Kreatives aus der Schreibwerkstatt

Kreatives aus der Schreibwerkstatt
In der Schreibwerkstatt verfassen Studierende der Uni bei Prof. Jürgen Daiber Kurzgeschichten und Prosa. Wer Interesse hat, bei der Schreibwerkstatt mitzuwirken, findet auf der Website des Instituts für Germanistik mehr Informationen.

Wer schon ein Blick in die neue, 30. Ausgabe der Lautschrift geworfen hat, dem/der ist sicher aufgefallen, dass wir auch dieses Wintersemester wieder die Schreibwerkstatt der Uni Regensburg mit dabei haben. Da wir im digitalen Heft leider nur Platz für einen dieser kreativen und sprachgewaltigen Texte hatten, wollen wir hier noch fünf weiteren Autor*innen eine Plattform für ihre Werke geben.

Der Teufelskreis der Sprachnachrichten

von Annika Spychalski

Beim Kampfprokrastinieren fällt mir auf, dass ich schon länger nichts mehr von dir gehört habe. Wenn ich so darüber nachdenke, war das letzte Mal vor drei Wochen, als wir uns auf einen Kaffee per Videochat verabredet hatten. 

»Du könntest dich ruhig auch mal melden«, denke ich verärgert. 

»Bestimmt bist du beschäftigt und hast es nur vergessen«, widerspreche ich mir prompt. 

»Aber du meldest dich nie!«, motzt mein verärgertes Ich. Die Antwort lässt nicht auf sich warten: »Es hängt auch nicht jede/r 24/7 an seinem Handy!« 

Meine Hand wandert zu besagtem Telefon. Was soll’s? Schreib’ ich dir halt schnell! Ein Raunen geht durch die Runde der Meinungsverschiedenheiten in meinem Kopf. Die Kontaktaufnahme besteht letztlich in einer bedeutungslos-lapidaren Floskel vom Feinsten: Lange nichts von dir gehört. Wie geht’s dir so? Meine Ichs sind sich über die Adäquatheit dieser literarischen Lachnummer uneinig. 

»Recht so! Kurz und knackig!«  

»Du hättest besser gar nichts geschrieben als das!«  

»Das ist vollkommen okay so, du bist doch nicht Goethe!« 

»Halt doch die Klappe und mach es – wenn überhaupt – richtig, du Schallschutzmauernpoet!« 

Ich lasse sie sich ankeifen und lege das Handy zur Seite, in der Hoffnung, dadurch meine Produktivitätspause passé werden zu lassen. 

Der Zeiger meiner Armbanduhr hat noch keine fünf Umrundungen geschafft, da leuchtet das Display auf: eine Sprachnachricht von dir. Ich beschließe, dass ich die anderthalb Minuten auch noch entbehren kann, immerhin haben wir lange nichts voneinander gehört. Die Ichs in meinem Kopf zetern und jubilieren, aber sie werden schnell von deiner Stimme übertönt. »Hi, schön, dass du dich meldest! Mir geht’s gut. Ich hab auch gerade an dich gedacht, weil du mir doch diesen Film empfohlen hattest. Du weißt schon, den mit dem Bond-Darsteller? Aber ich hab den Titel vergessen. Wär’ super, wenn du den noch wüsstest. Joa … sonst gibt’s nichts Neues. Was ist bei dir so los? Was machst du so?«

Weil ich nun schon einmal dabei bin und man* angefangene Dinge auch zu Ende bringen soll, drücke ich den Aufnahmeknopf für eine Antwort. Ich berichte dir, was sich in der letzten Zeit bei mir getan hat, was mich momentan beschäftigt und wie der Titel des Films ist, nach dem du gefragt hast. Du antwortest nicht sofort. Kein Wunder, meine Nachricht ist fast vier Minuten lang geworden. Und die Zeit zum Zuhören muss man* schließlich auch erst mal aufbringen.

Am frühen Abend, als ich einiges von meiner To-Do-Liste geschafft habe, erscheint auf dem Display deine Antwort. Fünf Minuten und 25 Sekunden dauert das Meisterwerk. Ich höre sie mir auf dem Weg zum Supermarkt an. Doch bis ich an der Kasse stehe, habe ich die Hälfte schon wieder vergessen. Als ich Zuhause bin, höre ich mir deshalb nochmal an, was du zu erzählen hast. Dieses Mal bin ich vorbereitet: Ich mache mir Notizen. Als Meister der Effizienz weiß ich, dass ich dir nun am besten sofort antworte. Schließlich habe ich deine gesammelten Aussagen kommentiert, Fragen beantwortet, Ideen gelobt und verdammt – und es sind sechs Minuten 50 vergangen. Naja, immerhin hast du damit vielleicht morgen beim Frühstück ein bisschen Unterhaltung …

Das Telefon klingelt. Du bist am anderen Ende der Leitung. 

»Hi, ich hab gedacht, bevor die Nachrichten jetzt immer länger werden, ruf’ ich schnell an!«

Ich tue beleidigt. »Für sechs Minuten und 50 Sekunden nimmst du dir also keine Zeit, mir zuzuhören?«

»Für sechs Minuten und 50 Sekunden rede ich lieber mit dir, anstatt nur zuzuhören …«

Bei diesem Konter müssen alle meine Ichs lachen. Du lachst auch. Nach dem Telefonat steht alles auf Anfang – bei Minute Null. 


Haben Sie auch Schweineohren?

von Tobias Demmel

»Na, sagen Sie mal …«

Schon als Oma Maier mit zitterndem Finger in Richtung des Süßgebäcksegments zeigte, war für Ernst klar, dass diese debile Dame der Endgegner seines bisherigen Berufslebens sein würde. 

»… haben Sie auch Schweineohren da?«

»Schweineohren haben wir leider nicht, nein. Aber ich kann Ihnen ein Nussbeugerl empfehlen!«, flötete Ernst.

Oma Maier schien den Verkäufer erst jetzt zu bemerken. Ein zerknittertes Lächeln, für das sie sich gute zehn Sekunden Zeit nahm, ließ dessen Puls höher steigen.

»Na, Sie wissen schon, dass …«

»Ja, ja, Schweineohren sind keine echten Schweineohren – wir führen sie leider trotzdem nicht.« Ernst war auch im Privatleben ein begnadeter Bäcker, von Anisplätzchen bis Zimtstern war er absolut bissfest. 

»… dass meine Tochter die Schweineohren am liebsten hat? Die hat sie schon als Kind immer so gern gehabt …«, fuhr stattdessen Oma Maier fort.

»Wollen Sie denn jetzt das Nussbeugerl?«

»Wie? Mit Nuss?« Oma Maier lugte mit dem echten Interesse der Kurzsichtigen über die Ladentheke, wo Ernst zwei Nussbeugerl in eine Papiertüte bugsierte. 

»Darf’s sonst noch was sein?«, presste Ernst zwischen lächelnden Zähnen hervor.

»Na, wissen Sie …«

Ernst atmete ein. Und aus. Und ein.

»… ich kann doch Kaffee und Kuchen nicht nur mit Schweineohren machen! Was soll der Opa denn dann essen? «

»Vielleicht wollen Sie dann noch eine Apfeltasche mitnehmen?« Das war hier ein Klacks für Ernst. Gekonnt ignorierte er die Schlange, die sich langsam hinter Oma Maier bildete. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Nichts.

»Der Opa mag aber nur die Kirschtaschen …«, fuhr Oma Maier fort, wie zu sich selbst. Mit denkend erhobenem Finger watschelte sie an der Theke entlang. Ernst folgte der Beinahe-Bestellung mit fliegenden Fingern. 

»Das wär’s dann?«

»Wie bitte, junger Mann?«

Ernst war schon über fünfzig Jahre alt.

»Das wäre dann alles?«

»Haben Sie denn nun Schweineohren?«

»Nein, Schweineohren haben wir leider nicht, vielleicht mag Ihre Tochter lieber ein Stück Torte?«

»Torte? Nein, nein, die macht doch dick, wissen Sie …«

»Windbeutel?« Die Ader auf Ernsts Stirn trat unheilvoll hervor.

»…aber ich hab’ Torte doch so gern …«, fuhr Oma Maier fort. 

Ernst war, als würde sein Blickfeld von einem roten Rand eingeengt. Den Blutdurst im Blick butterte er einen Bienenstich ins Papier und schoss einen Windbeutel hinterher.

»Das macht dann sechs Euro und fünfzig Cent, bitte«, schrie er freundlich. 

»Wie bitte?«, erkundigte sich Oma Maier. 

»Sechs – Euro – und – fünfzig – Cent«, flüsterte Ernst, während er in die Knie ging, um Oma Maier direkt in die Augen blicken zu können. 

Der Endgegner holte zum vernichtenden Schlag aus: »Sechs Mark fünfzig? Lassen Sie mich mal schauen.« 

Sie kramte mit der Rechten in ihrer Handtasche herum; in der Linken hielt sie gut sichtbar einen Geldbeutel der Marke Ich-brauche-zehn-Minuten-um-mein-Kleingeld-zu-finden.

Ernst blickte abwechselnd auf den Geldbeutel und Oma Maier.

Er nahm all seine Contenance zusammen: »Gnädige Frau, in Ihrer Hand …«

Oma Maier blickte auf.

Fixierte.

Ernst hatte das Gefühl, dass sie kampfeslustig die Augen zusammen kniff.

»Ach! Sagen Sie, haben Sie auch …«

»Jetzt REICHT’S!« Ernst schlug auf den Tresen. 

»RAUS hier! Nehmen Sie Ihre Schweineohren und RAUS! Ich will Sie nie, nie wieder seh’n!«

Draußen vor der Tür lief ein Passant an der Bäckerei vorbei und wunderte sich, wieso die Schlange heute so lang war. An ihm vorbei gingen zwei ältere Damen mit Papiertüten in der Hand. Eine sagte: »Ein super Fang! Nussbeugerl mit hausgemachter Haselnussfüllung, die Blätterteig-Kirschtasche, die du so gern magst, ein frischer Mandel-Bienenstich und noch einen Windbeutel oben drauf!«


Kampf mit sieben Münzen

von Tatjana Kühnast

Kühl lag das feste Kupfer der Münzen in meiner zitternden Hand, Hochspannung bis in die letzte Haarspitze, gefangen in unentwegten Gipfeln. Wie getrieben hatte ich meine gemütliche Jogginghose gegen die einengende Röhre meiner Jeans getauscht, war nach stundenlangem Klicken, Scrollen, in neuen Tabs öffnen und wieder schließen, selbst zur hektisch umherschwirrenden Maus geworden.

Ziellos drängte ich mich aus dem völlig überfüllten Bus und ging so schnell, als hätte ich ein klares Ziel vor Augen. Schwindelig drückte ich mich mit vollem Körpergewicht gegen die Ladentüre und spürte, wie mich ein Schwall trockener Heizungsluft von den Füßen zu reißen schien. Dem war auch so, was allerdings mehr daran lag, dass ich die Treppenstufe vor dem Eingang übersah. 

Für einen kurzen Moment schien die Zeit still zu stehen, bis mich die klirrenden Münzen ins Geschehen zurückholten, die langsam den Fliesenboden entlang taumelten. Hastig kam eine Verkäuferin auf mich zu und begutachtete mit kryptischem Gesichtsausdruck meinen Einsatz, bevor sie mir sammeln half. Als ich mich aufgerichtet hatte, setzte sie ein Lächeln auf, bei dem ihre geschminkte Haut zu zerspringen drohte wie Porzellan. »Kann ich dir helfen?« Als ich »Mir ist nicht mehr zu helfen!« erwiderte, gluckste sie hühnerhaft und wandte mir mechanisch den Rücken zu.

Ein schneller Blick nach rechts, links. Vollkommen überfüllter Laden. Vielleicht ja doch. »Hast du hier etwas für 6,50 Euro?« Noch während ich 50 aussprach, erkannte ich, dass 08/15 mein eigentlicher Feind war.

Wie eine Spülmaschine im Schnellprogramm begann sie mit einstudiertem Redefluss: »Hier hätten wir hervorragende …, die …, Buchstaben, … ach ja …, Haarspangen …« Ich folgte ihr mit halbem Ohr durch den Laden, das andere versuchte die aufdringliche Musik auszublenden. Wurde weiter sinnlos überflutet, meine Zeit gestohlen. Meine Augen streiften hektisch die Regale, hefteten sich an den Plunder – in der Mehrheit pink. Ich musste dem Reflex widerstehen, sie einfach zu schließen. Hier war nichts. 

Die Verkäuferin schien fertig zu sein, da mich ihre grünen Augen nun erwartungsvoll durchbohrten und wir vor der Kassentheke standen. »Khmm, DANKEEE!« So gut es ging, versuchte ich nun, ein halbwegs standhaftes Lächeln hinzubiegen und fühlte einen Druck, als müsste ich mich über ein hässliches Geschenk freuen. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen, als ich mich langsam umwandte.

Doch noch in der Bewegung sah ich ihn. Rechts neben dem Kartenlesegerät stand er und lächelte mich beruhigend an. Seine drei Arme schienen für jahrzehntelange Ausdauer zu stehen, jede einzelne Spitze ragte senkrecht in die Höhe und der goldene Übertopf betonte sein lebendiges Grün.

»Ich möchte diesen Kaktus kaufen.«

Die Verkäuferin biss die Zähne aufeinander und entblößte ihre mit Lippenstift verschmierte untere Zahnreihe. »Der steht nicht zum Verkauf.« Ihre Beine schienen von den Automatismen beinahe müde umzufallen, als sie auf ein Regal zuging.

»Für 6,50 Euro würde ich ihn dir abkaufen.«

Die aufgesetzte Freundlichkeit der Verkäuferin wich einer kalten Faust, ihre Augenbrauen bildeten eine finstere Brücke. »Hörst du schlecht?!« Sie flüsterte mit einer Stimme voller Zähne und glich einer Hyäne im taillierten Hosenanzug, die lauernd durch die Regale strich. Bereit, mich des Ladens zu verweisen.

»Für 6,50 Euro und … Kaffee, Glühwein … Crêpes?«

Auf einmal wandte sie sich mit aufgerichteten Schultern nach mir um. Ich rüstete mich für den finalen Rausschmiss. »Mit Nutella?«, sagte sie stattdessen und lächelte beinahe.

»Deal!« Klirrend warf ich die Kupfermünzen in das rosa Schwein mit der Aufschrift Trinkgeld. Nun fehlte nur noch ein Jubiläumsoutfit.


Wände aus Glas

von Akane

iamhanna

Müsste Maria ihre/n Lieblingskund*in benennen, würde an erster Stelle Hannas Name fallen. Hanna arbeitet in der Werbeagentur gegenüber ihrer Bäckerei und kommt oft, um Gebäck für ihre Kolleg*innen zu besorgen. Man* merkt Hanna an, dass sie Klasse besitzt. Sie würde sie nie mit den Backwaren vom Discounter um die Ecke betrügen. Deshalb gibt ihr Maria gerne Gratisgebäck. Sie weiß, dass Hanna das schätzt. Hanna ist zwar klein, aber besitzt eine ausgezeichnete Haltung. 

Win-win ist auch Hannas Lieblingslied. Ein Besuch bei Maria fällt für sie deshalb unter die Kategorie #startyourdayright. Im Büro verteilt sie das Zuckergebäck unter den Mitarbeiter*innen. Endorphine sind der Nährboden für produktive Arbeit. »Beste Abteilungsleitung«, grinst ihr Kollege. Dann gefriert sein Lächeln. »Nicht umdrehen, Rotbart ist im Anflug.« 

Hannas Blick geht nach oben, wo der Bösewicht die Bühne betritt. Obwohl Rotbart alt ist, sind seine Bewegungen von der Geschmeidigkeit eines aktiven Jägers. Er schreitet über die Galerie, den langen Trenchcoat wie rußschwarze Federn eng um den hageren Körper gewickelt. Buschige Augenbrauen und gebogene Nase unterstreichen sein Raubtierwesen. Als in der Firma renoviert wurde, ließ er alle Innenwände durch Glasscheiben ersetzen. Und so kann Hanna mit ansehen, wie er in seinen gläsernen Palast stolziert und sich auf den ledernen Thron niederlässt. Mit keinem Blick würdigt er die ihm Unterstehenden. 

Aber Hanna ist froh, wenn er da oben bleibt. Dann muss sie ihn nicht ansehen. So wie gerade, im Nachmittagsmeeting. Hannah starrt auf seinen Schnurrbart, dem er seinen Kosenamen zu verdanken hat. Dann ist sie an der Reihe. 

»Das wären dann 5,50 pro Klick und wenn … «, erklärt sie, was sie im morgigen Pitch dem Kunden präsentieren will. Aber wie immer: Hungrig auf Zuckerbrot bekommt sie nur Peitsche. »Mäuschen«, unterbricht sie Rotbart. »Da ist die Gewinnmarge zu klein. Da könnten wir gleich für lau arbeiten.« 

Mansplaining at its best. Hanna würde ihm am liebsten jedes Barthaar einzeln ausreißen: »Naja, wenn wir auf 6,50 … « Rotbart klappt geräuschvoll seine Mappe zu. Na, für 6,50 würde ich dich … sagt sein Blick, als er abgeht. Hanna will etwas hinterherrufen, aber Rotbart läuft bereits die Galerie entlang. Und so bleib ihr nichts anderes übrig, als ihn von ihrem Standpunkt aus durch die Glaswände stumm anzufunkeln. 

whoisrotbart 

Auf der anderen Seite positioniert sich Rotbart. Von oben herab beobachtet er das Treiben. Husch, husch. Die Mäuschen wuseln durch’s Büro. Drunter und drüber, es wird getippt und getuschelt. Aus seinem Blickwinkel gibt es kaum Chance zur Differenzierung, alle klein und grau. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Als er jung war, hatte er sich gerne ins Getümmel gestürzt, bereit für Kampf. Heißblütig hatte er seine Ideen verteidigt und Konkurrent*innen ausgestochen, bellum omnium contra omnes. Heute war alles anders. Seine Ohren waren vom Kampfesgebrüll taub. Wer von ihm gehört werden wollte, musste schreien. Nur seine Augen waren scharf geblieben. Im Zuge der Modernisierung ließ er deshalb das Büro mit hohen Glasscheiben ausstatten. Stichwort transparente Unternehmenskultur. Insgeheim hoffte er darauf, die Scheiben würden ihm die beste Sicht auf den Kampf ermöglichen. Und der Blick nach oben würde das junge Fleisch motivieren. Er wurde enttäuscht. Zu seinen Füßen fanden sich keine Löwenkämpfe. Nur ein Mäusezirkus. Ist ein Sieg noch ein Sieg, wenn es kein ehrliches Risiko des Verlusts gibt? Pollice Verso. Rotbarts Blick fällt auf Hanna, die ihn von unten durch die Scheibe anfunkelt. Ob aus einer Maus nicht doch ein Löwe werden kann? Aber dann wendet er sich ab. Und so bleibt jede/r der beiden für sich – auf seinem Standpunkt. Zwischen ihnen nichts. Nur Wände aus Glas. 


Was wir suchen

von Charlotte Palatzky

Deine kalte Schulter verdrehte mir den Kopf.

»Ela! Ela. Für 6,50 würd’ ich dich zum Shoa-Mahnmal begleiten.«

Ich habe einmal gesagt, für 6,50 bekommt man* alles Wichtige. Dass genau dieser Betrag mir jetzt durch den Kopf schwirren muss … So lasse ich also Wochen des Herantastens in einer Kurzschlussreaktion enden.

Als ich dich zum ersten Mal sah, warst du alleine an dem Ort, an dem ich ebenso war. 

Dein Blick lag auf der Statue: Stoff-Falten aus Metall, darin zwei feine Gesichter. Mutter und Kind. Sie die Beschützerin, trägt das ausgezehrte Kind in ihren Armen.

Wie die der Mutter, lagen auch deine Augen sich sorgend auf dem Kind. Sie fragten, was ihm wohl fehle. Alles andere schienen sie abzuwehren, als wäre nur die eine Frage relevant. So wurde auch mein Blick von deinem abgehalten.

Ich konnte trotzdem nicht von dir lassen. 

Deine unauffällige Figur im weißen Schnee, deine Zurückhaltung, dein warmer Blick. 

Ich ließ dich gehen, du ließt mir ja auch keine Wahl.

Doch ich sah dich von da an häufiger. Du warst erst vor Kurzem in mein Viertel gezogen, so musste es sein. Gingst sogar mit mir an die Universität.
Warst du in einem meiner Kurse, war die einzige Lehre die ich aufnahm die, deiner Bewegung. 

Ich erschrak mich vor mir selbst, als ich erkannte, wie sehr meine Gedanken nur noch um dich kreisten. Durfte das sein, dass ich mich so in deine Welt stahl, ohne dass du davon wusstest? Ich schämte mich. 

Versuchte dir zu entkommen. Es gelang nicht. 

Mein Steckbrief wuchs, wie von Geisterhand. Die ersten Informationen – braune Augen; Kulturwissenschaften; macht Notizen nur mit dem Bleistift. Dann die erste Meldung – deine Stimme, vorsichtig brüchig. Du bist noch nicht lange hier. Dein Akzent, ein schöner Klang. 

Du wohnst alleine und bist es doch kaum. Schwere Stiefel betreten im Dunkeln deine Wohnung. Ein tiefer Schlag in meinen Magen. Besonders als ich nach und nach die Vielzahl dieser Stiefel registriere. 

Mich lässt du in der Kälte stehen und jeder andere darf deinen warmen Blick erhalten?

Ich war mir bewusst, dass ich deinen Blick nicht auf diese Art zu finden hoffte, doch die Eifersucht quälte mich. 

Eines Abends war ich gerade auf dem Weg zum Laden. Vor deiner Tür stieß ich zusammen mit einem deiner Gäste. Meine Hände ballten sich. 

Der Mann sah mich verschreckt an, war von meinem Blick im Treppenaufgang gefangen. 

»Ich … ich habe nichts getan!« Dem Alten stiegen Tränen in die Augen und er sackte nach hinten. Der plötzliche Fall ließ mich nach vorne eilen und so landete ich neben ihm auf einer Stufe. 

Im Schneefall unter der alten Laterne begann er zu stottern: »Ich wollte es, aber ich habe es nicht getan. Ich denke, niemand, der zu Ela geht, tut es wegen dem, weshalb er/sie denkt, zu ihr zu gehen. Sie … fängt einen auf …« Wir unterhielten uns lange, ich und der Mann. 

Du verlangst Geld für etwas, das ich nicht verstehe. Ich weiß nur, dass du damit jene erreichst, die sonst nicht mehr erreicht werden. 

Du stehst alleine im Flur, vor einem Hörsaal. Meine Beine tragen mich zu dir, wollen dem Ungewissen ein Ende setzen.

»Ela!« Du hältst an, deine Augen blicken erstaunt in die meinen hinein. »Ela. Für 6,50 würd’ ich dich zum Shoa-Mahnmal begleiten.« Die Zeit bleibt stehen, mein Herz pocht laut bis in meine Ohren hinauf. 

Du nickst, kramst nach dem Geld. Ich lehne ab, es war nur symbolisch. 

Wir stehen vor der Statue.

Diesmal fragen meine Augen das Kind, deine aber wandern zur Beschützerin.

Ich weiß nicht mal, ob ich dich liebe. Ich weiß nur, dass du mir den Kopf verdreht hast.

Und während ich so denke, sinkt dein Kopf langsam gegen meine Schulter. 

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