stories | Die Umkehr

Der Wind schlug die Äste der alten, schwächlichen Bäume aneinander bis sich die morsche Rinde löste und das hölzerne, noch saftige Fleisch der Naturkreaturen offenlag, jeglicher Witterung hilflos ausgesetzt. Er, der erbarmungslose Hauch des Aiolos, peitschte die Gräser, verscheuchte alles Getier und schändete die ansonsten so friedlich anmutende Wiesenlandschaft, als ihr Fuß – scheinbar ganz zum Trotz – die Erde berührte. Die junge Frau gebot ihrem Rappen davonzueilen, dem Zorn der Götter zu entrinnen. Der feige Gaul war schon nicht mehr sichtbar, als sie ihre Hand zum Abschied hob. Doch es machte nichts allein zu sein, denn, was sie zu finden anstrebte, verlangte Lossagung.

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Der Pfad, den sie einschlug, sollte letzten Endes ihr Selbst offenbaren, sollte das entfesseln, was als Verbotenes noch im Verborgenen lag. Sie spürte die Kälte des Luftstroms auf ihren bleichen, nackten Armen. Die vielen Härchen, mit denen ihr Körper bedeckt war, spreizten sich von der Haut, so als würden sie wissen, was kommen sollte, so als würden sie es nicht erwarten können, sich vom fahlen, falschen Fleisch zu lösen. Die dunklen Warzen ihrer Brust verdickten sich endlich, wurden fest und hart. Und das Blut kochte in ihren Adern, während der mit dem Wind ein-hergehende Frost ihren Leib zum Beben brachte. Alles in und an ihr strebte nach Umkehr, nach der milden, gewölbten Schönheit des Mondes, all jenes sträubte sich zugleich gegen den scharf-würzigen Geruch ihres Geschlechts, den die Sonne an manchen Tagen unabwendbar hervorzulocken wusste. Weshalb also das Stürmen fürchten? Das Getöse der aufeinanderprallenden Luft-ströme rief indes die Erinnerungen an das sie stets in der Siedlung umgebende Gelächter wach, die abwertenden Blicke der Menschenkinder, deren kleine runde Augen nie verstehen würden. Sie sah an sich hinunter, betrachtete das Kleid, das der Wind so rücksichtslos an ihren Körper drückte, um – so schien es ihr – ihre leibliche Gestalt ein für alle Mal der Welt preiszugeben. Sie vermochte sich jedoch nicht zu wandeln wie die Menschenkinder es verlangten, wie es nun wohl auch die Natur und mit ihr die Götter wünschten. Denn die junge Frau spürte, wie Fäulnis sich ihrer bemächtigte. Der Saft ihres Leibes schmeckte nach fettiger, ranziger Milch und das war nicht recht. So wurden ihre Schritte schneller, ließen erkennen, wie ungeduldig sie ihrem Ziel entgegensah.

Da erblickte sie schließlich die Eiche. Das Laub des alten Baumes zuckte heftig im Wind. Als sie – endlich angekommen – ihre Stirn gegen die rissige Rinde drückte und einzelne scharfkantige Ausbuchtungen ihre Haut blutig rieben, wusste sie, dass es rasch vonstattengehen müsse. Sie setzte sich, ihren Rücken an den festen Stamm der Eiche schmiegend, die sie so oft zusammen mit ihrem Bruder, gänzlich vergebens, zu erklimmen versucht hatte und die ihr nun Beharrlichkeit und Kraft spenden sollte. Die junge Frau lüftete den Rock ihres Kleides bis zur Hüfte, so dass ihre Scham frei lag. Ihr weiches Glied ruhte schlaff, an den rechten Oberschenkel gelehnt. Sie nahm es, während sie zitternd nach dem frisch geschärften Messer an ihrem Gürtel fasste. Es lag gut in ihrer Hand, war nicht zu schwer und schien sich förmlich ihrem Griff anzupassen.

Langsam führte sie die Klinge an den Ansatz ihres Glieds, das in ihrem bebenden Handteller leicht hin- und hergewiegt wurde – wie ein kleines Kind, das man zum Schlafen überreden wollte. Als das Metall des Messers ihre Haut berührte, stockte der Atem der jungen Frau kurz. Es gab jedoch kein Zurück. Sie holte aus und trieb die scharfe Gerätschaft in ihr Fleisch. Sofort entließ die klaffende Wunde einen Schwall an dunkelrotem, dickflüssigem Blut. Im selben Moment durchfuhr den Leib der jungen Frau ein entsetzlicher Schmerz, den auch ihre Stimmbänder in sich aufnahmen und dessen Heftigkeit sich letztlich in einem schrillen, krächzenden Geschrei äußerte. Das Messer rutschte ihr langsam aus der blutbeschmierten Hand. Sie war nun vollkommen gelähmt. Als sie nach unten blickte, sah sie ihre verstümmelte Scham. Die Klinge hatte es nicht geschafft, das Glied vollständig abzutrennen, so dass es noch an etwas Haut an ihrem Körper hing. Während roter Saft weiter in Schwallen aus ihrem Leib trat und sich über den Boden verteilte, griff sie mit letzter Gewalt nach ihrem geschundenen Glied. Sie hielt das weiche, kleine Fleischstück fest in ihrer Hand. Seine Haut war noch immer ganz geschmeidig. Da begannen sich ihre Augen mit salzigem Wasser zu füllen, das auf ihren Wangen bald, wenn auch kaum merklich, brannte. Sie schluchzte nicht bloß vor Schmerzen, sondern vor allem sich ihres Verlustes gewahr werdend. Ihre Tränen benetzten die schlammige Erde und vermischten sich mit dem vergossenen Blut.

Text von: Melanie Pflamming

In der Schreib­werk­statt ver­fas­sen Stu­die­rende der Uni bei Pro­fes­sor Jür­gen Dai­ber Kurz­ge­schich­ten und Prosa. Sie ver­öf­fent­li­chen
Texte in der Laut­schrift und tra­gen am Se­mes­ter­ende ihre Texte bei ei­ner öffent­li­chen Le­sung vor.

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