Keine Krise in der Krise

Finanzkrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise: Die Volkswirtschaft wird seit fünf Jahren gebeutelt wie kaum eine andere Wissenschaft. Auf Wunsch seiner Studierenden hat sich ein VWL-Professor einer Diskussion gestellt. Die Forderung der Studenten und Studentinnen: Sie wollen differenzierter lernen.

Donnerstagabend im Mai nach einem der heißesten Tage im bisherigen Frühling: Im H22 ist es stickig, es gibt keine Fenster, die frische Luft bringen könnten. In dem Hörsaal haben 92 Leute Platz, aber es sind mehr da, auch auf Stühlen oberhalb der Sitzreihen und auf den Treppen hocken Studentinnen und Studenten. Die Tür wird ein paar Mal aufgemacht und ein Luftzug schafft es von den Türen bei der  Unterführung bis in die Katakomben des Zentralen Hörsaalgebäudes.

Vor der Tafel steht Lutz Arnold. Er ist Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre. Knapp zwei Stunden stand er im Mittelpunkt einer Diskussion über die Krise der Ökonomie. Eingeladen hat ihn eine Gruppe aus den Wirtschaftswissenschaften, die sich kritisch mit dem Fach, das sie studieren, auseinandersetzen. Sie nennen sich „Lost in Economics“, kurz: LIE. Um in das Thema einzusteigen hat Arnold einen Impulsvortrag gehalten. Dabei stellte er seine These klar: „Die Volkswirtschaftslehre hat keine Krise.“ Er legte dar, was die VWL im Stande ist zu tun: Ex-Post Situationen analysieren, qualitativ und quantitativ. Was die VWL nicht kann: die Zukunft vorhersagen.

Ringvorlesung als Kompromiss

Danach konnten Fragen gestellt werden. Dabei meldeten sich nicht nur angehende Ökonomen zu Wort, sondern auch Studenten aus den Bereichen Politik, Soziologie oder Philosophie. Mal ging es um die Krise der VWL als Wissenschaft, dann wieder um aktuelle Ereignisse. Diese Fragen müssten aber strikt getrennt werden, so Arnold.  Wenn es nämlich an Wirtschaftspolitik geht, „muss man das Buch zuklappen.“ Arnold wagte dennoch eine Prognose bezüglich Griechenland: „Ich glaube, dass Griechenland in der Eurozone bleibt.“ Seiner Meinung nach sind die Kosten für Griechenland zu hoch, falls das Land zu einer eigenen Währung zurückkehrt, denn die Währung würde abwerten und die Schulden sich womöglich verdoppeln.

Arnold sieht die Ökonomie als ideologiefreie Wissenschaft und sieht keine prinzipiellen methodologischen Unterschiede zwischen der VWL und den Naturwissenschaften: „Wir machen nichts anderes als Wenn-dann-Aussagen“, so der Ökonom. Sein Kollege Mark Spoerer aus der Geschichtswissenschaft hat ihm da aber widersprochen. „Auch die Volkswirtschaft ist nicht frei von Ideologie“, sagte Spoerer. Der Homo oeconomicus, der rationale Nutzenmaximierer, sei dafür das Paradebeispiel, weil er in allen aktuellen Modellen eine Grundannahme sei.

Eine Forderung kam immer wieder auf: Die Studierenden wollen differenzierter lernen und auch Wirtschaftsgeschichte gelehrt bekommen: „Wir lesen nie Originaltexte“, lautete eine Klage aus dem Publikum. Auch ökonomische Schulen abseits der „Mainstreamtheorie“ würden VWL-Studenten nur am Rande oder gar nicht mitbekommen. Es war Professor Arnold anzumerken, dass er diese Bedürfnisse nicht wirklich nachvollziehen konnte. Immerhin schlug er für nächstes Semester eine Ringvorlesung zur Wirtschaftsethik vor. „Ich könnte zwei Vorlesungen dazu beisteuern“, so sein Angebot. Zudem sollte die Gruppe LIE versuchen, weitere Professoren aus den Wirtschaftswissenschaften und angrenzenden Fächern dafür zu gewinnen.

Frischer Wind für das VWL-Studium?

Auch Professor Mark Spoerer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte wäre ein Kandidat dafür. Er hat sich während der Diskussion für eine Lehre in der Dogmengeschichte, der Fachterminus für die ökonomische Entwicklungsgeschichte, ausgesprochen.

Am Ende dürfte Professor Arnold und seinen anwesenden Kollegen klar gewesen sein, dass viele ihrer Studierenden nicht zufrieden mit ihrem Studium sind. Vielleicht war die Debatte im H22 ja der Anfang für frischen Wind im Volkswirtschaftsstudium an der Uni Regensburg. Auf jeden Fall zeigte sie eines: Diskussionskultur hat auch in der VWL Platz.

Die Veranstaltungsreihe „Die Krise“ der Gruppe „Lost in Economics (LIE)“ geht nächste Woche in die zweite Runde. Dann wird Mark Spoerer über Wirtschaftskrisen sprechen. Die Woche darauf wird es eine Diskussion zwischen Politik-Professor Bierling und VWL-Professor Jerger über den Einfluß der VWL auf die Politik geben.

Die genauen Daten:

  • Mittwoch, 30. Mai 2012: “Die aktuelle Wirtschaftskrise im historischen Vergleich”, Professor Mark Spoerer, Ort und Zeit: H4, 18 Uhr
  • Dienstag, 5. Juni 2012: “Der Einfluss der Volkswirtschaftslehre auf die Politik (in der Eurokrise)”, Professor Stephan Bierling, Professor Jürgen Jerger, Ort und Zeit: H4, 18 Uhr

Text: Katharina Brunner

One Reply to “Keine Krise in der Krise”

  1. Die aktuelle Krise und die Politik drumherum ist tatsächlich ein wunderbares Anschauungsobjekt für jeden angehenden Wissenschaftler. Die Diskussionkultur sollte dadurch endlich wieder mehr Auftrieb bekommen. Es wäre angebracht.

Schreibe einen Kommentar