Am Dienstag im Studikino: Wie Gott in Belgien

Am Dienstag im Studikino: Wie Gott in Belgien

FilmrezensionGott ist nicht tot, er lebt – und das nicht etwa in Frankreich, sondern samt Frau, Tochter und kariertem Bademantel mitten in Brüssel. Jako Van Dormaels »Das Brandneue Testament« ist so skurril und blasphemisch, wie diese Ausgangssituation vermuten lässt, verliert inmitten der vielen Einfälle aber leider allzu oft den roten Faden.

Von Anna Jopp

In Belgien teilt Gott (Benoît Poelvoorde) sich eine staubige Wohnung mit seiner Frau, ebenfalls Göttin (Yolande Moreau), und der 10-Jährigen Tochter Éa (Pili Groyne). Ein Platz am Esstisch (zur Rechten Gottes, wo sonst?) bleibt reserviert für den verstorbenen Sohn (»J.C.«), ansonsten ist das Familienleben ziemlich eintönig.

Die Mutter stickt und sammelt Baseball-Karten, Gott selbst vertreibt sich die Zeit damit, in Modelleisenbahn-Manier Züge entgleisen zu lassen, Häuser anzuzünden und die von ihm erschaffene Menschheit auf immer raffiniertere Weise zu quälen. An seinem göttlichen Computer programmiert er präzise Gebote (Gebot 2218: »Die Warteschlange, in der man nicht steht, kommt immer schneller voran als die eigene«, Gebot 2129 »Immer wenn ein Mensch in die Badewanne steigt, läutet das Telefon« etc.), die den Menschen den Alltag zusätzlich erschweren sollen.

Genervt von Gottes Sadismus beschließt Jesus‘ kleine Schwester Éa schließlich gegen den jähzornigen Vater zu rebellieren. Im Streit bringt sie den göttlichen Computer zum Absturz und flieht auf die Straßen Brüssels – jedoch nicht ohne vorher noch kurz jedem Erdenbewohner eine SMS mit dessen jeweiligem Todesdatum zukommen zu lassen.

Die Menschen wissen, wann sie sterben werden – und stürzen sich furchtlos von Häusern

Dieser »Death Leak« hat ungeahnte Folgen. Sich ihrer verbliebenen Lebenszeit auf die Sekunde genau bewusst, kündigen Menschen ihre Jobs, stürzen sich spontan von Häusern (sie wissen ja, dass sie überleben werden), schießen als Heckenschützen willkürlich auf ihre Mitbürger oder trennen sich von ihrem Partner, um die restlichen Jahre stattdessen mit einem riesigen Gorilla zu verbringen.

Inmitten dieses Chaos‘ sucht Éa sich sechs Apostel (darunter die schöne Martine, gespielt von Catherine Deneuve), deren Lebensgeschichten sie zu einem brandneuen Testament verarbeiten möchte. Kapitel für Kapitel erzählt der Film nun die Geschichten dieser Jünger. Éa hilft einem nach dem anderen, mit den eigenen Fehlern und Problemen ins Reine zu kommen, in Sachen übernatürliche Fähigkeiten kommt sie schließlich eher nach Bruder Jesus denn nach ihrem technikabhängigen Vater: Unter anderem kann sie die persönliche Herzensmelodie jedes Menschen erspüren und diesem daraufhin therapeutisch wertvolle Träume verschaffen. Protokolliert wird das Geschehen von Victor (Marco Lorenzini), einem obdachlosen Legastheniker, der von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen hat – er besitzt kein Handy und hat die SMS mit seinem Todesdatum daher nie erhalten.

Der Bösewicht des Films: Gott selbst

Gott selbst lässt den Verrat natürlich nicht auf sich sitzen: Im karierten Bademantel, Tennissocken und Pantoffeln an den Füßen, ist der Bösewicht des Films der aufmüpfigen Tochter auf den Fersen. Doch gefangen in seiner Schöpfung wird er schon bald zum Opfer seiner eigenen Gebote.

Die Grundidee ist innovativ, viele der Einfälle herrlich durchgeknallt. Die langsame Erzählweise erinnert an französische Klassiker wie »Die fabelhafte Welt der Amélie«. Dennoch wirkt der Film gerade durch die vielen Ideen überladen, die Rahmengeschichte ist dünn und dient oft nur als Leinwand für immer neue Skurrilitäten. Spätestens wenn in der zweiten Hälfte des Films immer mehr visuelle Slapstick-Momente auf philosophische Lebensweisheiten treffen, droht Regisseur Van Dormael den Zuschauer zu verlieren. Dieser bleibt schlussendlich zwar durch einzelne Szenen unterhalten, vom absurden Gesamtwerk jedoch eher verwirrt zurück.

 

»Das Brandneue Testament« läuft am Dienstag, 19. April, ab 20 Uhr im Hörsaal H2.

Grafik: Anna Jopp

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