Sich selbst und der eigenen Kultur den Spiegel vorhalten – ein Jugendaustausch mit Jordanien

Den eigenen Horizont erweitern und anderen Kulturen offen und neugierig entgegen zu treten, sollte Ziel eines jeden Austausches sein. In ihrem Artikel erzählt eine junge Studentin von ihrer Jugendbegegnung in Jordanien, von der Gastfreundschaft der Menschen und vor allem von ihren unvergesslichen Erfahrungen und Momenten.

 

Ein Gastbeitrag von Pia Zilcher

Ist das nicht zu gefährlich? – So war die erste Reaktion meiner Mutter, als ich meinen Eltern davon erzählte, dass ich überlege, eine Jugendbegegnung in Jordanien mitzumachen. Tatsächlich hat der Nahe Osten in den letzten Jahren bei uns in Deutschland vor allem durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam gemacht. Von Krieg, Terror und Zerstörung ist die Rede. Und ein mulmiges Gefühl breitet sich aus, wenn wir an Länder wie Syrien, Palästina und Jordanien, und ihre Kultur denken, die der unseren so fern zu sein scheint.
Die meisten von uns wissen nicht viel über die arabische Kultur und den Islam. Ein schwammiges Bild aus den Medien und dem Schulunterricht ist vielleicht vorhanden, aber reicht das, um ein Land und seine Leute zu verstehen? Dabei ist es wichtiger denn je, genau mit dieser Kultur in den Dialog zu treten.

Jordanien und Deutschland sind Leidensgenossen in der Flüchtlingskrise. In einer Zeit, in der islamfeindliche Äußerungen leider an der Tagesordnung stehen, ist es besonders wichtig und notwendig, solche Vorurteile abzubauen.
Und diese Möglichkeit sah ich, als ich vom zwölften Jordanienaustausch der Deutsch-Jordanischen Gesellschaft hörte. Wahlweise sieben oder zehn Tage würde ich mit einer kleinen Gruppe deutscher Schüler und Studenten, die aus Regensburg, Freising und Ingolstadt stammen, nach Jordanien fliegen und dort in der Hauptstadt Amman auf unsere Austauschpartner treffen. Vorgesehen war ein volles Programm aus Kennenlernen, Sightseeing und Diskutieren. Ein Austausch also, der uns nicht nur das Land zeigen, sondern uns auch mit den Jordaniern und ihrer Kultur vertraut machen sollte.

Am 31. August ging es schließlich los und unsere Gruppe, bestehend aus fünfzehn Jugendlichen und unseren Gruppenleitern Tobias Spielmannleitner und Julia Christof, machte sich auf den Weg.

»Welcome to Jordan!«

Gleich bei der Ankunft offenbarte sich uns die jordanische Willkommenskultur in all ihrer Ehrlichkeit und Offenheit. »Welcome to Jordan«, wurde da gerufen und man fühlte sich sofort wohl im Kreis dieser Menschen, die bereits nach den ersten Unterhaltungen gar nicht mehr so fremd wirkten. Nach dem ersten Kennenlernen ging es richtig los und eine Tour quer durch Jordanien begann. Von Norden nach Süden besuchten wir faszinierende Orte wie alte Tempelanlagen in Jerash und Umm Quais, das neue Weltwunder Petra, das Tote Meer und die Wüste Wadi Rum. Vor allem die Tatsache, dass wir die Schönheit und Einzigartigkeit dieses Landes an der Seite von Einheimischen entdecken konnten, machte diese Reise zu etwas ganz Besonderem.   Es waren vor allem die Momente mit den Jordaniern, die den Austausch so wertvoll machten. Sei es das Tanzen zu arabischer Musik, Sternschnuppenzählen in der Wüste, Tauchen im Roten Meer, oder einfach nur eine gute Unterhaltung im Bus, während man sich bereits auf den Weg zu einem neuen Highlight der Reise befand.

Von solchen Highlights gab es einige, denn für die meisten von uns war es das erste Mal in Jordanien und das Land schaffte es mehrmals, uns den Atem zu rauben. Es ist wichtig, ein offenes Herz für seine Kultur und seine Leute zu haben, denn sie sind der wahre Reichtum Jordaniens. Besonders von ihrer Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber Neuem und Unbekannten können wir viel lernen!

Unsere Vorurteile weichen einem Gefühl der Dankbarkeit

Denn gerade ihre Gastfreundlichkeit und  das ehrliche Interesse an einem selbst als Person sind kaum mit Worten zu beschreiben. Jeder von uns hat in der kurzen Zeit enge Freundschaften mit den jordanischen Studenten geschlossen.  Als wir wieder abreisen mussten, waren Vorurteile und Bedenken einem Gefühl von Dankbarkeit und Demut gewichen. Wir alle sind dankbar für die wertvollen Erinnerungen, die wir von diesem Austausch mitnehmen und haben zugleich auch eine neue Sichtweise auf unsere eigene Kultur bekommen. Ein anderes Land zu besuchen, ist immer ein wenig so, als würde man dem eigenen einen Spiegel vorhalten. Aus dem Spiegelblick von Jordanien haben wir alle eine wichtige Erkenntnis mit nach Hause genommen: Dass es eben nicht reicht, nur über ein Land, seine Leute und seine Religion zu lesen. Man muss über seinen Schatten springen und auf Tuchfühlung gehen. Denn nur so wird klar , dass man auf der ganzen Welt Freunde finden kann und dass Dinge, die auf den ersten Blick fremd scheinen, auf den zweiten Blick vertrauter sein können, als man es je für möglich gehalten hätte.  Selbst, oder ganz besonders , in einem arabischen Land, in dem ein Großteil der  Menschen muslimisch ist.

Das ist das wohl größte Gastgeschenk, das die Jordanier uns gemacht haben und ich persönlich freue mich schon sehr darauf, sie nächstes Jahr im September in Deutschland für den Rückaustausch willkommen zu heißen. Wer weiß, wie der Blick auf unser Land den ihren verändert.

Falls ihr Interesse habt, Teil dieses Austausches zu werden, meldet euch bitte bei: 
Tobias Spielmannleitner (tobias_spielmannleitner@web.de) oder Julia Christof ( julia.christof@web.de)

Fotos: Marcel Heinrich

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