Vom Witnessen, Matchen und Segnen

Es ist lange her, dass ich an so etwas teilgenommen habe. 14 Jahre. Ich bin doch etwas aufgeregt. Schließlich wandle ich hier auch auf den Spuren meiner eigenen Familiengeschichte. Dabei werde ich wohl auch bekannte Gesichter wieder sehen. Der Ort, den ich aufsuche, befindet sich im Hinterhof eines unauffälligen, mehrstöckigen Hauses in München. Anna, meine Freundin, steht neben mir und klingelt. Es surrt. Die Tür öffnet sich. Wir treten ein. Ein hellgefliester Flur, ein schlichtes Treppengeländer. Die wenigen Stufen bis in den ersten Stock sind schnell genommen. Neben der Wohnungstür hängt ein DIN-A4-großes Blatt Papier mit der Aufschrift »Tongil-Gyo«. Es ist der koreanische Name der Sekte. Ich bin da.

Sekten: Irgendwie üben sie eine gewisse Faszination aus. In den Medien werden sie immer wieder behandelt – vor allem, weil Prominente wie Madonna und Tom Cruise der Öffentlichkeit lautstark ihre Botschaften mitteilen. Bei nahezu jedem standen die Zeugen Jehovas schon mal vor der Tür. Doch schwingt bei dem Thema immer etwas Negatives mit. Kaum jemand spricht positiv von Sekten. Wörter, die diesem Zusammenhang fallen, gehen in Richtung Gehirnwäsche, Ausbeutung, Kontrolle und auch Bedrohung, wenn ein Mitglied zum Beispiel austreten möchte. Dabei verlieren viele aus den Augen, dass die katholische Kirche auch einmal nichts anderes als eine Sekte war. Per Definition ist eine Sekte eigentlich nichts anderes als eine kleine Gruppierung, deren Überzeugungen sich vom gesellschaftlichen Mainstream unterscheiden.

Wieso mich dieses Thema beschäftigt? Bis zu meinem siebten Lebensjahr war ich selbst in einer Sekte: in der Vereinigungskirche, auch Moon-Sekte genannt. Heute ist sie kaum noch jemandem ein Begriff. Doch vor 40 Jahren kannten die meisten sie, hatten mal davon gehört. Da ich aber schon seit früher Kindheit nicht mehr dabei war, habe ich mich mit dem eigentlichen Glauben der Vereinigungskirche nie richtig auseinandergesetzt. Die Erinnerungen, die ich habe, sind durchweg positiv. Dieser Artikel hat mir den Anstoß gegeben, nachzuhaken. Wie war es damals und wie ist es heute?

An einem Sonntagnachmittag treffe ich mich mit einer meiner engsten Freundinnen – Anna. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel und Anna erwartet mich bereits um kurz nach zehn an der Haltestelle München-Pasing. Wie sie so dasteht, mit ihren blonden Haaren, den blauen Augen, in kurzem pinken Rock und weißer Bluse, würde wohl niemand auf die Idee kommen, dass sie ein aktives Mitglied der Vereinigungskirche ist.
Sie nimmt mich zu einem Gottesdienst mit.

»Aju« statt »Amen«: Es gibt auffallend viele koreanische Elemente

Ich trete ein. Die Wohnung ist viel größer, als ich es erwartet hätte. Der dunkelrote Teppichboden lässt die Räume warm und einladend wirken. Das größte Zimmer ist für den Gottesdienst vorgesehen. Am Ende des Raumes ist der Boden etwas erhöht, wie eine Bühne. Dort befinden sich zwei große Sessel und ein kleiner Tisch mit frischen Schnittblumen. Daneben hängt ein großes Bild der »wahren Eltern«, des Gründers Reverend Moon und seiner Frau. In der Mitte steht ein Rednerpult, dahinter hängt das Symbol der Kirche an der Wand. Davor einige Sitzreihen. Nach kurzer Zeit füllt sich der Raum. Jeder begrüßt mich herzlich. Noch stelle ich mich als Freundin von Anna vor, da mir auf Anhieb niemand bekannt vorkommt. Es sind etwa 25 Leute da, ein gemischtes Publikum, darunter auch ein paar Kinder.

Wir setzen uns in die vorletzte Reihe. Pünktlich um halb elf beginnt der Gottesdienst. Eine junge Frau steht vorne, sie ist heute der MC, Master of Ceremony, und wird uns durch den Gottesdienst führen. Sie sagt, sie freue sich, dass trotz des gestrigen Fußballspiels und der Niederlage so viele Leute erschienen sind. Die Gemeinde lacht und wir beginnen mit einem Lied. Auffallend sind die koreanischen Elemente, wie das Verneigen vor dem Bild der »wahren Eltern« oder dass man »Aju« (»so ist es«) statt »Amen« (»so sei es«) sagt, obwohl es das erst seit einigen Jahren gibt. Nicht immer hält dieselbe Person die Predigt. Heute ist es der Leiter des Münchner Zentrums, Siegfried, der zu der Gemeinde spricht. Auch gewöhnliche Mitglieder, die schon länger dabei sind, dürfen diese Aufgabe übernehmen. Heute geht es um eine Predigt des Gründers aus den siebziger Jahren und die Frage »Wer oder was ist der Messias?«. Siegried macht dabei Reverend Moon und seine gerade erschienene Biographie »Mein Leben für den Weltfrieden« zum Thema.

Ja genau, wer ist das eigentlich? Der Koreaner Sun Myung Moon (auch Mun geschrieben) hat die Vereinigungskirche 1954 gegründet. Welche Lehre verfolgen die Gläubigen? Moon selbst erklärt, dass ihm von Gott seine Mission offenbart worden sei, als Messias das Werk Jesu weiterzuführen. In seinem Buch »Die göttlichen Prinzipien« werden seine Lehren ausführlich erläutert. Hier gibt es nur einen Gott, der Mann und Frau in sich vereint. Er ist absolut, allmächtig und ewig. Er soll kein Richter über die Menschheit sein, sondern fungiert als Eltern. Der Sündenfall von Adam und Eva wird als historisches Ereignis angesehen. Der Messias soll den ursprünglichen Idealzustand vor dem Sündenfall wieder herstellen. Dafür muss er »eine Frau zur geistigen Reife führen und mit ihr eine Familie gründen«. Das geschah dann 1960 durch Moons Heirat mit Hak Ja Han, auch als »Hochzeit des Lammes« bekannt. Seitdem gibt es auch die bekannten Massen hochzeiten seiner Anhänger, die von ihm vermählt werden (blessing). Ziel ist es also, alle Menschen und alle Religionen zusammenzuführen, damit es nur noch reine Menschen auf der Erde gibt. Daher sollen die Mitglieder heiraten und Kinder bekommen.

»Moon hat meine Eltern zusammengeführt«

Auf so einer Hochzeit waren auch meine Eltern. Im Madison Square Garden in New York. Davor wurden sie von Reverend Moon gematcht, das bedeutet, dass er sie zusammengeführt hat. Man muss sich das so vorstellen: ein Raum, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite. Moon sagt, wer zueinander passt. Dabei werden oft verschiedene Nationen gematcht, um die Verbindung zwischen verschiedenen Ländern zu verbessern. Meine Mutter ist zum Beispiel Italienerin, mein Vater Deutscher. Doch es herrscht kein Zwang, Ja zu sagen, man unterhält sich und beschließt dann, ob es sein soll oder nicht. Danach ist man erst eine Weile verlobt (meine Eltern waren das drei Jahre lang, in denen sie sich ständig Briefe schrieben), anschließend wird man gesegnet, also verheiratet. Das klingt wohl für viele ziemlich seltsam. Für mich ebenfalls.

Auch heute ist das Matchen noch Brauch. Einer der Söhne Moons hat diese Tradition übernommen. Doch gibt es jetzt auch eine neue Variante. Dabei halten entweder die Eltern nach einem Partner Ausschau oder auch die jungen Leute selbst. Unter den vier Mädels, mit denen ich nach dem Gottesdienst und dem anschließenden gemeinsamen Mittagessen zusammen sitze, sind drei gematcht, zwei auch schon gesegnet, also verheiratet. Eine mit einem Australier, eine mit einem Deutschen. Alle reden ganz ungezwungen mit mir über ihre Erfahrungen mit dem Brauch. Eine hat auch schon eine gematchte Verbindung gelöst, weil sie einfach keinen Draht zu ihrem Partner gefunden hatte. Das passiert zwar nicht so oft, aber es ist kein Problem.

Finanzierung reicht von Grußkarten verkaufen bis zur Waffenfabrik

Eine Tradition in der Kirche, die auch oft in den Medien behandelt wurde, ist, dass die Mitglieder »Fundraisen« gehen, also durch die Welt reisen und Geld sammeln. Man ist im Team unterwegs und setzt sich jeden Tag Ziele – zum Beispiel: Heute will ich hundert Karten verkaufen oder eine interessante Unterhaltung führen. Dann geht man von Haus zu Haus und verkauft Grußkarten oder Ähnliches, um die Gruppe und die Reise zu finanzieren. Auch meine Eltern haben das gemacht. Dabei stoßen viele an ihre Grenzen, machen aber auch tolle Erfahrungen.

Diese Methode des Geldsammelns wird in der Öffentlichkeit oft als betteln und kostenloses Arbeiten für die Kirche kritisiert. »Ich persönlich habe damit nie schlechte Erfahrungen gemacht«, erzählt mir meine Mutter. »Das hat eben dazu gehört und ich habe viel dabei gelernt. Aber ich habe auch von anderen gehört, die negative Erlebnisse gemacht haben. Wenn zum Beispiel der Gruppenleiter besonders ehrgeizig war und hohe Anforderungen gestellt hat. Das hat manch einen an seine physischen und psychischen Grenzen gebracht.«

Doch das ist nicht der einzige Weg, wie sich die Vereinigungskirche finanziert. So, wie es Vereinsbeiträge gibt, gibt es auch hier einen Mitgliedsbeitrag. Zur Zeit meiner Eltern waren es zehn Prozent des Gehalts monatlich, wobei meine Mutter mir erzählt, dass sie nie so viel gezahlt haben, da sie das Geld gar nicht hatten. Sie haben einfach gespendet, so viel sie konnten. Auch hier gibt es den sonntäglichen Klingelbeutel. Heute zahlt man 50 Euro pro Monat, pro Familie. Wenn man es sich leisten kann. Mit den Geldern werden die Gemeinden, aber auch viele verschiedene Projekte finanziert. Wie die UPF (United Peace Federation) und ähnliche Friedensorganisationen, die sich immer wieder zu Workshops und interreligiösen Gesprächen über Glaubensthemen mit Mitgliedern anderer Religionen treffen. So weit, so gut.

Anscheinend hat Sun Myung Moon aber auch ein Händchen für das Geschäftliche. Ihm gehören Pharmaunternehmen, eine Waffenfabrik, Restaurantketten, Zeitungen wie die konservative »Washington Times« und die US-Nachrichtenagentur UPI. Auch mit diesen Einnahmen werden, laut Annas Aussage, überwiegend die verschiedenen Projekte auf der Welt unterstützt und zum Beispiel auch bei großen Konferenzen anfallende Kosten, wie die Anfahrt der Gäste, beglichen. Trotzdem bleibt mir bei dem Gedanken daran, wie man seine Biografie «Mein Leben für den Weltfrieden« nennen und gleichzeitig eine Waffenfabrik besitzen kann, egal ob für Kriegs- oder Jagdwaffen, ein bitterer Nachgeschmack. Das passt einfach nicht zusammen.

Als Missionare auf Reisen

Neben dem »Fundraising« wird auch »Witnessing« betrieben. Also missioniert. Früher gab es viele Vollzeitmissionare, heute kaum noch. Nach der Schule entscheiden sich viele junge Mitglieder, ein bis zwei Jahre Programme der Kirche mitzumachen, bei denen man beides miteinander vereint und dabei unterschiedliche Kontinente bereist.

Anna hat mir diese Zeit begeistert geschildert. Sie war ein Jahr mit einer Gruppe unterwegs, fundraisen in der Schweiz und in Kanada, witnessen in Osteuropa. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr die Zeit an der Elfenbeinküste, wo sie an einem Schulbauprojekt teilgenommen hat. »Durch das Reisen und die Projekte hat man die Möglichkeit, die verschiedensten Länder kennen zu lernen, nicht als Tourist, sondern sozusagen von innen heraus«, erzählt sie mir. »In dem Dorf in Afrika hatten sie zum Beispiel noch nie Weiße gesehen. Man lernt so viel, erweitert seinen Horizont und bekommt einen ganz anderen Blick auf die Dinge.« Es war nicht immer leicht. Denn gerade damals kamen ihr oft Zweifel, ob es ihr Glaube ist oder der ihrer Eltern war. Deswegen war diese Zeit besonders wichtig für sie.

Heute steht sie frei zu ihrem Glauben. Zu unserer Schulzeit war das anders. »In unserer Parallelklasse war ein Junge, bei dem raus kam, dass er bei den Zeugen Jehovas war. Er wurde von den Anderen ausgegrenzt, geärgert. Keiner wollte etwas mit ihm zu tun haben. Da habe ich lieber nichts erzählt«, meint sie. Ich selbst kann mich nicht erinnern, dass ich in meiner Kindheit je Angst hatte zu sagen, dass wir in der Vereinigungskirche sind. Vielleicht war ich aber auch zu klein und es war mir nicht so bewusst, dass es etwas Fremdes für die Anderen war.

Wieso sind meine Eltern eigentlich ausgetreten? Darauf angesprochen, erzählt meine Mutter sehr viel über ihre Zeit in der Kirche. Bereits mit 19 war sie als Au-pair in Paris auf die Sekte gestoßen. Als Agnostikerin war sie eher misstrauisch. Doch die Lehren von Moon waren für sie logisch und begeisterten sie. All die Jahre war sie ein aktives Mitglied mit teilweise leitender Rolle. »Es gab viele schwierige Zeiten, aber auch sehr schöne. Wie soll ich es sagen? Es war eine tolle Jugend für mich. Mit so vielen Brüdern und Schwestern. Man war überall auf der Welt zuhause. Ich hatte ein geradezu abenteuerliches Leben«, schwärmt sie.

Doch irgendwann haben sich meine Eltern auch mit anderen Ansichten auseinandergesetzt, viele neue Dinge ausprobiert. Für ihre Innovationen, ihre neuen Ideen, gab es keinen Platz in der Sekte. Zudem fühlten sie sich von der Kirche mit vier Kindern und den finanziellen Problemen, die sie hatten, alleine gelassen. Es war ein schleichender Prozess. Und als es eines Tages soweit war, hielt sie keiner zurück. Meine Mutter bereut heute wie damals nichts. Die Zeit in der Kirche war wichtig, doch hat sie sich von ihr entfernt. Auch das ist für sie in Ordnung.

Für Anna scheint alles gerade erst richtig los zu gehen. Sie ist gematcht, gesegnet. »So gesehen kennen mein Mann und ich uns ja noch nicht so lange. Das braucht jetzt Zeit, wir müssen sozusagen auch erst mal daten und die Kultur des anderen verstehen lernen. Ein spannender Prozess«, sagt Anna lächelnd. Jetzt studiert sie noch, doch wer kann sagen, ob sie nicht in ein paar Jahren in Australien leben wird? Sie ist glücklich mit ihrem Leben, ihrer Entscheidung.

Und ich? Nach dem Mittagessen löst sich die Gruppe auf. Herzlich verabschieden sich alle von mir und lassen meine Mutter grüßen. Ich verlasse das Gebäude. Die Sonne scheint immer noch von einem strahlend blauen Frühlingshimmel herunter. Auf dem Heimweg komme ich ins Grübeln. Wo stehe ich? Der Glaube der Vereinigungskirche ist nicht mein Glaube. Der der katholischen Kirche aber auch nicht. Trotzdem respektiere ich jeden, der sich für diesen oder jenen Weg entscheidet. Ich will nicht behaupten, dass es nicht Leute gibt, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wie in jeder Religion hängt das auch von den Personen ab, die leitende Stellungen innehaben. Ich fand es interessant und spannend, mich mit dem Glauben der Vereinigungskirche auseinanderzusetzen. Schließlich gäbe es mich ohne sie wahrscheinlich nicht.

Text und Fotos von Caroline Deidenbach. Der Text erschien im glauben-Heft

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