Hin und weg

Grenzenloses Studium: Shoko, Tomoo, Maria und Jonathon sind Austauschstudenten in Regensburg. Über zu salziges Essen, Beerpong und Liebe.

Japaner
Tomoo und Shoko studieren seit dem Wintersemester in Regensburg. /Foto: Jopp

Ist das Chinesisch?«, fragt das Mädchen leise ihre Freundin. Die beiden sitzen im Bus. Ihnen gegenüber unterhalten sich Shoko Nishikawa und Tomoo Kogami angeregt in ihrer Muttersprache. »Nein«, sagt Shoko auf Nachfrage lachend. »Das ist Japanisch! Aber es passiert mir hier immer wieder, dass Leute auf Chinesisch ‚Hallo‘ sagen, wenn sie mich das erste Mal treffen«.

Seit neun Monaten ist die 21-Jährige in Regensburg. Am liebsten möchte sie noch länger bleiben, um ihr Deutsch weiter zu verbessern. Noch vor wenigen Jahren hätten Shoko und Tomoo, beide Studenten an der japanischen Kanazawa Universität,  damit kaum gerechnet. Bevor sie 2011 für einen Sommerkurs das erste Mal in die Donaustadt kamen, wussten sie schließlich kaum etwas über Regensburg. »Dass die Altstadt zum Weltkulturerbe zählt, davon hatte ich gehört«, erinnert Shoko sich heute. Dann gefielen ihr das fremde Land und die Stadt so gut, dass sie sich entschied, wiederzukommen und ein ganzes Jahr in Deutschland zu studieren.

»Die Stadt ist nicht so groß«, beschreibt Tomoo seinen ersten Eindruck. »Aber die vielen Touristen und die bunten Gebäude gleichen das aus.« Eines der Hauptargumente für einen Auslandsaufenthalt sei für ihn gewesen, dass er neue Leute kennenlernen wollte. Er wehrt sich darum gegen das Klischee, dass Gaststudenten im Ausland am liebsten unter sich blieben: »Ich unternehme mindestens genauso viel mit deutschen Freunden«, erzählt er.

»The best place to live«

Shoko und Tomoo zählen zu den insgesamt 1408 ausländischen Studierenden, die im Wintersemester 2012/2013 an derUni Regensburg eingeschrieben waren. Laut dem offiziellen Jahresbericht der Universität von 2012 kommen über 63 Prozent von ihnen aus europäischen Ländern, gefolgt von asiatischen Studenten mit einem Anteil von 24,3 Prozent.

Dass sich so viele Studenten bei der Frage nach einem Auslandssemester in Deutschland ausgerechnet für Regensburgund nicht etwa für bekanntere Städte wie München oder Berlin entscheiden, scheint auf den ersten Blick vielleicht erstaunlich. Bundesweite Auszeichnungen geben ihnen aber recht: Erst im Oktober vergangenen Jahres wurde das International Students Network Regensburg (ISNR), das Veranstaltungen, Exkursionen und Sprachtandempartner für Austauschstudenten organisiert, mit dem »Preis des Auswärtigen Amtes für exzellente Betreuung ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen« ausgezeichnet. Bereits 2010 war Regensburg außerdem im »International Student Barometer«, einer renommierten internationalen Studie zur Bewertung der Attraktivität einer Uni für ausländische Studierende, als »best place to live« bezeichnet worden.

Dem widerspricht auch Maria Ceballos aus Spanien nicht. Die 19-Jährige wollte unbedingt nach Bayern, »weil es da in Deutschland am schönsten ist«. Ihr Wunschort wäre München gewesen, aber weil ihre Universität der angehenden Übersetzerin nur kleinere Städte für einen Austausch anbot, verschlug es sie nach Regensburg. »Im Frühling liebe ich es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren«, sagt sie. Ihr sei außerdem aufgefallen, dass die Regensburger sie immer sofort fragen, wo sie herkomme und sich offenbar sehr für ihre Kultur interessieren. Das »Erasmus-Erlebnis« findet sie »einfach unglaublich«: »Ich möchte überhaupt nicht mehr zurück nach Spanien!« Tomoo, der japanische Austauschstudent, freut sich hingegen vor allem über die Diskussionsbereitschaft der deutschen Kommilitonen: »Die Studenten sagen hier in Vorlesungen viel öfter ihre Meinung, das finde ich besser als in Japan.«

Die Stadt und ihre Lebensbedingungen schneiden in den Augen der meisten Austauschstudenten insgesamt sehr gut ab, die Universität selbst erntet dagegen deutlich mehr Kritik. »Das Gebäude ist hässlich und ich finde es schade, dass es in den Unterrichtsräumen oft keine Fenster gibt«, beschreibt Maria Ceballos ein Gefühl, dass vielen Regensburger Studenten vertraut ist. Shoko Nishikawa hingegen findet das Mensaessen zu salzig, andere klagen über überfüllte Hörsäle und zu große Kurse.

Deutsch am Küchentisch

Aber sind Studium und Uni bei einem Auslandssemester nicht eher nebensächlich? Jonathon Potthoff (25) sieht das so. »Wir kommen hierher, um Party zu machen und den Dozenten ist das genauso klar wie uns. « Als er im Winter 2010 an die Uni Regensburg kam, sei er in einem Kurs das ganze Semester lang kaum anwesend gewesen, eine gute Note habe er am Ende aber doch bekommen. Im Vergleich zum Studium in seiner Heimat USA, wo jede Woche Aufsätze abgegeben werden müssten und Prüfungen anstünden, findet er die Anforderungen in Deutschland geradezu »paradiesisch«. Ja, in Regensburg habe er Deutsch gelernt. »Aber nicht im Hörsaal, sondern am Küchentisch oder in der Kneipe.« Oder im Sommer auf der Jahninsel, wo er seinen Beerpong-Tisch aufbaute und schon nach Kurzem von Neugierigen umringt war, die mitspielen wollten.

Für zwei Semester kam der Germanistikstudent damals nach Deutschland, auch deswegen, weil er den deutschen Wurzeln seiner Familie nachgehen wollte. »Ich hatte dann die Wahl: drei Monate Berlin oder Hamburg – oder ein Jahr in Regensburg.« Er bereute seine Entscheidung nicht. Die Stadt sei »altmodisch und cool – der Tag gehört den Touristen, die Nacht den Studenten«. Mit vielen seiner Mitbewohner und Freunde von damals ist Jonathon bis heute in Kontakt – vor allem mit einer: Während seines Auslandsjahres verliebte er sich in Theresa, die Freundin einer seiner Mitbewohnerinnen,  und ist bis heute mit ihr zusammen.  Sie ist auch der Grund, warum er nun,  nach seinem Bachelorabschluss in Boulder, Colorado, zurück in Deutschland ist: Ab Herbst wird er einen Master in Heidelberg machen.

Jonathon
Regensburg ist »altmodisch und cool«, findet Jonathon. / Foto: Potthoff privat.

Ganz so leicht wie ihm fiel die Eingewöhnung in Regensburg anderen leider nicht. Fern von der Heimat stoßen viele früher oder später an ihre Grenzen. Gerade Studenten, die nicht mal eben nach Hause fliegen können, plagt in Deutschland das Heimweh und die Sehnsucht nach Freunden und Familie. Eine osteuropäische Studentin erzählt beispielsweise, sie habe ihrem Freund verboten, sie in Regensburg zu besuchen, weil sie ihn sonst nach seiner Abreise noch mehr vermissen würde. Maria, gewöhnt an die sonnigen Strände von Granada, litt zu Beginn ihres Semesters in Regensburg dagegen vor allem unter dem kalten deutschen Winter und wünschte sich bibbernd zurück an ihre Heimatuniversität. Auch Jonathon erinnert sich noch daran, wie schwer es ihm anfangs fiel, den Oberpfälzer Dialekt einiger Regensburger zu verstehen und dass er teilweise sogar das Gefühl hatte, die Deutschen würden ihn »anschreien«, weil ihm ihre Sprechweise und ihre direkte Art geradezu unhöflich vorkamen.

Trotz all dieser Widrigkeiten würden die meisten das »Abenteuer Auslandssemester« weiterempfehlen. Sie erzählen von Regensburger Busfahrern, mit denen sie sich angefreundet und von wildfremden Menschen im Zug, die ihnen spontan ein Bier geschenkt haben. Ob aus Asien, Afrika, Amerika oder im Zuge eines Erasmus-Programmes: Viele Austauschstudenten wollen in Regensburg die »beste Zeit ihres Lebens« verbringen: eine Einstellung, die es ihnen ermöglicht, alles mit unverstelltem Blick zu genießen.

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