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Beißende Geruchsschwaden von Fäkalien und Unverdautem zogen als stille Zeugen durch den Flur, als er die Eingangstür der Toilette mit einem dumpfen Krachen ins Schloss fallen ließ und die Lichter löschte. Vorsichtig, an den nach innen nachgebenden Türen entlang tastend, erreichte er die letzte Kabine. Er holte sein Handy hervor und beobachtete kritisch den immer schmaler werdenden Empfangsbalken. Das klinische Blau des Displays pulsierte matt in das ihn erdrückende Schwarz. Er streckte seinen Arm gegen die ihm gegenüberliegende Trennwand, bis er unter den zahlreichen farbenprächtigen und elaborierten Versprechungen jeglicher erdenklicher sexueller Praktiken und Wünsche, seine eigene schüchterne und lakonische Handschrift ausmachen konnte: Bin neu hier

Schreibwerkstatt

 

Dreimal wurde er bis jetzt kontaktiert. Immer wurde ihm gesagt wann er in der Kabine zu warten hätte, aber nie kam jemand zu ihm herein oder holte ihn ab, sodass er bald nicht mehr ausschließen konnte, Opfer eines geschmacklosen Scherzes geworden zu sein, was die Angelegenheit zwar klären, sein Selbstvertrauen aber nur noch weiter anschlagen würde, weshalb er beschloss, noch ein letztes Mal auf ein eingehendes Angebot zu reagieren. Dieses erreichte ihn letzten Dienstag. Der Verfasser hatte sowohl Gruß- als auch Abschiedsformel weggelassen und auch der Rest der Nachricht war in einen fordernden und verknappten Duktus verfasst, wodurch er glaubte, eine gewisse Sicherheit herauslesen zu können:

RE: Fickannounce. Bin interessiert. Di 8h s.p?

Abwesend starrte er auf die Nummer. In seiner Sehnsucht formte er aus den Ziffern einzelne Körperfragmente, die er, zu einem zittrigen Gesamtkonstrukt gefügt, durch Schattenspiel in die ihn gegenüberliegende Ecke der Kabine projizierte. Dort gliederte die Projektion sich in die sie umgebende Schwärze ein und begann auf ihn zuzuschreiten. Hitzewellen der Erregung durchfluteten seine Körper. Als er sie über seinem Kopf wähnte, streckte er seine Finger aus, berührte Hautartiges und krallte sich fest. Aber es schmolz unter der Wärme seiner Handfläche und die darunter wabernde Dunkelheit ergoss sich in einen in Schwall über ihn, so dass er glaubte, ihn ihr zu ertrinken. Er schreckte hoch, schnappte nach Luft und stieß die Tür auf.

Gequält kroch er den Vorraum entlang, klaubte sich aus vereinzelten Schallfragmenten die Illusion von ihm zu Hilfe eilenden Schritten und klammerte sich an beschlagene Spiegel, während die Geräuschcollagen in einem Rauschen an ihm vorbeizogen, um in den Weiten der angrenzenden Gänge zu verebben. Erschöpft ließ er sich langsam nach unten gleiten, streifte mit geübtem Auge erneut das matte Blau seines Displays (keine Nachricht), verzog sein Gesicht, knickte seinen Kopf leicht zur Seite und schlief traumlos.

Der Schatten wartete noch eine Weile, bis er sich aus einer der vorderen Kabinen schob, lächelnd über den Schlafenden hinweg stieg und ihm, bevor er nach draußen trat, jovial die Hand um seine linke Schulter schlang, seine Lippen zu ihm heranzog, ihn sanft küsste und leise hauchte:

Heute hast du länger durchgehalten als die anderen Male.

Text von: Florian Weigl

In der Schreib­werk­statt ver­fas­sen Stu­die­rende der Uni bei Pro­fes­sor Jür­gen Dai­ber Kurz­ge­schich­ten und Prosa. Sie ver­öf­fent­li­chen
Texte in der Laut­schrift und tra­gen am Se­mes­ter­ende ihre Texte bei ei­ner öffent­li­chen Le­sung vor.

 

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