Weihnachtweh

Weihnachtweh

*** Adventsspecial ***

Dieser Artikel ist Teil des Lautschrift-Adventskalenders. Vom 1. bis zum 24. Dezember hat sich die Lautschrift jeden Tag eine weihnachtliche Kleinigkeit zum Lesen, Gewinnen oder drüber Nachdenken ausgedacht. Wer nichts verpassen möchte, schaut am besten jeden Tag auf unserem Instagram-Profil vorbei.

von Anna-Lena Brunner

Und dann? Dann ist er weg, nicht mehr da. Aber er war doch gerade noch da. Aber das hat sie erst bemerkt, als er es eben nicht mehr war. Da, meine ich. 

Der Tod ist die Anwesenheit von Abwesenheit. Hat sie mal irgendwo gelesen. 

Es fühlt sich so an. Als ob er tot ist, meint sie. Denn wenn jemand nicht da ist, wie kann er dann irgendwo anders existieren? Die Übereinanderlagerung von Realitäten ist doch völlig absurd. Genau wie Weihnachten.

Sie denkt: Weihnachten tut weh. Licht überall. Das brennt in ihren Augen. Musik, die faktisch keine ist und nur die Leere verdichtet, in der sie sich befindet. Und dann all diese grausamen Xmas-Netflix-Filme mit Zuckerguss drauf. Sie bekommt Zahnschmerzen davon. Weihnachtweh.

An Weihnachten geht’s doch allen schlecht, denkt sie. Vor allem denen, die etwas verloren haben. Oder etwas suchen. Oder beides. Sie nach ihm zum Beispiel. In jedes abgekämpfte Gesicht schaut sie, wenn sie um 20.03 Uhr mit dem 6er Richtung Roter-Brach-Weg fährt. Und sieht seine steile Falte zwischen den Augen, die sich schief nach oben zieht, wenn er auf seinem Handy die Push-Mitteilungen der verschiedensten Nachrichtendienste liest. 

Dann verschwimmt das Gesicht und nimmt wieder die typische ÖPNV-Anonymität an, nach der sie sich manchmal so sehnt. Sich selbst anonym zu sein, denke ich. 

Sie steigt aus. Nieselregen an der Haltestelle Clermont-Ferrand-Allee. Und muss kurz in sich hineinschmunzeln, weil der Name der Haltestelle nach nussiger, knuspriger, schokoladenüberzogener Süßigkeit klingt. Dann erinnert sie sich.

Als sie bei mir ankommt sehe ich Müdigkeit und eine endlose Traurigkeit in den roten Ränder ihrer Augen. Sie sieht mich und sieht die Aufgeregtheit vergangener Zeiten als wir beide, beschwipst von billigem Netto-Wein, gelacht haben. Tränen vergossen über Profilbilder und Persönlichkeitsangaben. Wir swipten noch einmal und dann war da er. Und er war da. Die Abwesenheit von Abwesenheit sozusagen. 

Seitdem haben wir uns voneinander entfernt. Klassiker. Bros before hoes. Meistens nicht. Sie und ich trafen uns noch ein paar Mal auf eine Tasse klebrigen Chai Latte. Aber sie schwebte mir davon. Auf Wolken, von denen ich nichts verstand. 

Jetzt sind die Wolken zu grauem Nieselregen geworden. Weihnachten auch. 

Wir trinken wieder billigen Netto-Wein. Weinen. Aber nicht mehr vor Lachen. Aber gemeinsam. 

Und ist das nicht worum es geht an Weihnachten? Gemeinsam?

Beitragsbild: ©Gemma Evans | Unsplash

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