Wohnsinn-Kolumne: Licht und Schatten

Wohnsinn-Kolumne: Licht und Schatten

Gedanken über Freiheit, Licht und die Schatten der Welt.

von Lotte Nachtmann

Das Leben kehrt zurück hinter die Vorhänge und die Freiheit zurück in mein Leben. Die Sonnenstrahlen haben schon länger vehement demonstriert, dass sie nicht für immer verschwunden gewesen seien. Noch vor einer Woche flüsterten sie mir provakant zu, ich solle doch die Abschlussarbeit Abschlussarbeit sein lassen und ihrem Ruf nach draußen folgen. Oder mich wie der Kater im Elternhaus auf die Sonnenstrahlenflecken auf dem Teppichboden legen. Doch nur fünf Minuten nach einem Einkauf oder einer Erledigung waren drin, um die Sonnenanbeterin zu spielen und mit jeder Sekunde, die die warmen Strahlen mein Gesicht aufwecken, wieder Leben aufzusaugen.

Nach langen Monaten der Kälte und der Dunkelheit, die sich wie eine schwere Decke über die Dächer Regensburgs gelegt hatten, fühlten sich die ersten fernen Boten des Frühlings wie eine Befreiung an, wie der tiefe Atemzug nachdem man auf den Grund eines Schwimmbeckens getaucht ist. Die Düsterheit des Winters hat mir mit jede Woche mehr Energie aus dem Körper gezogen. Energie, die ich eigentlich für meine nicht enden wollenden Literaturlisten, meine Zeile für Zeile anwachsende Bewährungsprobe und die stetig steigenden Ansprüche an mich selbst gebraucht hätte. Die Dunkelheit hat mich erdrückt. Müde und erschöpft und sich nach Licht sehnend ruderte ich weiter durch die Dunkelheit dieses ewigen Abschlussarbeitswinters. Doch auf der Zielgerade kam mir unerwartet jemand zur Hilfe, den ich schon für verloren geglaubt hatte. Die Sonne stand hinter der Ziellinie und schickte mir mit ihren Strahlen die Kraft für die letzten Meter.

Und so wie die Sonne zurückkehrte, habe ich auch wieder mein Leben in Besitz genommen. Trotzdem liege ich nicht wie der Kater daheim auf dem sonnengewärmten Teppich. Denn die Schatten, die die Welt ins Zimmer wirft, sind größer als die Lichtflecken. Wenn ich vor die Tür trete, sehe zwar zuerst in den blauen Himmel und atme die frische, junge Luft ein, doch dann wandert der Blick auf das Eis im Wassereimer neben der Tür. Es ist kalt geworden in Europa. Und die Sonne kommt nicht an gegen diese Kälte, die sich um mein Herz legt. Sie bringt das Licht zurück in mein Leben, doch hat sie nicht die Macht das Eis des Hasses und der Maßlosigkeit zum schmelzen zu bringen. Und so bleibt es dunkel in meinem Kopf, auch wenn das Licht meine Augenlieder wieder begrüßt.

Nächste Woche meldet sich Paula wieder mit einem neuen Wohnsinn.

Beitragsbild: Maxime Caron | Unsplash

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