Ge­schich­ten aus dem Stalinismus

Geschrieben von . Veröffentlicht am 23. August 2012.

Alex­an­der Klenk macht ein Prak­ti­kum bei Kro­nes in der Nähe von Shang­hai. Er hat sich vier Tage frei ge­nom­men, um nach Nord­ko­rea zu fah­ren. Der 25-jährige BWL-Student aus Re­gens­burg er­zählt über eine Reise un­ter stren­ger Aufsicht.

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Ich hab mir nie ge­dacht, dass ich ein­mal nach Nord­ko­rea komme. Beim Trin­ken hat mein Kol­lege er­zählt, dass er nach Nord­ko­rea fah­ren will. Da musste ich ein­fach mit.

»Es ist schwei­ne­teuer. Für vier Tage habe ich 1000 Euro be­zahlt. Und die Re­geln sind streng.«

Mein Ar­beits­kol­lege Ar­min und ich sind von Shang­hai nach Dan­dong ge­flo­gen, eine Stadt, die an der Grenze zu Nord­ko­rea liegt. Dan­dong ist eine chi­ne­si­sche, un­be­deu­tende Klein­stadt und hat gleich mal wie­der drei Mil­lio­nen Einwohner.

»Du steigst in China in den Zug ein, Aus­weis­kon­trolle, al­les wird ge­checkt, fährst ein paar hun­dert Me­ter und steigst wie­der aus.«

90 Pro­zent der Tou­ris­ten sind aus China. Bis zu 6000 Leute aus dem Wes­ten sol­len pro Jahr nach Nord­ko­rea rei­sen. Tou­ris­ten sind eine gute Devisenquelle.

Wir muss­ten uns in ei­ner Reihe auf­stel­len und uns mer­ken, wer vor ei­nem und wer hin­ter ei­nem stand. Al­les musste im­mer in die­ser Rei­hen­folge pas­sie­ren. Sie ha­ben von uns al­len Bil­dern ge­macht und che­cken da­mit: Aha, das ist der und das ist der. Die Pro­blem­fälle stan­den am Schluss. Ich war der Vor­letzte, zwei aus Hong­kong vor mir, Ar­min hin­ter mir. Ar­min lebt schon seit fünf Jah­ren in China, hat drei gül­tige Rei­se­pässe gleich­zei­tig und ist stän­dig unterwegs.

Es gab ein Pro­blem: Ar­mins Pässe. Sie brauch­ten das mit sei­nem China­vi­sum, er hatte aber ei­nen an­de­ren da­bei — mit ei­ner an­de­ren Aus­weis­num­mer. Bei den bei­den aus Hong­kong hat es schon län­ger ge­dau­ert, bei mir hat es lange ge­dau­ert, bei Ar­min sehr lange.

Da­ne­ben wa­ren Shops mit ki­lo­weise Pfir­si­chen oder Ba­na­nen und Sa­chen, die man in Nord­ko­rea nicht be­kommt. Dort gibt’s nur, was dort auch wächst. Da sind viele, viele Last­wa­gen rü­ber ge­fah­ren, die Le­bens­mit­tel ein­füh­ren. Wenn China nicht wäre, wür­den sie wahr­schein­lich bald aussterben. Wir ha­ben auch noch ein biss­chen ein­ge­kauft: Bier und Pfirsiche.

Im Zug wa­ren viel­leicht 300 Leute, au­ßer uns Tou­ris­ten wa­ren das vor al­lem Chi­ne­sen, die dort Ver­wandte ha­ben. Die ha­ben kof­fer­weise Zeug mit­ge­nom­men, viele Elek­tro­ge­räte. Je­der hatte ei­nen Wa­gen, auf den min­des­tens 100 Kilo Ge­päck drauf passen.

Der Zug war ur­alt. Wir sind nach Pjöng­jang ge­fah­ren. Das wa­ren nur 180 Ki­lo­me­ter, aber wir brauch­ten sie­ben Stun­den. Wir sa­ßen in der Mitte des Zu­ges. Übe­r­all wa­ren die Bil­der der Füh­rer aufgehängt.

»Ab da wurde es dann kri­tisch. Man durfte keine Fo­tos mehr ma­chen, der Rei­se­pass wurde ein­ge­zo­gen — für alle vier Tage«

Ei­gent­lich war ich nur zwei­ein­halb Tage dort, weil ich den ers­ten und den letz­ten Tag nur im Zug ge­ses­sen hab, wo die nord­ko­rea­ni­sche Pass­kon­trolle ab­läuft. Die Grenz­be­am­ten, so grüne Ham­pel­männ­chen, schauen je­des Ge­päck­stück an, aber nur ganz ober­fläch­lich. Wenn wer was ver­ste­cken will, macht man das ganz un­ten und nicht ganz oben. Mit­neh­men darf man nicht: Grö­ßere Di­gi­tal­ka­me­ras, Han­dys, fast gar nichts eigentlich.

Die Kon­trol­leure kom­men von bei­den Rich­tun­gen. Ich seh den Sol­da­ten, der von hin­ten kommt, nicht. Bumm! Haut der mir voll eine auf die Schul­ter, das hat rich­tig weh ge­tan. Er reißt mir den Rei­se­pass aus der Hand. Auch zu den Chi­ne­sen wa­ren sie nicht freund­lich und über­heb­lich. Zwei Stun­den ha­ben sie uns war­ten las­sen und die Pässe überprüft.

Nor­mal ist es so, dass die Rei­se­gruppe ei­nen nord­ko­rea­ni­schen Guide be­kommt, der die je­wei­lige Lan­des­spra­che spricht: Eng­lisch, Ja­pa­nisch, Spa­nisch, was auch im­mer. Wir ha­ben über eine chi­ne­si­sche Rei­se­agen­tur ge­bucht und wa­ren dann in ei­ner Gruppe von viel­leicht 30 Chi­ne­sen. Wir hat­ten drei Über­set­zer, zwei chi­ne­sisch spre­chende und ei­ner, der Deutsch kann. Er war nie im Aus­land, sprach aber ziem­lich gu­tes Deutsch. Er war 24, Par­tei­mit­glied und nur für uns zu­stän­dig. Das war ein Rie­sen­vor­teil. Er saß mit uns ganz hin­ten im Bus und hat uns im­mer Sa­chen erklärt.

Die Route bei Google Maps:

Land­schaft­lich ist das wirk­lich schön. Kann man sich da gar nicht vor­stel­len, dass die Leute so hun­gern. In den ers­ten drei Stun­den wa­ren nur Reis– und Mais­fel­der an der Stre­cke. Aber nach der Ernte geht so­viel ka­putt. Übe­r­all wa­ren ver­armte Dör­fer. Die meis­ten Leute wa­ren zu Fuß un­ter­wegs, nur we­nige hat­ten klapp­rige Fahr­rä­der, sol­che, wie sie in Re­gens­burg die Stu­den­ten fah­ren. Im­mer wie­der muss­ten wir an­hal­ten, weil die Zug­stre­cke nur ein­glei­sig ist.

Un­ser Guide meinte, dass deut­sche Be­su­cher oft vor al­lem an Land­schaft in­ter­es­siert sind. Ich fahr doch nicht nach Nord­ko­rea, um mir Was­ser­fälle an­zu­schauen. Da hat­ten wir Glück, dass wir bei der chi­ne­si­schen Gruppe da­bei waren.

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Al­les war voll von Mi­li­tär. Mi­li­tä­ri­sche Ein­rich­tun­gen und Ge­bäude darf man na­tür­lich nicht fo­to­gra­fie­ren. Da hat’s gleich ein paar Chi­ne­sen er­wischt, die wa­ren ja auch sau­dumm. Beim ers­ten Ge­bäude sind die gleich auf­ge­stan­den und übe­r­all hat’s ge­blitzt. Sie muss­ten dann die Fo­tos löschen.

In Pjöng­jang an­ge­kom­men hat uns ein aus China im­por­tier­ter Rei­se­bus vom Zen­trum aus zum Ho­tel ge­fah­ren. Da ha­ben wir ei­nen Probe-Fackellauf für den 28. Au­gust, ei­nem Na­tio­nal­fei­er­tag, gesehen.

Un­ser Ho­tel war ex­trem lu­xu­riös mit Mar­mor, ein Top-Hotel auf ei­ner In­sel am Rand der Haupt­stadt. Im Dreh­re­stau­rant auf dem Dach gab es ein rie­si­ges Buf­fet mit chi­ne­si­schem Es­sen. In dem Re­stau­rant konnte man die Chi­ne­sen und die Ko­rea­ner so­fort un­ter­schei­den. Die Leute aus Nord­ko­rea hat­ten keine bun­ten Klei­der an, die Chi­ne­sen wa­ren dicker.

Wir durf­ten nichts al­leine ma­chen. Nicht mal die Stra­ße­sei­ten durf­ten wir wech­seln, um vor ei­ner eu­ro­päi­schen Ver­tre­tung mit EU-Flagge draus­sen ein Foto zu ma­chen. Wir be­ka­men kein Geld, die nord­ko­rea­ni­sche Be­völ­ke­rung wird an­ge­wie­sen, uns nichts zu verkaufen.

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Am Abend woll­ten sich die Chi­ne­sen aus un­se­rer Gruppe heim­lich in die Stadt schlei­chen. Wir ha­ben ge­fragt, ob wir mit­kom­men kön­nen. Sie woll­ten uns nur un­gern da­bei­ha­ben, weil wir Eu­ro­päer so auf­fäl­lig wä­ren. Dann ha­ben wir also un­se­ren Dol­met­scher ge­fragt, der aber ei­nen Spa­zier­gang in die Stadt ab­lehnte. Nur bis zur Brü­cke, die von der Hotel-Insel ins rich­tige Pjöng­jang führt, durf­ten wir alleine.

Wir hat­ten viele Scho­ko­rie­gel und Kau­gum­mis da­bei. Das ha­ben uns die Chi­ne­sen ge­sagt, dass wir das mit­neh­men sol­len, um die Ko­rea­ner zu be­ste­chen. Nach dem Motto: Ein biss­chen Sni­ckers aus­tei­len, dann geht des schon. Wir wa­ren noch keine 20 Me­ter auf der Brü­cke, schreit schon der Dolmetscher: »Alex, Ar­min, ich hab euch ge­sagt, nicht über die Brü­cke ge­hen.« Er habe sei­nen Chef an­ge­ru­fen, wir dürf­ten ge­hen — aber nur mit sei­ner Be­glei­tung. Die Chi­ne­sen müs­sen al­ler­dings im Ho­tel blei­ben, weil er nur für uns beide ver­ant­wort­lich wäre. Das muss­ten wir dann den Chi­ne­sen sa­gen, denn er sprach ja nur Deutsch und Ko­rea­nisch. Wir sind dann aber nur am Fluss ent­lang ge­lau­fen. Letzt­end­lich ha­ben wir nichts gesehen.

Keine Chance, dass man Kon­takt zur Be­völ­ke­rung ha­ben kann.

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Nord­ko­rea­ner be­kom­men alle nur Ta­schen­geld, etwa 100 Euro. Sie brau­chen nichts be­zah­len, Woh­nung und Es­sen ist um­sonst. Je nach Ran­king hat man eine bes­sere Woh­nung. Un­ser Guide hat eine 130 Quadratmeterwohnung.

Am An­fang hat er nur er­zählt, wie hoch die­ses Ge­bäude ist und wie alt jene Sta­tue — nur so Scheiss, den kei­nen interessiert. Bei ihm hab« ich mich die ganze Zeit ein­ge­schleimt, schließ­lich war er der ein­zige Ko­rea­ner, zu dem ich Kon­takt ha­ben konnte. Mein Lieblingssatz: »Die Ame­ri­ka­ner ma­chen im­mer nur Pro­bleme.« Klar wa­ren wir auch aus der ehe­ma­li­gen DDR. Ich hab ihm stän­dig Was­ser, Eis, Al­ko­hol oder Zi­ga­ret­ten ge­kauft — das hat ge­fruch­tet. Wir ha­ben je­den Abend mit ihm ge­sof­fen, die Nord­ko­rea­ner brauen re­la­tiv star­kes Bier. Am Schluss wa­ren wir beste Freunde.

»Was denkst du über Süd­ko­rea­ner?« »Wir lie­ben die Süd­ko­rea­ner, has­sen aber die Re­gie­rung, weil sie un­ter der Fuch­tel der Ame­ri­ka­ner steht.«
»Was denkst du über Ja­pa­ner?« »Wir lie­ben die Ja­pa­ner, aber has­sen die Re­gie­rung.«
»Was denkst du über Chi­ne­sen?« »Wir lie­ben die Re­gie­rung, aber has­sen die Chinesen.«

Man meint ja, China und Nord­ko­rea hät­ten ein gu­tes Ver­hält­nis. Aber nichts da. Koreaner läs­tern rich­tig über die Chinesen: Das wä­ren rich­tige Bau­ern, die schmat­zen, spu­cken und fur­zen, wie es grad passt.

Ein häu­fi­ges Ziel: Denk­male und Plätze. Am zwei­ten Tag ha­ben wir ewig viele abgeklappert. Vor ei­ner Sta­tue muss­ten wir uns so­gar auf­rei­hen und verbeugen. Bei al­len Denk­ma­len und Re­gie­rungs­ge­bäu­den ist es pi­co­bello sau­ber, sonst ist al­les marode.

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»Es­sen gab es in für uns ab­ge­sperrte Restaurants. Serviert ha­ben Ko­rea­ne­rin­nen, die alle so bild­hübsch wa­ren, dass grad aus is«. Nord­ko­rea ist schließ­lich das beste Land der Welt.«

Un­ser Über­set­zer hat uns ein biss­chen ko­rea­nisch beige­bracht, wie wir die Kell­ne­rin­nen an­flir­ten können: »Kogda, schöne Frau, wir brau­chen na­moi a Bier«.

Die Reise war su­per or­ga­ni­siert, da muss man die Ko­rea­ner schon lo­ben. Ein Pro­gramm­punkt war U-Bahn fah­ren. Halt dich fest, die U-Bahn war aus DDR-Produktion. Ur­alt und klapp­rig, mit Bil­dern der Füh­rer an den Wän­den und Militärmusik.

»Das war keine Reise, son­dern eine Zeitreise.«

Da wa­ren wir end­lich mal un­ter Ko­rea­nern. Kei­ner lachte, da war nie­mand glück­lich, das hat man ge­se­hen. Alle wa­ren mo­no­ton ge­klei­det, braun, grün, schwarz, weiß, keine hatte mal was pin­kes oder hell­grü­nes an. Zwei Sta­tio­nen sind wir ge­fah­ren, dann hat un­ser Bus schon wie­der auf uns vor der Hal­te­stelle gewartet.

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Al­les wirkt wie aus­ge­stor­ben — we­nige Fahr­rä­der, noch we­ni­ger Au­tos. Und dann fährt doch wie­der ein 7er BMW vor­bei, ob­wohl es ja ein Em­bargo auf Lu­xus­gü­ter gibt. Aber wo kom­men die neuen BMWs her? Wo­her die neuen Au­dis und Toyotas?

Wir sind auf ei­ner zwölf­spu­ri­gen Au­to­bahn ge­fah­ren. Un­ser Bus war das ein­zige Ge­fährt dar­auf, am Rand wa­ren ein paar Men­schen un­ter­wegs. Ich nehme an, die Straße hat ei­nen mi­li­tä­ri­schen Zweck — schließ­lich führt sie nach Süden.

Ein be­son­de­rer Pro­gramm­punkt war das Arirang-Festival im zweit­größ­ten Sta­dion der Welt. 150.000 Leute pas­sen in das Rŭngnado-May-Day-Stadion hin­ein, über 100.000 Men­schen wa­ren daran ak­tiv be­tei­ligt. Frü­her be­ka­men Tou­ris­ten nur für das Fes­ti­val Visa aus­ge­stellt. So­gar Süd­ko­rea­ner dür­fen da­für ein­rei­sen. Auf der Tri­büne wa­ren vor al­lem Sol­da­ten, für die war der Ein­tritt frei. Ich hab über 100 Euro für die Show be­zahlt. Wir Aus­län­der ha­ben das al­les finanziert.

Thema war die Ge­schichte Nord­ko­reas. Es war eine fan­tas­ti­sche Show mit vie­len Spezialeffekten. Nur auf ei­ner Seite des Sta­di­ons wa­ren Zu­schauer, auf der Ge­gen­seite war ein mensch­li­cher Bild­schirm: Je­der war ein Pi­xel. Diese Menschen-Bilder wa­ren rich­tig beeindruckend.

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Übe­r­all gab’s große Schil­der mit Pro­pa­ganda. Sa­chen wie »Für die Wie­der­ver­ei­ni­gung« oder »Ge­gen die Ame­ri­ka­ner« ste­hen da drauf.

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Fast bis nach Süd­ko­rea bin ich ge­kom­men. Ich hätte nur noch ein­mal um­fal­len müs­sen in der ent­mi­li­ta­ri­sier­ten Zone.

»Jetzt bloß nicht ren­nen, sonst kann’s ei­nen Kopf­schuss geben.«

Ich hab kei­nen süd­ko­rea­ni­schen Sol­da­ten gesehen. Ein biss­chen be­scheu­ert sind die Sol­da­ten auf bei­den Sei­ten ja schon: Wenn Be­su­cher­grup­pen auf der nord­ko­rea­ni­schen Seite sind, sind die süd­ko­rea­ni­schen Sol­da­ten weg. Sind Grup­pen bei den Süd­ko­rea­nern, hauen die Nord­ko­rea­ner ab.

Auf bei­den Sei­ten ist eine der größ­ten Flag­gen der Welt. Beide Sei­ten zie­hen sie im­mer hö­her, bis sie gleich hoch sind. Je­den Tag.

Dort wollte ich un­be­dingt auch ein Foto von ei­nem Mi­li­tär­ge­bäude ha­ben. Un­ser Dol­met­scher hat meine Ka­mera ge­nom­men und ei­nes Foto gemacht.

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» Wa­rum ha­ben denn alle so ge­weint als Kim Jong Il ge­stor­ben sind?« » Un­ser Füh­rer ist ge­stor­ben, un­sere Mut­ter ist von uns ge­gan­gen. Das ist das glei­che, als ob für dich die Sonne nicht mehr schei­nen würde.«

Ich war ja nur vier Tage, aber ich glaube, die sind wirk­lich so fa­na­tisch. Ko­rea­ner ha­ben alle ei­nen An­steck­pin mit den zwei al­ten Füh­rern. Je­der hat den. Wir woll­ten den auch. »Kön­nen wir den auch ha­ben«, ha­ben wir ge­fragt un­se­ren Über­set­zer ge­fragt. Nein, denn den gibt es nur ein­mal für je­den Koreaner. »Kann ich dir den ab­kau­fen, ich geb« dir 100 RMB! [Anm. d. Red.: RMB= Ren­minbi, chi­ne­si­sche Wäh­rung; 100 RMB ent­spre­chen in etwa 12 Euro]« »Nein, das ist ja als würde ich mein Herz ver­kau­fen, ich würde je­den Au­gen­blick ster­ben.« Da hab ich dann gleich wie­der zu­ge­stimmt. Ich hab ihm im­mer zugestimmt.

»Wa­rum hatte denn Kim Jong Il im­mer eine Son­nen­brille auf? Wollte der cool sein?« »Der Füh­rer hat so viel gearbeitet.«

Un­ser Guide sagte: »Er hat im­mer nur ma­xi­mal zwei Stun­den Schlaf be­kom­men. Des­halb war er auch so herz­krank. Er hat sich ge­op­fert. Er war so ka­putt und müde und hatte so blut­un­ter­lau­fende Au­gen. Wenn die Men­schen das ge­se­hen hät­ten, hät­ten sie ge­weint. Aber er will, dass die Men­schen sich freuen, wenn sie ihn se­hen.« Wahr­schein­lich hatte Kim Jong Il ein­fach den grauen Star und er wollte nicht schwach da ste­hen. Wie beim Hit­ler und seine Läh­mung am Schluss, als er den Fuß im­mer so nach­ge­zo­gen hat.

Am letz­ten Abend ha­ben wir ge­sagt, wir wol­len noch­mal in die Stadt. Wir durf­ten ge­hen. Ich weiß nicht, ob un­se­rem Guide das er­laubt war. So weit sind die Chi­ne­sen nicht mal ge­kom­men. Die Leute auf der Straße ha­ben uns an­ge­schaut und so­fort wie­der weg­ge­schaut. Der Fa­ckel­zug hat wie­der geprobt.

Bei der Aus­reise ha­ben uns die Kom­mu­nis­ten vier Stun­den war­ten las­sen. Ein­fach so, nie­mand wusste wa­rum. Dann ha­ben sie die Ka­me­ras kon­trol­liert, bei ei­ni­gen Chi­ne­sen alle Fo­tos durch­ge­klickt, ob ja keine Sol­da­ten oder Mi­li­tär­sa­chen drauf wa­ren. Un­sere ko­mi­scher­weise nicht, ob­wohl sie uns ge­sagt ha­ben, dass sie un­sere auf je­den Fall checken.Vielleicht, weil wir uns mit un­se­ren Rei­se­füh­rer so gut ver­stan­den haben.

Was sonst noch in­ter­es­sant sein könnte:

  • Ei­ner der bei­den ko­rea­ni­schen Gui­des hat nie was gesagt, Praktikant soll er sein. Ich würde eher sa­gen vom Geheimdienst.
  • Ei­ner der Mit­rei­sen­den war an­geb­lich ein chi­ne­si­scher Mil­li­ar­där, tä­tig bei der Re­gie­rung und im »Mining-Business«, der be­haup­tete mit ei­ner be­kann­ten süd­ko­rea­ni­schen Sän­ge­rin für eine Mil­lion Dol­lar ge­schla­fen zu ha­ben. Der größte Hans­wurst ever.
  • Tan­zen mit nord­ko­rea­ni­schen Kin­der bei dem Be­such ei­ner Schule:

Ka­tha­rina Brun­ner hat Alex« Er­leb­nisse aufgeschrieben.

Fo­tos: Alex­an­der Klenk und Ar­min Dirscherl

Es gibt 2 Kommentare zu “Ge­schich­ten aus dem Stalinismus

  1. Christoph sagt:

    Re­spekt Ka­tha­rina, sehr le­sens­wert! Mit den Auf­sät­zen hat­test du’s ja schon da­mals, in der Grund­schule. :)

  2. Margit sagt:

    Re­spekt Alex!! Kom­pli­ment Ka­tha­rina!! Tolle Leute sind aus un­se­rer Ge­ne­ra­tion her­vor­ge­gan­gen, wei­ter so! Ihr alle seid die Zu­kunft! Lg Mar­git Fesl

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