Kinder der Erschöpfung

Burn-out
Die junge Frau starrt auf die Uhr an der weißgetünchten Wand der Regensburger Psychiatrie. Alles Leben scheint aus ihrem Blick verschwunden. Wie mit jedem Ticken des Zeigers ihre Zeit verrinnt, sieht sie nicht. Saskia gehört zu den vier Prozent deutscher Studenten, die jedes Jahr an Burn-out erkranken. Laut Stephan Ahrens, einem Burn-out-Spezialisten, ist die Krankheit »die erste psychosoziale Epidemie der Menschheit«. Dabei ist das Syndrom nach psychiatrischen Maßstäben gar keine Krankheit: Burn-out bezeichnet nach der ICD-10-Klassifikation – das ist ein diagnostisches Nachschlagewerk für Ärzte – ein »Problem der Lebensbewältigung, einen Zustand geistiger, körperlicher und emotionaler Erschöpfung infolge beruflicher Überlastung«. Ein Gefühl, das Saskia nur allzu vertraut ist.

Burn-out-Patienten fühlen sich leer und wertlos

Vor zwei Jahren begann die 21-Jährige ein BWL-Studium. Da sie wiederholt die Statistik-Prüfung nicht bestanden hatte, war nach drei Semestern Schluss: Sie musste ihren Studiengang aufgeben. »An dem Tag als der Brief von der Uni mit der Exmatrikulation kam, ging es mir noch ganz gut. Ich dachte, ich finde sicher etwas Anderes. Ein paar Tage später konnte ich nicht mehr aufstehen. Erst jetzt, wo es vorbei ist, merke ich, wie sehr mich meine 60-Stunden-Wochen belastet haben, die ich mir aus Ehrgeiz selbst aufgebürdet habe.«

Erst dann realisieren wie groß Leistungsdruck, Anspannung und Stress sind, wenn sie sich zu einem scheinbar unüberwindlichen Berg an Trauer, Angst und Wut aufgetürmt haben – das ist ein Phänomen, das der Psychologe der Uni Regensburg, Dr. Hubert Hofmann, mittlerweile von vielen Studenten kennt: »In den letzten Jahren kommen immer mehr junge Menschen zu mir, weil sie so erschöpft sind, dass sie morgens kaum noch aus dem Bett kommen. Sie fühlen sich leer, ausgebrannt und wertlos. Ich weiß nicht, ob es nur am Bologna-Prozess liegt, vielleicht ist es auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Studenten schon aufgearbeitet werden, bevor sie auch nur einen Tag in der Arbeitswelt leben konnten.« In Bezug auf die Studiengänge gebe es keine signifikanten Unterschiede. Die Zahl der Betroffenen verteile sich, seiner Erfahrung nach, gleichmäßig auf alle Fakultäten. Allerdings könne man zwischen weiblichen und männlichen Studenten ein starkes Gefälle ausmachen: »Männer warten wesentlich länger, bis sie Hilfe suchen. Studentinnen sind eher bereit sich einzugestehen, dass sie es alleine nicht mehr schaffen. Das hat oft zur Folge, dass mir bei den jungen Männern nur noch übrig bleibt, sie an die Psychiatrie zu verweisen.«

Das mag auch daran liegen, dass Hofmann als Psychologe keine Medikamente gegen Burn-out verschreiben darf, da die medikamentöse Behandlung in Deutschland Ärzten vorbehalten ist. Zwischen 2006 und 2010 haben diese bei den Studenten deutlich häufiger als noch vor wenigen Jahren den Rezeptblock gezückt: Laut der Studie der Techniker Krankenkasse wurden 2010 deutschen Studierenden 55 Prozent mehr Psychopharmaka verschrieben als noch vier Jahre zuvor.

Zeit- und Leistungsdruck bestimmen heute das Studium

Doch warum leiden plötzlich so viele Studenten am »Ausgebranntsein«? Der Regensburger Psychiater Dr. Bernhard Heindl ist der Auffassung, dass das Burnout-Syndrom nur eine andere Bezeichnung für Depression ist: »Das Gefühl der Leere, die tiefe Niedergeschlagenheit, die völlige Erschöpfung – das alles sind Symptome, die depressive Menschen beschreiben. Die Bezeichnung ‚Burn-out‘ ist meiner Meinung nach neuer Wein in alten Schläuchen, eine Spitzfindigkeit, weil die Depression mit Überforderung im Beruf zusammenhängt.«

Für Depressionen wiederum gibt es eine genetische Prädisposition: Menschen, deren Eltern depressiv waren oder sind, haben eine 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, selbst an einer Depression zu erkranken. Das trifft auch auf Saskia zu. Ihr Vater litt jahrzehntelang an einer depressiven Störung, die letzten Endes auch seine Ehe zerstörte.

Doch ein depressives Elternteil ist nicht der primäre Faktor für eine Burnout-Erkrankung oder eine Depression. Auch Heindl denkt, es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem: »Als ich noch studiert habe, waren Studenten im zehnten und zwölften Fachsemester keine Seltenheit. Das Studium war die Zeit, in der man sich selbst entdecken durfte und herausfinden konnte, was man tun möchte. Man konnte Fehler machen. Heute gilt ein abgebrochener Studiengang vor dem Arbeitgeber als Katastrophe.« Dies setze Studenten unter einen ganz anderen Zeitund Leistungsdruck.

Dennoch möchte Saskia möglicherweise einen Neuanfang an der Uni wagen: »Vielleicht fange ich nochmal an zu studieren, wenn ich hier draußen bin«, sagt sie. »Ein geisteswissenschaftliches Studium würde mir Spaß machen, Geschichte oder Philosophie eventuell.« Für einen Moment liegt ein Lächeln auf den Lippen der jungen Frau. Ein wenig Leben kehrt in ihre Augen zurück. Dann wird es wieder still in der Psychiatrie. Sie wendet sich ab und starrt auf die Uhr an der Wand.

Text von Susanne Morisch, Foto von Pia Weishäupl.

Der Text erschien in der “Unter Druck”-Ausgabe.

Ein Kommentar bei „Kinder der Erschöpfung“

  1. Burnout = Blödsinn

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