Cornern im Konzerthaus

Cornern im Konzerthaus

Vier junge Freund*innen aus Regensburg gründen mitten in der Pandemie gemeinsam ein Label und eine Booking Agentur. Sie wollen die Musikszene der Stadt mit mehr junger Indie-Musik bereichern. 

von Moritz Müllender

»Ja!«, antwortet Sven auf die Frage, ob sie zu hip für Regensburg seien. »Wir sind schon hip,« und »wer ist schon zu hip für irgendwas?«, werfen die anderen ein. Das sind neben Sven: Luisa, Alex und Felix. Zusammen sind sie die Corner Company und wollen den Konzertbetrieb in Regensburg aufmischen. An einem Tag im Sommer erzählen sie auf der Nordseite des Eisernen Stegs, wie sie gemeinsam mitten in der Corona-Pandemie auf die verrückte Idee gekommen sind, eine Konzert-Booking-Agentur und dann auch noch ein Label zu gründen. 

Die Story

Angefangen hat alles bei Campus e.V., der das Campusfest – ein studentisches gar nicht mal so kleines Festival – organisiert. Dort haben Luisa, Felix, Alex und Sven sich gemeinsam um das Booking einer Bühne gekümmert. Beim Wandern kam dann die Idee auf, Konzerte in Regensburg zu veranstalten. Sie wollten nicht mehr ständig nach München fahren müssen, um gute Live-Musik zu erleben. Über das Wandern hinaus vereint die vier ein Faible für Gin-Radler, der obligatorische Brustbeutel – alle außer Sven – und Nasenpiercings – alle außer Felix. Hip eben. Am Kiosk gibt es vegane Hot Dogs und Mate.

Eigentlich wollten sie alle Regensburg verlassen, doch jetzt füllen sich die Terminkalender. Felix ist Informatiker und steht vor der Entscheidung: Coden vs. Konzerte. Bei der Corner Company ist er für die Website und Excel-Späße zuständig und auch im real life nie um einen Gag verlegen. Auf Social Media aber habe er keinen Bock. Der gebürtige Deggendorfer trägt seine dunklen Haare kurz, graue Chucks, Bart, Brille und ein weißes T-Shirt mit einer Zeichnung auf der Brust. Er lobt das Zusammenspiel in der Gruppe: »Ideen reifen gemeinsam«. Alle vier betonen, dass sie sich gut ergänzen.

So findet, passend zu Felix Abneigung den sozialen Netzwerken gegenüber, Luisa ihre Freude am Posten, Gestalten und Aufbereiten von Inhalten für Social Media. Für sie gibt es keinen Konflikt um ihre Zukunft. Sie hat Kulturwissenschaften studiert und plant einen Master in Kulturmanagement und »will später genau das« machen, was sie gerade mit der Corner Company tut. Mit Luisa wird es bei allem Enthusiasmus auch ernster. Sie will sich für mehr FLINTA* in der Musikszene einsetzen und gegen Sexismus auf Musikveranstaltungen vorgehen. Oft ist sie die kritische Stimmer innerhalb der Crew. Sie hilft die Ideen auszufeilen, die Felix und Alex kühn aushecken. Politische Musik finden die Corners cool, wenn sie gefragt werden, aber authentisch müsse sie sein, rechts und sexistisch ist tabu. 

Von Konzerten zu Videodrehs zu Konzerten

Die Corona Pandemie war Fluch und Segen zugleich für das junge Projekt. Sie gab ihnen den nötigen Freiraum und die Zeit alles aufzuziehen. Gleichzeitig fehlte mit den Konzerten der Zweck. Untätig wollten die vier aber nicht sein. Also entschieden sie kurzerhand, nicht nur Konzerte zu veranstalten, sondern auch lokale Bands als Label zu vertreten. Im Lockdown wurden dann statt Live-Events Videodrehs und EP-Aufnahmen organisiert. Dafür sammelten sie auch mal per Fahrrad 50 Discokugeln ein und fuhren Rollschuh in einem pandemiebedingt leeren Freizeitpark. »Es ist ein zusammen Aufsteigen. Sie organisieren richtig viel und auch richtig gut«, schwärmt Klara von der Band The Komets über die Zusammenarbeit. 

Cornern, das Phänomen, nach dem Luisa, Alex, Felix und Sven sich benannt haben, das ist eine Alternative zu etwas Bestehendem. Es ist günstig, selbstbestimmt und lässt neue Bekanntschaften entstehen – zumindest, wenn wir dem Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt Glauben schenken wollen. Der Anspruch der vier jungen Veranstalter*innen geht in eine ähnliche Richtung. Sie wollen das studentische Publikum Regensburgs noch mehr in die Konzerthäuser der Stadt locken.

Beat-Drops im Gewitter

Den Thon-Dittmer Palais – in dem sonst eher gediegene musikalische Sit-Ins stattfinden – füllen sie dann tatsächlich mit einem für diesen Ort ungewöhnlich jungen Publikum. Es ist eines der ersten Konzerte nach dem Lockdown, für das sie das Booking übernommen haben. Hier zeigt sich die Corner Company in Action. Sie quatschen mit allen, Mitarbeitende vom Kulturamt werden lässig mit Handschlag begrüßt, Spezi wird verteilt und Luisa berät sich mit Sven über ein passendes Emoji für den Instagram-Post zur Veranstaltung.

Sven ist die beruhigende Komponente im Miteinander. Der Barkeeper und BWLer glättet die Wogen, wenn es mal kracht. Auf seinem geschorenen Kopf sitzt eine Looney Tunes Trucker Cap, während er sich geschäftig mit Alex unterhält. Alex sieht nicht aus, wie ein Maschinenbauer klischeehafterweise aussieht. Er trägt sein buntes wehendes Hemd weit aufgeknöpft und seine Socken zieren Avocados. »Ist schon ein Step den Eltern nach‘m Maschbau Studium zu sagen: Wir machen jetzt Booking«, gibt er zu, er wolle nicht alles auf eine Karte setzen. Gemeinsam mit Felix hat er die ausgefuchsten Ideen. Eine davon führte dazu, eine eigene Kaffee-Röstung zu produzieren und sie gemeinsam mit der EP von The Komets an Radios zu verschicken, als virtuelle Einladung auf einen Kaffee. Die Resonanz war viel besser, als unter normalen Umständen von Radiosendern zu erwarten wäre. Trotz aller Unterschiedlichkeit ist die gegenseitige Wertschätzung im Gespräch immer wieder spürbar.

Im Thon-Dittmer-Palais wabern mittlerweile die Triolen des Live-Elektro-Duos Umme Block über den Innenhof. Auch Iuna Lux und The Komets – die beiden Bands, die von der Corner Company vertreten werden – sind da. Das Wetter wird schlechter, es fängt an zu gewittern und der Himmel färbt sich so lila, wie die Wandbestrahlung an den Säulen des Gebäudes. Von hier an wird es fast unheimlich eindrucksvoll. Denn genau beim Drop des letzten Songs zucken mehrere Blitze über den Himmel. Das Donnergrollen liefert die Bassline zum johlenden Applaus der Zuschauenden. Luisa hängt mit den Ordner*innen ab und schickt kurz ein Peace-Zeichen zu Alex, der auf der Empore über dem Innenhof lehnt und hinabschaut, wo Felix energisch mit dem Kopf wackelnd der Musik lauscht; Sven unterhält sich mit dem Veranstalter. 

Schon vor dem Konzert sagt Felix: »Es war ein Experiment. Aber es macht zu viel Bock!« Und auch auf die Frage, ob die Corner Company zu hip für Regensburg sei, antwortet er entspannt: »Regensburg ist lässig, wir sind lässig, ob wir zu hip sind, keine Ahnung.«

 

Beitragsbild: Die Interview-Situation passt perfekt zum Namen ihres Unternehmens: Alex, Sven, Felix und Luisa im Gespräch mit Moritz über ihre Konzert-Booking-Agentur Corner Company.

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