Die Kultur kehrt zurück: Reggae-Band Jamaram im Interview

Die Kultur kehrt zurück: Reggae-Band Jamaram im Interview

Lest über Freiräume in der Corona-Krise, Pamela Reif Workouts, den besten Song des kommenden Sommers, »Weenis« und vieles mehr.

von Laura Kappes

Passend zum Semesterstart kommt langsam wieder Leben in die Regensburger Kulturszene, was ihr bereits in unseren letzten Artikeln bemerkt haben dürftet.  Viele alte Bekannte schauen in der Stadt vorbei – so auch die Band Jamaram. Die Reggae-Band aus München vermischt in ihrer Musik Elemente des Dub mit Ska, Latin, Pop und Balkanbeats, was ihre Liveshows zu einem explosiven und unvergesslichen Event macht. Jamaram hat schon viele Male in der Alten Mälzerei in Regensburg gespielt, sodass die Kombination auf jeden Fall Kultstatus hat. Nächsten Donnerstag am 28. April, ab 19 Uhr ist es endlich wieder soweit. Mit dabei ist außerdem der jungen Singer und Songwriter Jakob Muehleisen. Es wird ein Konzert, das ihr auf jeden Fall nicht verpassen solltet! Karten gibt es noch auf der Website der Mälze.

Dieses Jahr ist Jamaram zusammen mit Jahcoustix, ebenfalls einem langjährigen Reggae-Musiker, auf Tour. Die Kooperation ist entstanden, weil der eigentliche Sänger von Jamaram, Tom Lugo, eine Auszeit nehmen wollte. Der Rest hat dann in Jahcoustix einen würdigen Ersatz gefunden, da es sich hierbei um einen alten Weggefährten der Band handelt.

Ich durfte Max Alberti (Schlagzeug) von Jamaram und Dominik Haas aka Jahcoustix über Zoom vor ihrem ersten Auftritt der Tour in Göttingen ein paar Fragen stellen. Wir haben uns unter anderem über die Erfahrungen der Band während der Corona-Zeit, die Vorbereitungen auf die Konzerte jetzt und über das Thema »kulturelle Aneignung« unterhalten. Außerdem erfahrt ihr, was es mit einem ominösen »Weenis« auf sich hat. Viel Spaß beim Lesen!

Wann war klar, dass ihr zusammen auf Tour geht?  

Max: Januar 2020 hatten wir uns zwei Wochen zurückgezogen, um zusammen zu proben und ein neues Set zu entwickeln mit Jahcoustix Songs und Jamaram Songs. Er singt bei uns mit, wir singen bei ihm mit und so weiter. Und da ging´s schon los, wo wir das erste Mal gehört haben, oh da gibt’s sowas wie Corona. Hoffentlich kommt das nicht. Aber da war gar nicht dran zu denken, dass die ganze Tour nicht stattfinden würde. Und dann wurde das Ganze Jahr für Jahr verschoben.

Es gab sicher sehr viele Probleme, auch finanzielle Unsicherheiten, gerade für Kunstschaffende und Musiker:innen in der Krise, aber was war vielleicht ein positives Highlight aus der Pandemie? Vielleicht hat sich auch etwas für euer künstlerisches Schaffen ergeben?

Max: Du willst ein positives Highlight von der Pandemie? Da gibt’s eigentlich kein wirkliches Highlight aus der Pandemie. Aber, obwohl wir keine Konzerte gespielt haben, haben wir uns trotzdem getroffen und haben viele Songs geschrieben. Wir haben so richtige Camps gemacht immer zwei, drei Tage am Stück und haben Material gesammelt für die nächsten zwei, drei Alben, könnte man fast sagen. Also es gibt total viele neue Song-Ideen. Insofern hat es schon was gebracht. Also es gab nen kreativen Prozess, den wir sonst nicht gehabt hätten. Aber sonst gab es nichts Tolles an der Pandemie.

Jahcoustix: Also bei mir war es natürlich ähnlich, aber auch so ein bisschen anders. Zum Beispiel die Zeit, die ich dann mit meinem Sohn zusammen hatte, das war echt Quality-Time.  Rückblickend werde ich sehr dankbar dafür sein, diese intensive Zeit mit meinem Kind gehabt zu haben. Und natürlich so in gewisser Hinsicht der Freiraum, der entstanden ist, um Projekte anzugehen und umzusetzen, die bis dahin in den nächsten zwei, drei, vier Jahren überhaupt erst angestoßen worden wären. Das, kann ich sagen, war auf jeden Fall ein positiver Aspekt. Aber im Grunde genommen diese ganze Unsicherheit und auch das, was gesellschaftlich so damit einherging, das war natürlich teilweise schon eher anspannend.

Max: Also wir wussten ja im Grund genommen bis vor Kurzem noch gar nicht, wird’s überhaupt wieder normale Konzerte geben. Wie lange dauert das? Dauert das die nächsten zehn Jahre? Da war ja eine riesen Hysterie darum und das ist es immernoch. Und nicht zu wissen, ob man die nächsten Jahre überhaupt noch Konzerte spielen kann, das war schon ein Scheißgefühl.

Jahcoustix: Aber wir sind glaub ich schon von der Grundstruktur, das was das Musikerleben mit sich bringt, optimistisch denkende Menschen. Wir haben gesagt: ok wir können jetzt an der Lage auch nicht groß was ändern. Lass uns einfach nach vorne gucken und das Beste draus machen. Einfacher gesagt als getan am Ende des Tages, weil man natürlich auch noch diesen ganzen Stress, der so außenrum noch ist, hat. Aber im Grunde genommen sind wir alle bis jetzt ganz gut durchgekommen.

Aber jetzt geht’s ja wieder los.

Max: Ja, voll. Wir spielen jetzt wieder drei Tage die Woche durch, die ganzen Wochenenden. Im Juli sind es 18 Konzerte. Sowas hatte ich schon seit Jahren nicht mehr. (lacht)

Da würde mich interessieren, ob ihr jetzt irgendwas gemacht habt, um euch wieder darauf vorzubereiten auf der Bühne zu stehen. Oder seid ihr schon so routiniert, dass das jetzt eigentlich kein Ding ist, einfach wieder vor viel Publikum zu spielen?

Max: Also unser Gitarrist zum Beispiel, der bereitet sich sehr sehr genau darauf vor. Der macht jetzt jeden Morgen Pamela Reif Workout und dem ist das sehr wichtig, dass er konditionell auch wieder auf die Höhe kommt. Aber wir machen jetzt seit zwanzig Jahren Musik und wir haben uns nicht explizit auf den Wiedereinstieg vorbereitet. Es wird grandios und ich glaube, das was am meisten ausmacht, ist die Euphorie auf der Bühne und im Publikum. Wir haben es jetzt auch bei den letzten Konzerten schon gemerkt, dass die Leute unglaublich Bock haben.  

Jahcoustix: Und es ist natürlich auch sehr schön, dass die Leute jetzt keine Masken mehr aufhaben müssen und man wieder in lachende Gesichter schauen kann.

Max: Mit Masken wäre es wahrscheinlich auch ziemlich heiß geworden, vor allem in Regensburg. (beide lachen) In der Mälze war es schon immer extrem heiß und wir haben uns eigentlich immer Badesachen angezogen, wenn wir da auf der Bühne waren.  Und es ist egal welche Jahreszeit. Es kann draußen schneien und es wird trotzdem superheiß. (lacht nochmal).

Ihr seid ja auch Bands, die Einflüsse aus ganz vielen Kulturen aus der ganzen Welt nehmen und ich weiß, dass Jamaram sich viel engagiert und viele Projekte hat zum Beispiel mit Sea Eye oder Go Ahead für Kinder in Südafrika, um etwas zurückzugeben. Aber wie steht ihr zu der Diskussion um kulturelle Aneignung? Habt ihr da eine Position? (Anmerkung: Was »kulturelle Aneignung« ist, erfahrt ihr zum Beispiel hier.)

Jahcoustix: Da gab es ja vor Kurzem auch die Diskussion um Ronja Malzahn. Ich finde es ist ein sehr vielschichtiges, sehr komplexes Thema, was eine berechtigte Diskussionsgrundlage darstellt. Jetzt ist halt nur die Frage: Wie diskutiert man das? Und verschieben sich da nicht teilweise Kontexte? (…) Ich hatte ja selber auch viele Jahre lang Dreadlocks, zum Beispiel, und habe diese Erfahrung, dafür kritisiert zu werden, eigentlich nie gemacht. Und ich muss auch ganz ehrlich sagen, wenn man über solche Themen diskutiert hat, dann ging diese Kritik oft gar nicht von Schwarzen aus, sondern eher von Weißen. Und das ist eben diese Kontextverschiebung, die ich vorhin meinte. Es geht doch bei dem Beispiel von Fridays for Future, wo man auch wieder nicht alle über einen Kamm scheren kann, um Klimaschutz. Warum wird das plötzlich mit kultureller Aneignung und Rassismus in einen Topf geworfen? Da hat mir so ein bisschen der kausale Zusammenhang gefehlt. (…) Im Grunde genommen ist es auch sehr widersprüchlich, wenn man sich überlegt, dass wir als Reggae Musiker, oder viele andere Menschen auch, predigen und versuchen zu leben, dass man sich der Welt öffnet, ja, dass man sich austauscht. Das bedeutet natürlich im Umkehrschluss auch in gewisser Hinsicht, dass, wenn man sich mit anderen Kulturen intensiv austauscht, man da auch bestimmte Elemente dieser Kultur in sein eigenes Leben integriert. Das heißt, ich verstehe manchmal die Diskussion nicht, weil es irgendwie von der falschen Seite betrachtet wird. Man könnte, wenn man es positiv sehen will, auch sagen, dass es eigentlich die Welt näher zusammenbringt, wenn dieser Austausch stattfindet. Da geht es gar nicht unbedingt nur darum, dass man irgendjemand etwas vorenthält oder jemandem etwas wegnehmen möchte. Kommt aber auch noch ein bisschen drauf an. Man kann halt nicht alles über einen Kamm scheren und das macht diese Diskussion auch so vielschichtig.

Ja, danke dir auf jeden Fall. Vielleicht noch einmal zurück zu Jamaram. Habt ihr jetzt direkt vorm Auftritt noch irgendwelche Rituale oder so, die ihr auch jetzt gemeinsam neu macht?

Max: Wir bauen natürlich auf und machen Soundcheck. Heute werden wir wahrscheinlich auch noch ein paar Lieder proben, weil wir jetzt auch länger nicht in dieser Formation gespielt haben und noch einen neuen Song zusammen gemacht haben. Der wird super geil. Das wird die »Bomb Track Single« des nächsten Sommers.

Ok, ich freu mich darauf!

Max (lacht): Ja, wir sind selber hochbegeistert von diesem Lied. Wir versuchen das heute mal live zu spielen und schauen, wie das ankommt. Und ansonsten hauen wir uns die Bäuche voll. Und dann, wenn es direkt vorm Konzert ist, machen wir unsere Ellbogen zusammen und sagen: »Power to the Weenis«. Ein »Weenis« ist das Stück Haut unten am Ellbogen, das jeder Mensch hat (zeigt es in der Kamera). Es ist nicht besonders ästhetisch, aber jeder Mensch hat es und es gibt Leute mit ausgeprägtem »Weenis« und weniger ausgeprägtem. Jahcoustix hier hat einen ziemlich ausgeprägten. (beide lachen) Das ist einfach seit fünfzehn Jahren eine Tradition bei uns.

Lautschrift: Dann wünsche ich euch ganz viel Power bei eurem ersten Auftritt auf der Tour und, dass die Bude in Regensburg auch voll wird. Danke für eure Zeit.

Vor einem Konzert im Jahr 2018 wurden zwei andere Mitglieder von Jamaram bereits von unserer Redaktion interviewt, was ihr hier lesen könnt.

Und mehr über Jamaram findet ihr hier.

Titelbild von Urban Tree Media 2022

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