Geschichten aus dem Stalinismus

Alexander Klenk macht ein Praktikum bei Krones in der Nähe von Shanghai. Er hat sich vier Tage frei genommen, um nach Nordkorea zu fahren. Der 25-jährige BWL-Student aus Regensburg erzählt über eine Reise unter strenger Aufsicht.

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Ich hab mir nie gedacht, dass ich einmal nach Nordkorea komme. Beim Trinken hat mein Kollege erzählt, dass er nach Nordkorea fahren will. Da musste ich einfach mit.

»Es ist schweineteuer. Für vier Tage habe ich 1000 Euro bezahlt. Und die Regeln sind streng.«

Mein Arbeitskollege Armin und ich sind von Shanghai nach Dandong geflogen, eine Stadt, die an der Grenze zu Nordkorea liegt. Dandong ist eine chinesische, unbedeutende Kleinstadt und hat gleich mal wieder drei Millionen Einwohner.

»Du steigst in China in den Zug ein, Ausweiskontrolle, alles wird gecheckt, fährst ein paar hundert Meter und steigst wieder aus.«

90 Prozent der Touristen sind aus China. Bis zu 6000 Leute aus dem Westen sollen pro Jahr nach Nordkorea reisen. Touristen sind eine gute Devisenquelle.

Wir mussten uns in einer Reihe aufstellen und uns merken, wer vor einem und wer hinter einem stand. Alles musste immer in dieser Reihenfolge passieren. Sie haben von uns allen Bildern gemacht und checken damit: Aha, das ist der und das ist der. Die Problemfälle standen am Schluss. Ich war der Vorletzte, zwei aus Hongkong vor mir, Armin hinter mir. Armin lebt schon seit fünf Jahren in China, hat drei gültige Reisepässe gleichzeitig und ist ständig unterwegs.

Es gab ein Problem: Armins Pässe. Sie brauchten das mit seinem Chinavisum, er hatte aber einen anderen dabei – mit einer anderen Ausweisnummer. Bei den beiden aus Hongkong hat es schon länger gedauert, bei mir hat es lange gedauert, bei Armin sehr lange.

Daneben waren Shops mit kiloweise Pfirsichen oder Bananen und Sachen, die man in Nordkorea nicht bekommt. Dort gibt’s nur, was dort auch wächst. Da sind viele, viele Lastwagen rüber gefahren, die Lebensmittel einführen. Wenn China nicht wäre, würden sie wahrscheinlich bald aussterben. Wir haben auch noch ein bisschen eingekauft: Bier und Pfirsiche.

Im Zug waren vielleicht 300 Leute, außer uns Touristen waren das vor allem Chinesen, die dort Verwandte haben. Die haben kofferweise Zeug mitgenommen, viele Elektrogeräte. Jeder hatte einen Wagen, auf den mindestens 100 Kilo Gepäck drauf passen.

Der Zug war uralt. Wir sind nach Pjöngjang gefahren. Das waren nur 180 Kilometer, aber wir brauchten sieben Stunden. Wir saßen in der Mitte des Zuges. Überall waren die Bilder der Führer aufgehängt.

»Ab da wurde es dann kritisch. Man durfte keine Fotos mehr machen, der Reisepass wurde eingezogen – für alle vier Tage«

Eigentlich war ich nur zweieinhalb Tage dort, weil ich den ersten und den letzten Tag nur im Zug gesessen hab, wo die nordkoreanische Passkontrolle abläuft. Die Grenzbeamten, so grüne Hampelmännchen, schauen jedes Gepäckstück an, aber nur ganz oberflächlich. Wenn wer was verstecken will, macht man das ganz unten und nicht ganz oben. Mitnehmen darf man nicht: Größere Digitalkameras, Handys, fast gar nichts eigentlich.

Die Kontrolleure kommen von beiden Richtungen. Ich seh den Soldaten, der von hinten kommt, nicht. Bumm! Haut der mir voll eine auf die Schulter, das hat richtig weh getan. Er reißt mir den Reisepass aus der Hand. Auch zu den Chinesen waren sie nicht freundlich und überheblich. Zwei Stunden haben sie uns warten lassen und die Pässe überprüft.

Normal ist es so, dass die Reisegruppe einen nordkoreanischen Guide bekommt, der die jeweilige Landessprache spricht: Englisch, Japanisch, Spanisch, was auch immer. Wir haben über eine chinesische Reiseagentur gebucht und waren dann in einer Gruppe von vielleicht 30 Chinesen. Wir hatten drei Übersetzer, zwei chinesisch sprechende und einer, der Deutsch kann. Er war nie im Ausland, sprach aber ziemlich gutes Deutsch. Er war 24, Parteimitglied und nur für uns zuständig. Das war ein Riesenvorteil. Er saß mit uns ganz hinten im Bus und hat uns immer Sachen erklärt.

Die Route bei Google Maps:

Landschaftlich ist das wirklich schön. Kann man sich da gar nicht vorstellen, dass die Leute so hungern. In den ersten drei Stunden waren nur Reis- und Maisfelder an der Strecke. Aber nach der Ernte geht soviel kaputt. Überall waren verarmte Dörfer. Die meisten Leute waren zu Fuß unterwegs, nur wenige hatten klapprige Fahrräder, solche, wie sie in Regensburg die Studenten fahren. Immer wieder mussten wir anhalten, weil die Zugstrecke nur eingleisig ist.

Unser Guide meinte, dass deutsche Besucher oft vor allem an Landschaft interessiert sind. Ich fahr doch nicht nach Nordkorea, um mir Wasserfälle anzuschauen. Da hatten wir Glück, dass wir bei der chinesischen Gruppe dabei waren.

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Alles war voll von Militär. Militärische Einrichtungen und Gebäude darf man natürlich nicht fotografieren. Da hat’s gleich ein paar Chinesen erwischt, die waren ja auch saudumm. Beim ersten Gebäude sind die gleich aufgestanden und überall hat’s geblitzt. Sie mussten dann die Fotos löschen.

In Pjöngjang angekommen hat uns ein aus China importierter Reisebus vom Zentrum aus zum Hotel gefahren. Da haben wir einen Probe-Fackellauf für den 28. August, einem Nationalfeiertag, gesehen.

Unser Hotel war extrem luxuriös mit Marmor, ein Top-Hotel auf einer Insel am Rand der Hauptstadt. Im Drehrestaurant auf dem Dach gab es ein riesiges Buffet mit chinesischem Essen. In dem Restaurant konnte man die Chinesen und die Koreaner sofort unterscheiden. Die Leute aus Nordkorea hatten keine bunten Kleider an, die Chinesen waren dicker.

Wir durften nichts alleine machen. Nicht mal die Straßeseiten durften wir wechseln, um vor einer europäischen Vertretung mit EU-Flagge draussen ein Foto zu machen. Wir bekamen kein Geld, die nordkoreanische Bevölkerung wird angewiesen, uns nichts zu verkaufen.

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Am Abend wollten sich die Chinesen aus unserer Gruppe heimlich in die Stadt schleichen. Wir haben gefragt, ob wir mitkommen können. Sie wollten uns nur ungern dabeihaben, weil wir Europäer so auffällig wären. Dann haben wir also unseren Dolmetscher gefragt, der aber einen Spaziergang in die Stadt ablehnte. Nur bis zur Brücke, die von der Hotel-Insel ins richtige Pjöngjang führt, durften wir alleine.

Wir hatten viele Schokoriegel und Kaugummis dabei. Das haben uns die Chinesen gesagt, dass wir das mitnehmen sollen, um die Koreaner zu bestechen. Nach dem Motto: Ein bisschen Snickers austeilen, dann geht des schon. Wir waren noch keine 20 Meter auf der Brücke, schreit schon der Dolmetscher: »Alex, Armin, ich hab euch gesagt, nicht über die Brücke gehen.” Er habe seinen Chef angerufen, wir dürften gehen – aber nur mit seiner Begleitung. Die Chinesen müssen allerdings im Hotel bleiben, weil er nur für uns beide verantwortlich wäre. Das mussten wir dann den Chinesen sagen, denn er sprach ja nur Deutsch und Koreanisch. Wir sind dann aber nur am Fluss entlang gelaufen. Letztendlich haben wir nichts gesehen.

Keine Chance, dass man Kontakt zur Bevölkerung haben kann.

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Nordkoreaner bekommen alle nur Taschengeld, etwa 100 Euro. Sie brauchen nichts bezahlen, Wohnung und Essen ist umsonst. Je nach Ranking hat man eine bessere Wohnung. Unser Guide hat eine 130 Quadratmeterwohnung.

Am Anfang hat er nur erzählt, wie hoch dieses Gebäude ist und wie alt jene Statue – nur so Scheiss, den keinen interessiert. Bei ihm hab’ ich mich die ganze Zeit eingeschleimt, schließlich war er der einzige Koreaner, zu dem ich Kontakt haben konnte. Mein Lieblingssatz: »Die Amerikaner machen immer nur Probleme.« Klar waren wir auch aus der ehemaligen DDR. Ich hab ihm ständig Wasser, Eis, Alkohol oder Zigaretten gekauft – das hat gefruchtet. Wir haben jeden Abend mit ihm gesoffen, die Nordkoreaner brauen relativ starkes Bier. Am Schluss waren wir beste Freunde.

»Was denkst du über Südkoreaner?« »Wir lieben die Südkoreaner, hassen aber die Regierung, weil sie unter der Fuchtel der Amerikaner steht.«
»Was denkst du über Japaner?« »Wir lieben die Japaner, aber hassen die Regierung.«
»Was denkst du über Chinesen?« »Wir lieben die Regierung, aber hassen die Chinesen.«

Man meint ja, China und Nordkorea hätten ein gutes Verhältnis. Aber nichts da. Koreaner lästern richtig über die Chinesen: Das wären richtige Bauern, die schmatzen, spucken und furzen, wie es grad passt.

Ein häufiges Ziel: Denkmale und Plätze. Am zweiten Tag haben wir ewig viele abgeklappert. Vor einer Statue mussten wir uns sogar aufreihen und verbeugen. Bei allen Denkmalen und Regierungsgebäuden ist es picobello sauber, sonst ist alles marode.

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»Essen gab es in für uns abgesperrte Restaurants. Serviert haben Koreanerinnen, die alle so bildhübsch waren, dass grad aus is’. Nordkorea ist schließlich das beste Land der Welt.«

Unser Übersetzer hat uns ein bisschen koreanisch beigebracht, wie wir die Kellnerinnen anflirten können: »Kogda, schöne Frau, wir brauchen namoi a Bier«.

Die Reise war super organisiert, da muss man die Koreaner schon loben. Ein Programmpunkt war U-Bahn fahren. Halt dich fest, die U-Bahn war aus DDR-Produktion. Uralt und klapprig, mit Bildern der Führer an den Wänden und Militärmusik.

»Das war keine Reise, sondern eine Zeitreise.«

Da waren wir endlich mal unter Koreanern. Keiner lachte, da war niemand glücklich, das hat man gesehen. Alle waren monoton gekleidet, braun, grün, schwarz, weiß, keine hatte mal was pinkes oder hellgrünes an. Zwei Stationen sind wir gefahren, dann hat unser Bus schon wieder auf uns vor der Haltestelle gewartet.

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Alles wirkt wie ausgestorben – wenige Fahrräder, noch weniger Autos. Und dann fährt doch wieder ein 7er BMW vorbei, obwohl es ja ein Embargo auf Luxusgüter gibt. Aber wo kommen die neuen BMWs her? Woher die neuen Audis und Toyotas?

Wir sind auf einer zwölfspurigen Autobahn gefahren. Unser Bus war das einzige Gefährt darauf, am Rand waren ein paar Menschen unterwegs. Ich nehme an, die Straße hat einen militärischen Zweck – schließlich führt sie nach Süden.

Ein besonderer Programmpunkt war das Arirang-Festival im zweitgrößten Stadion der Welt. 150.000 Leute passen in das Rŭngnado-May-Day-Stadion hinein, über 100.000 Menschen waren daran aktiv beteiligt. Früher bekamen Touristen nur für das Festival Visa ausgestellt. Sogar Südkoreaner dürfen dafür einreisen. Auf der Tribüne waren vor allem Soldaten, für die war der Eintritt frei. Ich hab über 100 Euro für die Show bezahlt. Wir Ausländer haben das alles finanziert.

Thema war die Geschichte Nordkoreas. Es war eine fantastische Show mit vielen Spezialeffekten. Nur auf einer Seite des Stadions waren Zuschauer, auf der Gegenseite war ein menschlicher Bildschirm: Jeder war ein Pixel. Diese Menschen-Bilder waren richtig beeindruckend.

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Überall gab’s große Schilder mit Propaganda. Sachen wie »Für die Wiedervereinigung« oder »Gegen die Amerikaner« stehen da drauf.

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Fast bis nach Südkorea bin ich gekommen. Ich hätte nur noch einmal umfallen müssen in der entmilitarisierten Zone.

»Jetzt bloß nicht rennen, sonst kann’s einen Kopfschuss geben.«

Ich hab keinen südkoreanischen Soldaten gesehen. Ein bisschen bescheuert sind die Soldaten auf beiden Seiten ja schon: Wenn Besuchergruppen auf der nordkoreanischen Seite sind, sind die südkoreanischen Soldaten weg. Sind Gruppen bei den Südkoreanern, hauen die Nordkoreaner ab.

Auf beiden Seiten ist eine der größten Flaggen der Welt. Beide Seiten ziehen sie immer höher, bis sie gleich hoch sind. Jeden Tag.

Dort wollte ich unbedingt auch ein Foto von einem Militärgebäude haben. Unser Dolmetscher hat meine Kamera genommen und eines Foto gemacht.

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» Warum haben denn alle so geweint als Kim Jong Il gestorben sind?« » Unser Führer ist gestorben, unsere Mutter ist von uns gegangen. Das ist das gleiche, als ob für dich die Sonne nicht mehr scheinen würde.«

Ich war ja nur vier Tage, aber ich glaube, die sind wirklich so fanatisch. Koreaner haben alle einen Ansteckpin mit den zwei alten Führern. Jeder hat den. Wir wollten den auch. »Können wir den auch haben«, haben wir gefragt unseren Übersetzer gefragt. Nein, denn den gibt es nur einmal für jeden Koreaner. »Kann ich dir den abkaufen, ich geb’ dir 100 RMB! [Anm. d. Red.: RMB= Renminbi, chinesische Währung; 100 RMB entsprechen in etwa 12 Euro]« »Nein, das ist ja als würde ich mein Herz verkaufen, ich würde jeden Augenblick sterben.« Da hab ich dann gleich wieder zugestimmt. Ich hab ihm immer zugestimmt.

»Warum hatte denn Kim Jong Il immer eine Sonnenbrille auf? Wollte der cool sein?« »Der Führer hat so viel gearbeitet.«

Unser Guide sagte: »Er hat immer nur maximal zwei Stunden Schlaf bekommen. Deshalb war er auch so herzkrank. Er hat sich geopfert. Er war so kaputt und müde und hatte so blutunterlaufende Augen. Wenn die Menschen das gesehen hätten, hätten sie geweint. Aber er will, dass die Menschen sich freuen, wenn sie ihn sehen.« Wahrscheinlich hatte Kim Jong Il einfach den grauen Star und er wollte nicht schwach da stehen. Wie beim Hitler und seine Lähmung am Schluss, als er den Fuß immer so nachgezogen hat.

Am letzten Abend haben wir gesagt, wir wollen nochmal in die Stadt. Wir durften gehen. Ich weiß nicht, ob unserem Guide das erlaubt war. So weit sind die Chinesen nicht mal gekommen. Die Leute auf der Straße haben uns angeschaut und sofort wieder weggeschaut. Der Fackelzug hat wieder geprobt.

Bei der Ausreise haben uns die Kommunisten vier Stunden warten lassen. Einfach so, niemand wusste warum. Dann haben sie die Kameras kontrolliert, bei einigen Chinesen alle Fotos durchgeklickt, ob ja keine Soldaten oder Militärsachen drauf waren. Unsere komischerweise nicht, obwohl sie uns gesagt haben, dass sie unsere auf jeden Fall checken.Vielleicht, weil wir uns mit unseren Reiseführer so gut verstanden haben.

Was sonst noch interessant sein könnte:

  • Einer der beiden koreanischen Guides hat nie was gesagt, Praktikant soll er sein. Ich würde eher sagen vom Geheimdienst.
  • Einer der Mitreisenden war angeblich ein chinesischer Milliardär, tätig bei der Regierung und im »Mining-Business«, der behauptete mit einer bekannten südkoreanischen Sängerin für eine Million Dollar geschlafen zu haben. Der größte Hanswurst ever.
  • Tanzen mit nordkoreanischen Kinder bei dem Besuch einer Schule:

Katharina Brunner hat Alex’ Erlebnisse aufgeschrieben.

Fotos: Alexander Klenk und Armin Dirscherl

2 Kommentare bei „Geschichten aus dem Stalinismus“

  1. Respekt Katharina, sehr lesenswert! Mit den Aufsätzen hattest du’s ja schon damals, in der Grundschule. 🙂

  2. Respekt Alex!! Kompliment Katharina!! Tolle Leute sind aus unserer Generation hervorgegangen, weiter so! Ihr alle seid die Zukunft! Lg Margit Fesl

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