Über Babys, Mädchen und wie Veganismus die Gesellschaft spaltet

Gedanken zum Schattenslam im Theater an der Uni am 21. Januar 2020

von Anna-Lena Brunner

 

Eines Tages, Baby, 

Da werden wir alt sein,

Ohh Baby werden wir alt sein,

Und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen

können

 

Gern geschehen! Für den Ohrwurm, meine ich. Denn wenn du dich im Zenit deiner mitteleuropäischen Quarter-Life-Crisis befindest, hast du diese Zeilen zu 99 % schon mal gehört. Und wenn du zu den restlichen, unwissenden 1 % gehörst, kommt hier die Erklärung dazu: Dieses kleine Ströphchen ist nämlich der Anfang von Julia Engelmanns Slam One day, der auf Youtube knappe 13 Millionen (!) Mal angeklickt wurde und so das Genre Poetry Slam in die Mitte der machalattetrinkenden Mittzwanziger brachte. Mehr Klicks in der deutschsprachigen Youtube-Blase generieren vermutlich nur Katzenbabys und Battlerap-Videos von Fler und Co. (Kleiner Spoiler: einen Battlerap gab’s übrigens auch am Dienstag!).

So wirklich aussagekräftig fand ich die Engelmann’schen Slams um ehrlich zu sein noch nie. Immer geht es irgendwie um das Leben von Menschen, irgendwo in ihren Zwanzigern, denen es irgendwann zu viel wird. Aber von was zu viel? Zu viel Verantwortung? Zu viel Arbeit in ihren hippen StartUp-Unternehmen? Da denk ich mir – zu viel Freizeit wahrscheinlich.

Dementsprechend begegne ich Poetry Slams, die zudem auch nicht virtuell stattfinden, mit einer gewissen Portion an gesunder Vorsicht. Da kommt nämlich noch der Faktor Nervosität seitens der SlammerInnen hinzu. Denn es gibt nichts Schlimmeres als eine superaufgeregte Lena, die mit dünnem Stimmchen und zitterndem Zettel auf einer Bühne steht und versucht, engelmannesque ihren Text über die Befreiung der Generation Y vorzulesen. Nichtsdestotrotz gibt es auch so manche Leute, die sprachlich raffinierte und gehaltvolle Texte schreiben. Und denen bietet Poetry Slam natürlich eine richtig gute Bühne, um ihre Gedanken und Gefühle in die Welt zu tragen.

So machte ich mich vergangenen Dienstagabend in einer eher ambivalenten Gefühlslage auf den Weg zum Theater an der Uni. Dort fand um 19:30 Uhr erstmalig der Schattenslam statt, bei dem diverse SlammerInnen aus Regensburg und Umgebung auftraten. Die Crux bei der Sache war zudem, dass die Texte hinter einer semitransparenten Wand zum Besten gegeben wurden. Was bedeutete, dass das Publikum die SlammerInnen nicht sehen konnte und andersrum natürlich genauso. Mir schien es, als biete diese Wand einen »Safe Space«, der es den DarstellerInnen ermöglichte, sich auf ein Spiel mit Licht und Schatten einzulassen. Einige experimentierten auch mit Requisiten, was die vorgetragenen Texte fast traumartig untermalte.

Doch die Idee mit der Schattenwand war nicht nur einer der Gründe, warum mich der Schattenslam (fast) wieder mit dem Genre des Poetry Slams aussöhnte. Ich muss sagen, ich war wirklich positiv überrascht von den Slammerinnen und Slammern und ihren vorgetragenen Werken. Zur Abwechslung waren es einmal nicht die allgegenwärtigen Themen wie ich-bezogener Herzschmerz und diverse Identitätskrisen, die den Abend füllten.

Die Texte waren ein Mischmasch aus persönlichen Erfahrungen und bewegten Gedanken. Es ging um Freundschaft, Liebe und alles dazwischen. Um Aufwachsen und Erwachsen (werden) und was das ganze eigentlich mit sich bringt (zum Beispiel Babys oder die Begeisterung/Nichtbegeisterung für eben jene). Aber auch gesellschaftsrelevante Thematiken bildeten die Basis für so manchen Text. Man setzte sich mit der gegenwärtigen Feminismusdebatte auseinander, die ja oft einseitig argumentiert und impliziert, dass es »richtige und falsche« FeministInnen gäbe. Obwohl es doch eigentlich egal sein sollte, ob man sich die Beine rasiert oder nicht. Des Weiteren wurden die Klimakrise und die Angst davor thematisiert. Auseinandersetzungen diesbezüglich à la »Veganismus rettet die Welt/Nein tut er nicht« – die jede/r vermutlich mit seinen Eltern/Großeltern schon mal geführt hat – wurde durch einen Battlerap zwischen »Ve Can« und »Meat Beef« exemplarisch zur Schau gestellt.

Beim Poetry Slam ist es ja so, dass die ZuschauerInnen durch die Intensität des Applauses entscheiden, wer am Ende gewonnen hat. Ich muss zugeben, dass ich meistens in einer sehr ähnlichen Lautstärke geklatscht habe, da die DarstellerInnen qualitativ wirklich sehr nah beieinander lagen. Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: Danke an alle TeilnehmerInnen! Ich hatte wirklich eine sehr schöne Zeit!

Nun dazu wieso ich leider nur fast mit dem Poetry Slam an sich im Reinen bin. Mir ist es leider schon oft passiert, dass die Moderation bei solchen Veranstaltungen in einen Bereich der Fremdschäm-Skala fallen, dem nur ein Luke Mockridge beim ZDF-Fernsehgarten unterliegt. Ständig wird versucht, das Publikum mit Hilfe von übertriebenem Animieren, das man sonst nur von diversen Fahrgeschäften auf Volksfesten kennt, zum »Interagieren« zu bewegen. Das bewirkt kein »Interagieren« seitens des Publikums, sondern nur eine latente Genervtheit. Außerdem wurde seitens der Moderation auch so mancher Auftritt grundlos kommentiert. Als es lauten Beifall zu einem sehr witzigen Vortrag gab, wurde man darauf hingewiesen, dass es beim Poetry Slam ja nicht nur um Humor gehe, sondern auch um den ästhetischen Wert eines Textes. Naja – hätte man sich mal bei der Moderation die gleiche Devise gesetzt.

Nichtsdestotrotz war es eine sehr gelungene Veranstaltung, die meinen kleinen, poetryslamvorgeschädigten Horizont definitiv erweitert hat. Wer selbst auch noch überzeugt werden möchte oder bereits Slam-Fan ist, darf sich auf den Mai freuen. Die Veranstaltung Schattenslam am Samstag war ein kleiner Vorgeschmack auf den Bayernslam – die bayerische Meisterschaft im Poetry Slam, die vom 7. bis 9. Mai in Regensburg stattfinden wird – unter anderem auch im Theater an der Uni. Und wie könnte man diesen Text über Poetry Slam anders beenden, als nochmal der Grande Dame der deutsche Slamszene nachzuspüren:

 

Eines Tages, Baby,

Da werden wir alt sein,

Ohh Baby werden wir alt sein,

Und an all die Geschichten denken, die wir uns erzählt

haben

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