Stories | Neptuns Tod

Ich habe Neptun zerstört, hämmert es in ihrem Kopf. Herausfordernd funkelt sein Blick im Neonlicht, noch in seinem Untergang. Neptun ist zerbrochen, das zu wissen tut so weh. So weh… Aber halt, der Schmerz steckt ja in ihrem Fuß, blitzt von dort aus über die ganze Wade bis ins Hirn hinein.

Lass das, das sind meine Gedanken! Aber es tut so weh… Ganz ruhig, sei ruhig, ist jetzt nebensächlich, der Schmerz, aber was ist passiert? Ach ja, sie hat Neptun zerstört und aus Rache hat er seinen gläsernen Schiffsbug in ihren Ballen gebohrt. Niemand kann einem Gott ungestraft etwas anhaben. Jetzt muss sie ihm opfern, um ihn milde zu stimmen, womit, mit eigenem Blut vielleicht… Schluss jetzt, klar denken, was soll sie tun, Martin rufen? Tatsächlich, da läuft es schon die Fuge entlang, tatsächlich, so viel, so viel hat sie schon lang nicht mehr geblutet, aber es macht nichts, sie kann ja Blut sehen! Es läuft unaufhörlich, darf nicht den Duschvorleger erreichen, das kriegt man nicht mehr raus. Sie hat ja schon Neptun auf dem Gewissen, jetzt nicht noch den Teppich, bitte nicht! Hier ein Handtuch, das nicht, das nicht, das ja, das ist schon alt, das geht, das kann man einweichen und später noch damit putzen. Ja, das ist gut, das saugt alles auf, erstaunlich viel ist das, soviel Blut nur im Fuß, komisch… Es tut immer noch weh, was macht man da, tut man ein Pflaster drauf, früher hat das immer geholfen, als sie vom Fahrrad auf den Schotterweg gefallen ist, wie alt war sie da? Neptun ist zornig, noch immer die Scherbe in ihrer Sohle, kann man die einfach so rausziehen, aber dann blutet es ja noch mehr. Martin wüsste es, aber sie kann jetzt nicht… So viel Blut, vielleicht wird sie jetzt ohnmächtig, aber nein, bitte nicht, das darfst du nicht! Wenn sie ohnmächtig wird, wird sie fallen, vielleicht noch die Stirn gegen das Waschbecken schlagen, den Wannenrand, kann man doppelt ohnmächtig werden? Martin wacht auf, tapst schläfrig ins Bad, natürlich barfuß, tritt selbst in eine Scherbe, die Rache der Götter kann sich auf Familienmitglieder ausdehnen, ganze Generationen, das war doch bei… wie hießen die nochmal, Iphigenie weiß sie noch, hat sie sogar im Theater gesehen, mit Martin, da hat ihr das blaue Kleid noch gepasst, warum passt es jetzt nicht mehr? Bleib bei der Sache! Martin… Er tritt in eine Scherbe, sieht sie dann da liegen, ein schlimmer Anblick, wenn sie wie tot aussieht und sein schöner Neptun ist auch noch tot, er wird denken, sie habe ihn absichtlich zerschmettert, dann noch das blutgetränkte Handtuch, er kann kein Blut sehen, sie schon, er nicht, Martin bekommt einen riesigen Schock. Oder nein, er sieht erst Neptun in seinen Einzelteilen und dann sie und tritt vor Schreck in eine Scherbe und dann? Wie ihm der Fuß weh tun wird, so weh, sie kann es selber spüren. Ach nein, wie blöd von ihr, die Scherbe steckt ja in ihrem Fuß, Gottseidank, Martin ist noch gar nichts passiert, sie kann es verhindern, sie hat ihm den Schmerz vorweggenommen, aber Neptun, für den ist es zu spät, der ist zerstört, auch morgen noch, oder kann man ihn kleben? Alle Teile sind noch da, das eine muss sie rausziehen, natürlich, das Blut kann man ganz leicht abwischen, sie hat diesen Kleber gesehen, auf Martins Schreibtisch, aber kaputt wird es trotzdem aussehen, falsch, Martin wird sofort erkennen, dass etwas nicht stimmt, er weiß auch, dass ihr das blaue Kleid nicht mehr passt, er sagt bloß nichts, sie hat immer gedacht, sie sei nicht diese bequeme Pärchenfrau, sie gibt sich ja Mühe und jetzt ist trotzdem der Neptun kaputt und sie ist schuld und Martin wird nichts sagen, aber weh wird es ihm tun… Hat er etwas gemerkt, nein, er schläft ja, sie darf ihn nicht wecken, setz dich mal auf den Hocker da, gut, im Sitzen ist es viel besser, da kann sie nicht so leicht fallen und es tut jetzt schon ein bisschen weniger weh, bestimmt und jetzt legt sie auch Neptuns Kopf endlich aufs Waschbecken ab, vorsichtig, grausam sieht das aus, da ist ja auch Blut dran, wie kommt das dahin, das kann nicht ihres sein, das ist sein Blut, wie wird er sich rächen an ihr? Braust das Meer auf, weil sie seinen Herrscher getötet hat, aber Götter sind doch unsterblich, hat sie immer gedacht, drängt es jetzt durch die Rohre, presst sich durch den Abfluss, um sie zu ertränken, es riecht schon salzig hier oder ist das nur ihr Blut, war es nicht überheblich, sich einen Gott ins Badezimmer zu holen, aber das ist ja nicht ihre Schuld, oder doch, die Schuld springt über, man kann gar nichts tun, dann darf sie auch keine Kinder bekommen, aber am Ende tut man immer so, als hätte man alles vergessen, kriegt dann versehentlich doch welche, und was ist dann mit denen, bringen alle sich gegenseitig um? Warum haben sie ihn überhaupt immer Neptun genannt, eigentlich ist das doch Poseidon, eine blaue Krawatte hat Martin getragen, passend zu ihrem Kleid, hat er nie wieder gemacht, im Theater waren sie auch schon länger nicht mehr, obwohl Martin doch immer gerne gegangen ist, wirklich gerne, aber wie soll das jetzt noch gehen, die Kleider passen nicht mehr und sie macht alle seine Sachen kaputt, ihr Fahrrad hat sie bei ihrem Sturz auch kaputt gemacht, neun war sie da, ja genau, so weh getan hat das, das Schutzblech ist verbogen, der Rahmen war auch blau, mit silberner Schrift, was stand da drauf, jetzt darf sie keine blauen Kleider mehr tragen, weil sie Neptun getötet hat oder Poseidon und keine Kinder bekommen und von Martin wird sie fortgehen müssen, sie kann ihm jetzt nicht mehr in die Augen sehen, aber erst, wenn sie die Scherben aufgesammelt hat, er soll sich nicht auch noch schneiden, aber gerade ist der Boden so weit weg und er schaukelt, das sind schon Neptuns Wogen, sie riecht das Salz, die Algen auch und die Möwen schreien, vielleicht soll sie doch Martin rufen, vielleicht kann er sie noch retten, aber da ist schon das Wasser in ihrer Kehle.

Text: Lucia Mederer

 

Schreibwerkstatt Salamander

Die Schreibwerkstatt Salamander wurde im Sommersemester 1996 in Zusammenarbeit mit der Uni Regensburg gegründet. Inzwischen organisiert sie sich selbst, uni-unabhängig und demokratisch. Sie dient bei den wöchentlichen Treffen bis heute als Diskussionsforum für eigene Texte und als Versuchsraum für gemeinsame Sprachexperimente. Einmal im Semester veranstaltet der Salamander eine Lesung mit eigenen Texten und musikalischer Untermalung. Wer selbst schreibt, wer sich gern in Literaturkritik übt oder einfach Spaß am Umgang mit Sprache hat ist jederzeit willkommen.

Interessiert? Dann schreib an eine E-Mail an Schreibwerkstatt-Salamander [at] web.de

Autorenportraits und Leseproben gibt es unter: http://schreibwerkstatt-salamander.jimdo.com

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