Weltmeister aus Regensburg

Oder:  Wer steckt eigentlich hinter den gelben Tonnen?

 

Es ist Donnerstag, kurz vor acht. Die Wiwi-Cafete füllt sich nur langsam. Müde Gesichter verstecken sich hinter großen Coffee-to-go-Bechern und der Mitschrift der letzten Vorlesung. Um Magenknurren während des Kurses vorzubeugen, wird noch hastig ein Croissant verspeist. In Eile wird schließlich der Müll aus den Taschen und Rucksäcken entleert und auch die leeren Plastikflaschen der letzten Tage wandern in den Papierkorb. In der morgendlichen Hektik nimmt kaum jemand wahr, wie zwei Personen die Pfandflaschen kopfschüttelnd aus dem Abfalleimer nehmen und säuberlich in leere Getränkekästen ordnen. Denn für Gabi P. und Paul R. sind diese Flaschen kein Müll, sondern sichern ihre Arbeitsplätze.

Pfandflaschen als Start in ein neues Leben

Dank der zahlreichen Plakate und Aushänge, die überall an der Uni und FH verteilt sind, kennen viele die großen gelben Tonnen mit der Aufschrift »Spende dein Pfand«, die in beinahe jeder Cafete aufgestellt sind. Dennoch weiß kaum jemand, was oder wer hinter dem Projekt steckt. Gabi und Paul drehen auch an diesem Donnerstag ihre gewohnte Runde: Sie leeren die Tonnen, wechseln die Müllbeutel und geben die Pfandflaschen zurück. Der Erlös stellt ihr monatliches Gehalt dar.

Paul ist gelernter Maurer. Während des Hausbaus konnte der Familienvater dem beruflichen Druck nicht mehr standhalten und hatte mit Panikattacken zu kämpfen. Auch Gabi, ehemals Krankenschwester, war es wegen ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr möglich, ihren Beruf auszuüben. Mit dem Projekt »Spende dein Pfand« wurde beiden der Wiedereinstieg ins Berufsleben ermöglicht. Neben der entspannten Arbeitssituation ist es die Abwechslung, die Paul an dem Projekt schätzt. Die Arbeit besteht nämlich nicht nur aus der Leerung der gelben Tonnen, sondern die Teilnehmer tragen auch die Verantwortung für das Marketing. Gabi lobt das Projekt ebenfalls: »Heutzutage gibt es so viel Egoismus auf der Welt. Die Mitmenschlichkeit macht unsere Arbeit so besonders.« So helfen die Teilnehmer automatisch anderen bedürftigen Menschen, da das überschüssige Geld der Pfandflaschen verschiedenen sozialen Einrichtungen in Regensburg, wie dem »Donaustrudl« oder dem »Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder in Ostbayern«, zugutekommt. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Unterstützung von wohltätigen Organisationen hilft »Spende dein Pfand« auch die natürlichen Ressourcen zu erhalten, indem die Pfandflaschen nicht auf dem Müll landen, sondern dem Recyclingprozess zugeführt werden. Das an der Universität Regensburg begonnene Projekt war derart erfolgreich, dass es bereits neun weitere deutsche Unis, darunter in Berlin und Hamburg, übernommen haben.

Mit einfachen Mitteln wie einer Pfandflasche Großes zu schaffen und damit das Leben von anderen Menschen zu verbessern: Das könnte man als einen der Leitgedanken der Studentenorganisation SIFE (Students In Free Enterprise) bezeichnen, die das Projekt »Spende dein Pfand« ins Leben gerufen haben. Gegründet wurde SIFE Regensburg 2005 und reihte sich somit in die lange Liste der Regensburger Studentenorganisationen ein. Bei der Frage was SIFE von anderen gemeinnützigen Organisationen unterscheidet, muss Hans-Georg Mann, BWL-Student und Teamleiter, nicht lange überlegen: »Bei unseren Projekten soll der Mensch als Individuum im Mittelpunkt stehen, nicht die Statistik.« Josef Plank, der ebenfalls Teil der Teamleitung von SIFE Regensburg ist, fügt hinzu:  »Unser Ziel ist es konkrete Projekte zu entwerfen und diese umzusetzen. Ein Projekt ist für uns dann erfolgreich, wenn es mindestens einer Person tatsächlich hilft und nicht, wenn es 100 Personen herlfen könnte.« Das ist wahrscheinlich die größte Motivation des Regensburger SIFE-Teams, das sich derzeit aus 100 Mitgliedern aus den verschiedensten Fachrichtungen zusammensetzt. Doch von der Projektarbeit profitieren nicht nur bedürftige Menschen, sondern auch die Mitglieder selbst, indem sie lernen Verantwortung zu übernehmen, Projekte auf die Beine zu stellen und diese zu Ende zu bringen: Kompetenzen, die im späteren Berufsleben von Nutzen sein werden. Sich gemeinsam immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, schweißt zusammen. Aber nicht nur das. Auch gemeinsames Feiern und Sportmachen trägt zu dem starken Zusammenhalt und dem freundschaftlichen Umgang innerhalb des Teams bei, das sich selbst als »große Familie« bezeichnet.

Eule, Pharao und Bayer tanzen Polonaise

Wie erfolgreich unser Regensburger SIFE-Team wirklich ist, haben die meisten wohl kaum oder nur am Rande mitbekommen. Oktober dieses Jahres wurden sie in Kuala Lumpur zum SIFE World Champion gekürt. Wie die Bezeichnung des Wettbewerbs bereits schließen lässt, beschränkt sich die Organisation SIFE nicht auf Deutschland, sondern ist in 38 Ländern mit über 57 000 Studenten vertreten. Mit ihrer beeindruckenden Bühnenshow, bei der die Studenten ihre Projekte mit Foto- und Videomaterial präsentierten, konnte sich das Regensburger Team gegen 36 andere SIFE-Teams aus aller Welt durchsetzen. Trotz zweimonatiger Vorbereitung für ihren Auftritt bei der Weltmeisterschaft war den 26 Regensburger Studenten, die nach Kuala Lumpur eingeladen worden waren, doch etwas mulmig zumute. Als die Jury aus 50 internationalen Topmanagern schließlich das Ergebnis verkündete, konnte es das deutsche Team kaum glauben. Schließlich nahmen sie zum ersten Mal überhaupt an den Weltmeisterschaften teil und traten im Finale gegen Teams wie Zimbabwe an, das sich für den Kampf gegen Aids stark machte. Trotz des Wetteiferns um den Weltmeistertitel glich der World-Cup eher einem freundschaftlichen Treffen der SIFE-Teams. Im Vorfeld der Meisterschaft fand eine Messe statt, um den Kontakt zwischen den verschiedenen Teams herzustellen. Es folgte ein buntes Spektakel: Die in landesüblicher Tracht gekleideten SIFE-Mitglieder versuchten, anhand von Musik oder Tänzen, die Kultur ihres Heimatlandes zu repräsentieren. Das Resultat war ein multikulturelles Treiben, bei dem Baskenmützen, Kimonos, Pharaonen und eine Eule aus Puerto Rico gemeinsam Polonaise tanzten. Auch das bayerische Team vertrat unser (Bundes-)Land stilgerecht mit Lederhose, Dirndl und Lebkuchenherzen.

Neben »Spende dein Pfand« stellte das Regensburger Team auch zwei weitere Projekte in Malaysia vor. Mit »Integration On« unterstützt die Studentenorganisation Roma-Familien in Rumänien. Das SIFE-Team versorgte diese oft von der Gesellschaft ausgeschlossene Bevölkerungsgruppe mit regenerativen Energiequellen. Da sich die Netzbetreiber in einigen Regionen weigerten die Roma-Familien mit Strom zu versorgen, mussten diese ohne elektrisches Licht und fließendes Wasser auskommen. Das SIFE-Team sicherte durch regenerative Energiequellen nicht nur die Stromversorgung der Familien, sondern brachte ihnen auch bei, diese zu reparieren und wiederaufzuladen. Neben der Stromversorgung, wurde in ein Jugendzentrum investiert, in dem die Roma-Kinder zusammen mit anderen rumänischen Kindern spielen können. Somit wurde sowohl für die Versorgung der Familien mit Elektrizität gesorgt, als auch der Versuch der Integration der Roma in die rumänische Bevölkerung gestartet.

Wie »Integration On« widmet sich auch das dritte Projekt, »Micro Leasing«, dem Osten Europas. Gebrauchte Maschinen und Geräte werden dabei an bulgarische und serbische Kleinunternehmer verleast. Die Überschüsse werden zum Kauf neuer Geräte verwendet. Von den ersten Ideen bis zum Zeitpunkt, zu dem ein Projekt selbstständig abläuft, dauert es oft Jahre. Es ist bewundernswert, mit welchem Elan und welcher Begeisterung sich die SIFE-Mitglieder ihrer Arbeit widmen und immer wieder aufs neue Menschen in Not helfen.  Mit so viel Engagement und Freude an der Sache ist es nicht verwunderlich, dass das Teammitglied Stefanie Schattenkirchner die Arbeit einer Sucht gleichsetzt: »SIFE ist wie eine Droge, man kann nicht damit aufhören.« Auch bei ihrem neuesten Projekt »Türkei«, das misshandelten türkischen Frauen neue berufliche Perspektiven geben will, zeigen sich der Ideenreichtum und der Wille der Gruppe. Das Motto des Teams: »Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern.« veranschaulicht eines ihrer wichtigsten und zugleich schwierigsten Ziele: die Selbstständigkeit. Das Projekt »Spende dein Pfand« zeigt, dass die Hilfe sich selbst zu helfen meist nachhaltiger und wirkungsvoller ist als einfach nur Geld zu spenden. Als Beweis genügt ein Blick in Gabi P.s strahlendes Gesicht als sie letzte Woche die Spenden, finanziert aus dem überschüssigen Pfanderlös, an die Einrichtung »Donaustrudl« übergeben durfte.

Link zum Videoclip des Worldcup-Auftritts.


Text: Michaela Schwinn

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