter. Nachdem ich für den Master aber die Stadt wechsle, war dieses Semester wahrscheinlich mein letztes Mal Kochen auf dem Balkon ohne Aufstehen zu müssen, wenn ich etwas aus der Küche brauche.
Ich bin mal gespannt, wo ich in meiner neuen Bude kochen werde? In München ist die
Raumnot schließlich noch schlimmer – also im Aufzug?

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