Ein Gedankenkarussell über Mamas und Papas

Ein Gedankenkarussell über Mamas und Papas

Sonntagnachmittag. Wir sitzen zu viert zusammen und rauchen eine Zigarette. Der Alkohol von letzter Nacht hängt jedem und jeder einzelnen von uns noch im Körper. Wir ratschen. Und plötzlich geht es um Mamas, die stressig und Papas, die chillig sind. Und ich frage mich, ob die Probleme, die im letzten Artikel unserer Kolumne angesprochen wurde – die mit der Kernfamilie zusammenhängen –, sich auch in solchen Aussagen widerspiegeln. Denn eins steht fest: Ich will später eine chillige Mama sein. Aber geht das auch?

von Bianca Wilhelm

»Oh leeeeck, mei Mum is so stressig!«

Über so Sätze muss ich meistens schmunzeln. Wenn die eigenen Eltern nicht mehr leben, dann freut man* sich manchmal darüber, wenn sich dieser Umstand nicht als Defizit, sondern wie etwas Positives äußert – »Sorry, solche Probleme hab nicht«. Vielleicht klingt das für die ein oder andere Person jetzt etwas makaber, aber so bin ich auch ein Stück weit. Zurück zur eigentlichen Thematik.

Während in unserer Runde schon die zweite Geschichte zu »Mama ist stressig, Papa ist chillig« ausgepackt wird, komme ich ins Grübeln und denke über weitere Elternpaare nach, die ich so kenne. Und in der Summe sieht es wie folgt aus: Mit Mama hat Kind Auseinandersetzungen, die anstrengend und nervig sind, während Papa sich nur zu ausgewählten Diskussionen äußert und ansonsten Kind machen lässt. 

Bei all den Elternpaaren, die ich im Kopf durchgegangen bin, ist Mama erziehende und Papa geldbringende Person. Ich kenne, sofern mir bekannt ist, nur ein einziges Elternpaar, das die Rollen anders verteilt hat und das sind die Eltern meiner Mitbewohnerin. Ihr Vater ist zuhause geblieben, um sie und ihre zwei Geschwister groß zu ziehen, während ihre Mutter arbeiten gegangen ist. »Cool!«, denk ich. Aber als sie erzählt, dass sie ihren Papa stressiger wahrnimmt als ihre Mama, schnaube ich. Mist. Heißt das also, dass die erziehende Person immer als stressiger wahrgenommen wird? 

Ja, macht schon auch Sinn: Erziehung ist nicht immer einfach, das weiß ich – auch ohne Kinder. Während dem Aushandeln, Aufzeigen und Verschieben von Grenzen kommt man* manchmal an seine eigenen. Man* ist stressig, gestresst von Situation, Menschen und ­– ach – eigentlich allem.

Aber was heißt eigentlich »stressig«?

Ich frage meinen besten Freund für Hausarbeiten, Essays und Lautschrift-Artikel: den Duden. Und bin enttäuscht! Autsch, das bin ich eigentlich selten. Aber warum muss als Beispiel nach »eine stressige Woche« nun stehen: »[…] diese Frau war sehr stressig.« Ja klar, nur ein Beispiel. Aber ist es in diesem Fall wirklich notwendig, das einem Geschlecht zuzuordnen?

Ich weiß es nicht. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf dreht sich immer schneller. Ich verlier den Überblick: Was davon ist nun ein strukturelles Problem und was betrifft persönliche Charaktereigenschaften? Muss es die Aufteilung in »stressig« und »chillig« bei Elternpaaren überhaupt geben? Wahrscheinlich nicht. Hört sich sogar ein bisschen quatschig an, wenn man* so direkt fragt. Ist die ganze Fragerei zu »chillig« und »stressig« bei gleichgeschlechtlichen Elternpaaren anders? Muss es die Aufteilung in erziehende Person und geldbringende Person bei Elternpaaren Überhaupt geben? Ich glaub eigentlich nicht. Aber pauschal sagen kann man* das auch nicht, weil solche Entscheidung auch von finanziellen Mitteln und anderen Faktoren abhängen. Und nur weil ich heute beschließe, eine emanzipierte Frau sein zu wollen und nicht – nur weil ich eine Frau bin – im Job zurückzustecken, um mich um die Kinder zu kümmern, heißt das noch lange nicht, dass mir das auch später gelingen wird.

Das Gedankenkarussell wird wieder schneller, ich schaffe es nicht die einzelnen Dinge um mich herum wahrzunehmen, geschweige denn zu verorten. Also schließe ich die Augen und drehe mich nun um meine eigenen Gedanken, bei denen ich schon lange nicht mehr weiß, wo das alles angefangen hat. Als ich die Augen öffne, vom Karussell springe und froh bin, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, merke ich, dass mir schlecht wird. Genug Gedankenkarussell für heute, der Alkohol von gestern Nacht muss schließlich auch noch verarbeitet werden.

Beitragsbild: ©Brock Kirk | UnSplash

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