Glücklich in Sieben Minuten

Torschlusspanik bei der Partnersuche? Die Lautschrift undercover beim Speeddating. Ein Selbstversuch.

Du bist Mitte 20, mit deinem Studium voll ausgelastet und Single?

Beunruhigt? Nein! Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, den oder die Richtige kennenzulernen. Uni und Nachtleben bieten sich an: Da gibt es dieses nette Mädchen aus der Vorlesung am Mittwochmorgen. Aber sie denkt Gomez wäre ein Hartkäse. Dann findet sich vielleicht beim Ausgehen jemand. Wie wäre es mit dem Orlando-Bloom-Verschnitt in der Suite, der dich beobachtet? Doch noch nicht mal mit dem dritten Mojito schafft es einer von euch seine Schüchternheit zu überwinden und ihr geht wieder ohne Nummer heim. Langsam kommen die Zweifel: Wieso sind andere seit Jahren in einer festen Beziehung, während dein Froschkönig noch im Teich dümpelt?

Ist es berechtigt, jetzt schon nervös oder gar hysterisch zu werden? Du bist ja noch jung. Aber diese Torschlusspanik ist trotzdem da.

Wir, zwei Bachelorstudenten, haben uns gefragt, ob es denn wirklich so kompliziert sein muss und wollten eine Methode testen, bei der das lästige Ansprechen einfach wegfällt und man schon im Voraus weiß, ob das Objekt der Begierde vergeben ist. Dafür sind wir zum Speeddating gegangen. Der Single von uns beiden nahm inkognito teil, die Andere befragte die Teilnehmer vor Ort nach ihren Erfahrungen.

Ab jetzt heißt es: Dreizehn Teilnehmer, zwei Perspektiven und eine offene Frage: Kann man glücklich werden in sieben Minuten?

Vogelperspektive – die Reporterin:

Das »Dombrowski« ist an diesem Sonntagnachmittag gut besucht. Der Veranstaltungsraum im hintersten Eck ist nur durch einen geöffneten Vorhang vom Rest des Lokals abgetrennt. Spätestens dort muss man sich aber als Speeddater outen und sich auf den Präsentierteller stellen. Als ich dort um Viertel vor vier eintreffe, fehlt noch über die Hälfte der Teilnehmer. Sie trudeln erst nach und nach ein; vermutlich hatten sie Angst, die Ersten zu sein. Die Stimmung unter den Teilnehmern ist vor Beginn leicht angespannt und alle Neuankömmlinge werden erstmal neugierig beäugt.

Susanne (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) ist mit zwei ihrer Freundinnen hier. Es ist ihr erstes Mal beim Speeddating. So wie die meisten anderen auch, will sie einen lustigen Nachmittag verbringen. In einem anonymen Fragebogen, den ich nach der Veranstaltung austeile, werden einige aber etwas konkreter: Sechs von dreizehn Leuten geben an, dass neue Kontakte und Bekanntschaften durchaus auch das Ziel des Speeddatings waren. Generell zeigt sich bei der Auswertung des Fragebogens, dass die Teilnehmer hier unbefangener antworten als im persönlichen Gespräch. So kommt heraus, dass insgesamt nicht nur einer, sondern zwei Männer schon einmal an einem Speeddate teilgenommen haben. Interessant ist, dass sich beide für schüchtern halten.

Nachdem klar geworden ist, dass nicht mehr alle Teilnehmer erscheinen würden, erklärt die Betreuerin aka »DatingAngel« Isabelle die Spielregeln und eröffnet die erste Runde. Insgesamt nehmen sechs Frauen und sieben Männer teil. Da in jeder Runde ein Mann aussetzen muss, darf ich mich an den freien Platz setzen und mich mit ihnen unterhalten. Ein eher introvertiert wirkender Mann erzählt mir gleich zu Beginn, dass er auch andere Varianten der aktiven Partnersuche wie Blinddates ausprobiert hat. Damit hatte er aber »noch weniger« Erfolg.

Für unsichere Menschen bietet sich bei einem Speeddating die Möglichkeit, mit vielen anderen ins Gespräch zu kommen, ohne den ersten Schritt des Ansprechens machen zu müssen. Zudem ist es auch beruhigend zu wissen, dass die Situation nach »nur« sieben Minuten überstanden ist. Nach den üblichen Fragen zu Name, Alter und Beruf kann man die restliche Zeit auch noch irgendwie mit Small Talk überbrücken. Und wenn doch mal peinliches Schweigen auftritt, hilft die Datingagentur: Auf Notizzetteln sind zusätzliche Gesprächsthemen aufgelistet. Wenn das auch nicht funktioniert, kann man nach ein paar Minuten ganz ohne schlechtes Gewissen flüchten. Denn laut einer 2005 veröffentlichten Studie wissen die meisten Menschen schon nach drei Sekunden, ob sie ihr Gegenüber besser kennenlernen wollen oder nicht.

Den Fragebögen nach zu urteilen, scheinen die Teilnehmer vom Konzept überzeugt. Zwölf von dreizehn geben an, dass ihre Erwartungen wie »Kontakte« oder »Spaß« erfüllt wurden und immerhin neun Personen können sich vorstellen, noch einmal beim Speeddating mitzumachen. Doch eine Frage bleibt im Raum stehen: Wie fühlt sich ein Teilnehmer wirklich?

Undercover – der Selbstversuch: Mir als Single fällt also die Aufgabe zu, inkognito am Speeddating teilzunehmen. Der Gedanke, es könnte wirklich jemand dabei sein, der mir gefällt, ist verlockend. Gleichzeitig ist es mir irgendwie peinlich, dass ich mich tatsächlich dazu hinreißen lasse, Erwartungen in so eine Veranstaltung zu setzen. Vor dem Treffen musste ich ein Onlineprofil anlegen, 30 Euro Teilnahmegebühr zahlen und meine Altersklasse (22 bis 32 Jahre) angeben. Die ersten Zweifel keimen auf, aber da wir unser Vorhaben schon groß angekündigt haben, steht Kneifen außer Frage. Ich muss da also durch.

Das Speeddating beginnt offiziell um vier Uhr nachmittags, doch um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren, sollen die Teilnehmer eine Viertelstunde vorher da sein. Ich bin schon drei Stunden vorher fertig, insbesondere mit den Nerven. Ich weiß ja, dass ich nur darüber schreiben möchte, aber wie frustrierend wäre es, wenn mich keiner gut fände?

Dann ist es soweit: Ich komme mit mulmigem Gefühl ins »Dombrowski«. Ein paar andere sind schon da. Ich sehe eine meiner Konkurrentinnen und das Erste, was ich denke, ist: »Muss die denn so hübsch sein?« Ich setze mich dann neben sie an einen der freien Tische. Da der Raum ungefähr so groß ist wie ein durchschnittliches Wohnheimzimmer, kommt man direkt ins Gespräch. Eigentlich ist es ganz lustig. Ich erfahre von der hübschen Frau neben mir, die etwa vier Jahre älter als ich ist, dass sie die Teilnahme geschenkt bekommen hat. »Ich auch«, erwidere ich spontan. Zwei Männer sind auch schon da. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass die Auswahl noch besser wird. Wenigstens lässt meine Nervosität allmählich nach, da jeder ganz offen darüber redet, wie unsicher er oder sie sich gerade fühlt. Und dann kommt meine Lautschrift-Kollegin herein. Ich tue so, als sähe ich sie zum ersten Mal. Sie spielt kurz unsere mittags ausgearbeiteten Fragen durch. Die Tische füllen sich allmählich immer mehr und schließlich setzt sich schon vor Beginn ein Typ zu mir. Er heißt Tobi. Wir beginnen ein intensives Gespräch. Als perfekter Aufhänger gilt hier wieder, wie man denn in diese Lage geraten ist. Er ist zwar kein Disco-Orlando-Bloom, aber er ist wirklich nett. Und ziemlich aufgeregt, was wiederum mich ungemein beruhigt. Mittlerweile haben wir schon einige Themen abgehakt: Er hört Rammstein – das ist zwar nicht ganz mein Fall, aber wenigstens hat er überhaupt einen festgelegten Musikgeschmack. Was auch positiv ist: Er mag Festivals.

Dann geht das eigentliche Spektakel los. Jeder bekommt ein Glas Prosecco zum Lockerwerden serviert und der »DatingAngel« läutet die erste Sieben-Minuten-Periode ein. Tobi und ich reden unbeeindruckt weiter, wir haben ja schon angefangen. Er erzählt von seinem Job im Krankenhaus, ich von der Uni. Da wir schon relativ viel Vorsprung haben, kommen wir auch über die typischen Themen wie Hobbys hinaus. Mitten im Satz sind die sieben Minuten vorbei, hastig werden noch schnell die letzten Sätze beendet. Jetzt soll man sich Notizen auf dem vorgefertigten Zettel der Agentur machen. Wiedersehen, ja oder nein? Er ist zwar sehr sympathisch, aber an einem Rendezvous bin ich nicht interessiert.

Viel Zeit zum Reflektieren habe ich nicht, denn es kommt schon der Nächste. Die Männer müssen den Platz wechseln, die Frauen bleiben sitzen. Ich fühle mich so, als würde ich Audienzen geben. Der Neue stellt sich vor, er heißt Franz. Die Glocke klingelt und die Zeit läuft. Der Einstieg ist holprig. Außerdem weiß ich gleich, dass er mir zu alt ist: 30 – ich frage an irgendeiner unpassenden Stelle danach. Zudem habe ich eh kein Interesse an ihm. Nicht einmal drei Sekunden habe ich gebraucht, um das zu merken. Das Gespräch ist trotzdem interessant. Er will umsatteln und seinen Techniker machen – halt: Hat er gerade gesagt, er wohnt bei seinem Stief- oder bei seinem ehemaligen Schwiegervater? Es ist einfach zu laut hier, der Raum zu klein. Ich weiß aber auch nicht, was mir lieber wäre. Ich denke gerade kurz darüber nach und schon läutet die Klingel.

Ist auch egal. Wieder ein Neuer an meinem Tisch, das Gespräch plätschert so vor sich hin. Und so setzt sich das Spiel fort. Ich erwähne wahrheitsgemäß jedes Mal, dass ich Politikwissenschaft studiere, dass ich in den Journalismus will und wie alt ich bin. Die anderen erzählen von sich. Der Zeitdruck ist dabei allgegenwärtig. Man versucht also möglichst galant, die Themen zu wechseln, ohne den anderen zu unterbrechen.

Mir wird das alles zu viel, ich habe keine Lust, alles in so kurzen Abständen immer wieder durchspielen zu müssen. Ich lächle aber die ganze Zeit vor mich hin. Ich weiß nicht, ob ich mich damit selbst davon überzeugen will, dass das hier gut wird oder ob ich mich den anderen gegenüber verpflichtet fühle, unglaublich charmant zu sein. Ich muss ja zugeben, dass die anderen alle auf irgendeine Art interessant sind. Dennoch schaffen es Erzählungen über physikalische Sachverhalte eher weniger, mein Herz zu erobern. Und dann setzt sich Adrian an meinen Tisch. Da er mich kontinuierlich schief angrinst, bin ich mir nicht sicher, ob er sich insgeheim über mich lustig macht. Zudem bombardiert er mich mit Fragen über meine Zukunftspläne. Unmerklich rücke ich mit meinem Stuhl immer weiter zurück.

Danach kommt Philip. Der sieht doch ganz gut aus. Er arbeitet mit Adrian in Ingolstadt bei Audi, irgendetwas in der Computerentwicklung. Das Gespräch ist wirklich lustig: Wir reden unter anderem über meine Pläne, in den politischen Journalismus zu gehen. Bei der Anmerkung, ob ich meine Mitschreiberin dann nicht auch von der Uni kenne, komme ich ins Schwitzen. Ich habe auch absolut keine Ahnung, wieso er mich dann fragt, ob ich gut lügen kann. Woher weiß er denn das mit dem Artikel? Tut er nicht. Ich überspiele das Ganze mit einem Witz und plötzlich reden wir über irgendwelchen Nonsens, der uns einfällt. Endlich nicht mehr diese Verhörsituation, sondern ein witziges Gespräch. Leider achte ich, weil ich mich gerade so amüsiere, gar nicht auf das Voranschreiten der Zeit. Schon ist diese vorbei.

Dann kommt auch schon der letzte Kandidat: Gérard. Und mir wird auf einmal schmerzlich bewusst, wie relativ Zeitgefühl ist. Er ist Franzose. Von dem verführerischen Charme, den man seinen Landsleuten nachsagt, hat er leider nichts. Er ist einfach viel zu schüchtern und ich bin mittlerweile einfach zu fertig, um so lange auf die Beendigung eines Satzes zu warten.

Als das finale Klingeln ertönt, ist der ganze Zirkus vorbei. Ich atme durch. Mein Kopf schwirrt und ich bin total ernüchtert. Zum Glück habe ich zwei Tage Zeit, um mich online zu entscheiden, wen ich wiedersehen möchte. Tendenzen sind vorhanden, aber ich will erst mal meine Ruhe. Ich glaube, den andern geht es ähnlich. Wollten wir nach dem Speeddating anfangs noch gemeinsam etwas unternehmen, löst sich die Gruppe im Nachhinein doch recht rasch auf.

Der Abschluss des Experiments:

Nach dem Treffen gehe ich auf mein Onlineprofil, um noch meine Wertungen abzugeben. Ich soll mich jetzt entscheiden, mit wem ich ein erneutes Treffen in Betracht ziehen würde. Das Gefühl, dass einer von ihnen meinen potentiellen neuen Freund abgeben könnte, hatte ich bei keinem. Eher bekam ich den Eindruck, zu jung für diese Veranstaltung zu sein. Mit Philip habe ich trotzdem noch Kontakt, er hat sich zwei Tage danach bei mir gemeldet. Die E-Mails sind genauso lustig wie unser Sieben-Minuten-Date.

Das Fazit:

Ganz klar müssen wir dem Speeddating seine Vorteile einräumen: Wo bekommt man sonst in solch wohl dosierten Häppchen die Gelegenheit, etwas über wildfremde Menschen zu erfahren und einen ersten Eindruck zu gewinnen? Wenn man wirklich extrem schüchtern ist, könnte das die Lösung sein. Für unseren Single hat dieses Konzept nicht wirklich funktioniert. Das ist vielleicht Geschmackssache. Und um es ehrlich zu sagen: Die alte Form des Kennenlernens macht doch einfach mehr Spaß. Ein bisschen Improvisation und Eigeninitiative gehören da einfach dazu. Mit Mitte 20, an einer Uni mit aktuell 20 273 eingeschriebenen Studierenden sollte Schüchternheit nicht das größte Problem sein. Man hat so viele gute Ausreden, um mit diesen Menschen ein Gespräch anzufangen.

Also bitte nicht hysterisch werden: Für Torschlusspanik ist später noch genug Zeit.

Text: Orla Finegan und Cathrin Schmiegel

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