Die Gedanken sind frei

Was kommt dabei heraus, wenn ein soziales Netzwerk vollkommene Anonymität mit einer begrenzten Reichweite von maximal zehn Kilometern verbindet? »Jodel« wurde mit genau diesem Konzept in den letzten Semestern zu einer der beliebtesten Smartphone-Apps an deutschen Universitäten – und hat nebenbei seine ganz eigene Community hervorgebracht.

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Das Jodel-Team                                           Foto: The Jodel Venture GmbH

»Bei Jodel hat jeder Einzelne eine Stimme. Hier kannst du dich mit Studenten aus deiner Umgebung austauschen und dabei deinen Gedanken freien Lauf lassen. Dabei ist unwichtig, wer du bist oder woher du kommst – es zählt nur, was du zu sagen hast.«, so beschreiben die Entwickler in den Community-Richtlinien ihrer App, was Jodel ihrer Meinung nach ausmacht.

Das hört sich erst einmal bierernst an, nach Gleichberechtigung im Netz und freier Meinungsäußerung – nach idealer Smartphone-Demokratie, wenn man so will. Doch wirklich politisch ist Jodel eigentlich nicht, im Prinzip ist die App nichts anderes als eine digitale Klotüre auf einem x-beliebigen Uni-WC: Hier kann jeder posten, was ihm oder ihr gerade durch den Kopf geht, und zwar vollkommen anonym: Anmelden muss sich bei Jodel nämlich niemand. Lesen und Kommentieren können andere Nutzer dabei nur Jodel (so werden auch einzelne Posts in der App genannt), die sich in einem Umkreis von maximal zehn Kilometern befinden.

»Jodel geht weiter. Hier zählt, wer in unmittelbarer Umgebung ist.«

»Die Kommunikation beschränkt sich bei Jodel nicht nur auf Leute, die man bereits kennt, so wie es bei anderen, herkömmlichen Social Networks der Fall ist, die konzeptionell immer personengebunden sind. Jodel geht weiter. Hier zählt, wer in unmittelbarer Umgebung ist.«, sagt Sarah Hernandez, die bei »The Jodel Venture GmbH«, der Entwicklerfirma von Jodel, für das Marketing zuständig ist.

Ihren Anfang hat die Jodel-App in Aachen genommen, dort wurde sie im Oktober 2014 von Alessio Avellan Borgmeyer, dem jetzigen CEO der Entwicklerfirma, an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule gelauncht. Er hatte zuvor bereits mit TellM, einer ganz ähnlichen App, in den USA für Aufsehen gesorgt. Auch TellM war vollkommen anonym, beschränkte sich aber nur auf Kontakte, die auf dem eigenen Handy bereits angelegt waren. Der große Erfolg blieb mit diesem Konzept aus. Anonymität alleine, so haben die Entwickler bald festgestellt, reichte einfach nicht um sich von anderen Socialmedia-Apps abzusetzen. »Es wurde deutlich, dass nicht die Anonymität allein das entscheidende Feature ist, sondern die Standortbezogenheit wesentlich relevanter und interessanter ist«, sagt Sarah.

Während die anderen drei Gründer von TellM bald das Handtuch warfen, beschloss Alessio Borgmeyer die App mit einem neuen Team weiterzuentwickeln, dem derzeit samt Freelancern, Praktikanten und Werksstudenten etwa 25 Leute angehören. Damit wurde aus TellM Jodel. Und Jodel hat Erfolg. In ganz Deutschland und darüber hinaus tummeln sich Studenten in der Jodel-Community. Genaue Nutzerzahlen will Sarah aber nicht nennen. »Nur so viel: Innerhalb eines Jahres haben wir bereits die 1-Million-User-Marke geknackt.« Woher kommt dieser Erfolg?

Flache Sprüche, Insider-Witze und eine gute Portion Lokalkolorit

Öffnet man die App, wird man auf den ersten Blick geradezu überschwemmt von billigen Witzen und flachen Sprüchen, wie sie auch auf anderen sozialen Netzwerken und Internetseiten, von Facebook bis 9Gag, zu tausenden gepostet werden. Verbringt man aber mehr Zeit auf Jodel, wird schnell deutlich, was die App ausmacht: Hier gibt es nicht nur zahllose Insider-Witze, Jodel ist auch zu einer riesigen Austauschplattform für allerlei Ratsch und Tratsch, ebenso wie für ernstere Themen geworden: Klischeehafte Sprüche über versnobte Jura-Erstsemester, Mandala-malende Grundschullehramts-Studentinnen und Informatiker-Kellerkinder mischen sich hier mit Schnappschüssen aus dem Unialltag und Gesprächen über Beziehungsprobleme und Liebeskummer.

Gerade die Regensburger Jodel-Szene lässt dabei keine Gelegenheit aus sich selbst und ihre Stadt bei jeder Gelegenheit zu zelebrieren: Die rasante Fahrweise so mancher RVV-Busfahrer ist Dauerthema, Fotos von Dom und Donauufer im Abendlicht sind allseits beliebt und auf die oft gestellte Frage, was man denn am Abend noch unternehmen könnte, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit immer mit genau einer berühmt-berüchtigten Kneipe geantwortet.

Nebenbei wird über Mode, Serien und Musik diskutiert, anonyme Komplimente werden ausgetauscht, es wird über langweilige Vorlesungen gejammert und das Essen in der Mensa kommentiert. – Wer wissen will, wie die Regensburger Studentenschaft tickt, braucht eigentlich nichts weiter zu tun als sich die Zeit mit Jodel zu vertreiben. Hier erfährt man, welche Biermarke den Regensburger Studenten am besten schmeckt, wo’s das beste Eis und die beste Pizza der Stadt gibt oder welche Studiengänge vermeintlich auf das andere Geschlecht am anziehendsten wirken.

Gutes Karma, böses Karma

Anonymität im Netz, so wie sie bei Jodel herrscht, hat freilich auch ihre negativen Aspekte: »In einer analogen Zeit mag Anonymität im Positiven zu einem ehrlichen und authentischen beziehungsweise ‘freien’ Verhalten geführt haben«, sagt Dr. Silke Roesler-Keilholz, Medienwissenschaftlerin an der Uni Regensburg. In unsere digitalen Gegenwart sei das anders: »Ungehemmte und unreflektierte Handlungen begleiten hier diesen Status.«

Dem möchte Jodel über ein System aus sogenannten »Karma-Punkten« entgegenwirken, die man erhält, wenn andere Nutzer den eigenen Post »upvoten«. So soll sich der Inhalt der App selbst regulieren: Was witzig oder interessant ist, soll seine Aufmerksamkeit unabhängig davon erhalten, wer es gepostet hat. Was dagegen negativ auffällt, wird von der Community nach unten »gevotet«, dem »Jodler« werden »Karma-Punkte« abgezogen.

»Der Jodel selbst ist die einzige Bewertungsgrundlage. Die Qualität des Jodel wird somit also über die persönliche Selbstdarstellung gestellt.« sagt Sarah und fügt hinzu: »Das ist bei Instagram, Twitter oder Facebook beispielsweise anders: Dort gewinnen häufig einfach die beliebtesten Personen die größte Reichweite, die meisten Likes, wobei einfach viel an Authentizität verloren geht.«

Ist das das Geheimnis des Erfolgs? Sehnen sich die Digital Natives nach einer freien und ungebundenen Kommunikationsplattform in einer medialen Gegenwart, die von sozialen Netzwerken geprägt wird, die sich oftmals allein der Selbstdarstellung des Einzelnen widmen?

In der »lokalen Kommunikation kombiniert mit dieser Leichtigkeit, die dadurch entsteht, dass man sich nicht registrieren muss« liegt für Sarah der Erfolg der App begründet. »Genau deshalb findet man bei Jodel auch einfach relevanten, repräsentativen und vor allem authentischen Inhalt aus seiner unmittelbaren Umgebung.«, sagt sie.

Dass Jodel aber wirklich repräsentativ und authentisch ist, darf man dennoch ruhig bezweifeln. Denn Anonymität heißt eben auch, dass niemand nachprüfen kann, ob die Geschichte, die hinter einem Jodel steckt auch wirklich so passiert ist – oder nur frei erfunden wurde, weil ihr Verfasser ein paar »Karma-Punkte« einheimsen wollte. Und ob man der Jodel-Community wirklich alles anvertrauen sollte, bleibt ohnehin dahingestellt: »Meines Erachtens ist anonymes Handeln in einer digitalen Welt nicht, oder nur vordergründig möglich. Zu stark ist die überwachende Netz- und Speicherfunktion des World Wide Web.«, sagt Roesler-Kleinholz.

Also doch wieder nichts mit unbeschwerter Freiheit im Internet? Vielleicht. Langeweile im tristen Unialltag lässt Jodel aber trotzdem nicht aufkommen.

 

Die bunte Welt der Jodel-Posts 
Von morgendlichen Katerkrisen über besonders dringende Angelegenheiten während der Vorlesung bis hin zum Schwätzchen über House-Musik mit Opa- alles dabei!  -> einfach sliden lassen

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