»Was ist Yoga oder was kann Yoga sein?« – Yoga-Lehrerin Helga Baumgartner im Interview

»Was ist Yoga oder was kann Yoga sein?« – Yoga-Lehrerin Helga Baumgartner im Interview

Dieses Interview stellt eine Erweiterung zu dem Artikel »Was ist Yoga (nicht)?« aus der 30. Ausgabe der Lautschrift dar. In dem Artikel wurde das Thema behandelt, dass Yoga gerade durch seine inzwischen hohe Bekanntheit für jeden Menschen etwas sehr Unterschiedliches bedeutet – von Workout bis spiritueller Lebensweg ist alles dabei. Man* muss diese Diskrepanz vielleicht jedoch gar nicht auflösen, wie es die Autorin gerne hätte, sondern kann lernen, sie anzunehmen. Lies den gesamten Artikel gerne in der PDF-Heftausgabe, die auf dieser Website unter »Offline« zu finden ist.

Die Antworten von der Yoga-Lehrerin Helga Baumgartner aus dem hier zu lesenden Interview flossen als Inspirationen in den Hauptartikel mit ein. Da einige der benutzten Metaphern so wunderschön und passend sind, wollte die Autorin des Artikels das Interview unbedingt in ganzer Länge veröffentlichen. Deshalb gibt es hier für alle Yoga-Interessierten oder -Praktizierenden und die, die es noch werden wollen, das Interview in ganzer Länge.

von Laura Kappes

In dem ersten Absatz erklärt Helga den Yoga – der Yoga hat eigentlich einen männlichen Artikel, was häufig verwechselt wird – aus Sichtweise der ursprünglichen indischen Philosophiesysteme, weshalb auch einige Fachbegriffe aus dem Sanskrit (altindische Sprache, in der viele heilige Schriften des Yoga verfasst sind) vorkommen. Es geht hier nicht darum, am Ende des Artikels alle Fachbegriffe zu kennen, sondern eher darum ein Gefühl für die Komplexität des Systems zu bekommen. Also keine Angst, wenn du eventuell nicht gleich alles verstehst. Im weiteren Verlauf des Interviews beantwortet Helga Fragen, wie man* mit negativen Gefühlen in der Yogapraxis umgeht, ob es in Ordnung ist, wenn Menschen Yoga für ein »Fitnessprogramm aus Indien« halten und was es mit der Intention beim Yoga auf sich hat. Am Ende gibt es zudem noch ein paar Infos zu Helga selbst.

Viel Spaß beim Lesen. Vielleicht hast du ja Lust, danach noch eine Runde auf die Matte zu gehen?

Laura Kappes: Was ist Yoga?  

Helga Baumgartner: Yoga wird häufig als eine rein physische Bewegungspraxis missverstanden. Vielmehr ist der Yoga jedoch eines der sechs indischen Philosophiesysteme. Als Teil von diesem großen System gibt es eine Yogaschule in der Asana (wörtlich der Sitz) praktiziert wird. Diese heißt Hatha Yoga und beinhaltet (zur Verwirrung mancher) jeden Yogastil, bei dem wir Asana (Körperhaltungen) praktizieren, also Vinyasa, Yin Yoga, Ashtanga Yoga, Arial, Acro Yoga etc. – all diese Stile gehören dem Hatha Yoga an. Bei den anderen Strömungen des Yoga geht es vielmehr darum, über die innere (Geistes-)Schulung die spirituelle Freiheit zu erlangen. Karma Yoga ist neben Jñāna Yoga, Bhakti Yoga und Raja Yoga der Yoga, in dem man* eben KEIN Asana praktiziert. All diese Schulen des Yoga (egal, ob mit oder ohne Asana) haben gemeinsam das Ziel, ultimativ die spirituelle Freiheit, Moksha, zu erreichen. Nur in den verschiedenen Stilen des Hatha Yoga üben wir auch Körperhaltungen/Asana. Von Patanjali – einem großen Weisen des Yoga – wurde diese Praxis in den sogenannten achtfachen Pfad aufgegliedert. Dieser Pfad besteht aus ethischen und moralischen Verhaltensunterweisungen (yamas und niyamas), den Asana (Haltungen), den Atemübungen (Pranayama), dem Rückzug der Sinne nach Innen (Pratyahara), dem konzentrierten Fokus (Dharana), der Meditation (Dhyana) und schließlich dem friedlichen Einheitsbewusstsein (Samadhi) als Folge der vorherigen 7 Stufen.

Patanjali beginnt seine Unterweisungsschrift im Yoga (die Yoga Sutren) direkt mit dem Kernziel: Yoga ist die Meisterschaft über unseren Geist (die inneren Bewegungen). Wenn wir diese Meisterschaft erlangen, verweilen wir in der Erkenntnis unseres Selbst. Solange wir die innere Meisterschaft (Yoga) jedoch noch nicht erreicht haben, lassen wir uns von jedem Gedanken, jeder Emotion, jedem Gefühl ins innere Wellental oder auf den Wellenberg spülen. (Yoga Sutra Vers 1.1 bis 1.4). Dieses ewige Umherwimmeln nach oben und unten nennt man* im Yoga Dukha, suffering. Der Yoga hingegen möchte uns zu Sukha, zum inneren Glück führen. Die riesige Vielfalt an Körperhaltungen also, die wir kennen und die uns in den Sozialen Medien als Yoga »verkauft« wird, stellt in der genauen Betrachtung nur ein Achtel von einem der Yogawege dar. Zweifelsohne können wir jedoch über die Bewegungen, verbunden mit einer Atemachtsamkeit, schon viele Fortschritte auf dem Yogaweg machen. Denn wir werden unausweichlich feinsinniger im Spüren, und dies nicht nur auf der Körperebene, sondern wir schulen (unter fachlicher Anleitung) auch unser Potential der Wahrnehmung, des inneren Beobachters. So können wir schon sehr viel über unsere eigenen inneren Bewegungen der Gedanken und Gefühle erfahren. Das ist ja bereits ein großer Schritt, wenn es darum geht, die Meisterschaft über unsere Gedanken und unseren Geist zu erreichen.

Auf deiner Website schreibst du »Benutze Yoga also als ein wunderbares Werkzeug zurück zum Fühlen, zur Innenschau, zum Erkennen dessen was du wirklich bist. Ein Beobachter von Leid, von Freude, die durch unseren Körper und durch unseren Geist fließen kann, ohne dass unsere innerste Seele davon jemals berührt werden kann.« Kannst du das noch etwas genauer erklären?

Was wir wirklich sind (unsere innerste Seele, wenn Du es so nennen magst), beschreiben die vedischen Schriften als Sat Chit Andanda. Wahrheit, Bewusstsein und eine ruhige Freude (die nicht von äußeren Bedingungen abhängt). Den Weg dorthin möchte ich gerne in der folgenden Metapher beschreiben: Über diese innere Essenz in uns haben sich zahllose Schichten aus Unwissenheit, Ignoranz und Gewohnheit gelegt. Wie ein staubig-öliger Schmutzfilm liegen sie über unserer inneren Essenz, wie über einer strahlenden Lampe. Je häufiger wir Yoga praktizieren, umso mehr polieren wir diese Schichten aus Unwissenheit (Avidya) ab, bis wir den Zugang zu unserem inneren Leuchten (Jyotir) wiederfinden. Einen kleinen Vorgeschmack davon erfahren wir häufig am Ende einer Yogaklasse in der Schlussentspannung, wenn wir uns als grenzenlos verbunden und in Frieden wahrnehmen. So ist jede Yogaklasse wie ein Tropfen, den wir einem inneren Ozean hinzufügen. Bis in uns das Meer aus Wahrheit, Bewusstsein und friedlicher, zentrierter Freude immer spürbarer und präsenter wird.

Wenn man* beobachtet, was in sich vorgeht, können da ja durchaus auch mal negative Gefühle hochkommen. Wie sollte man* damit umgehen?

Das kommt ganz und gar auf die Intensität der Gefühle an. Wenn diese so intensiv sind, dass es sich eher wie ein innerer Hausbrand anfühlt, würde ich erst einmal die Flammen löschen – zum Beispiel indem ich mich unter eine kalte Dusche stelle, bis der Kopf wieder klar ist. Wenn es hingegen Gefühle sind, mit denen man* arbeiten kann, die also für mich in diesem Moment machbar sind, dann geht es vor allem darum, unseren inneren Beobachter zu schulen. Also zu realisieren, dass es so ist, wie es ist. Und dann im zweiten Schritt auch anzunehmen, also zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Der großartige Lehrer Thich Nhat Hanh (Anmerkung: buddhistischer, weltweit bekannter Lehrer) empfiehlt dazu dieses einfache Mantra: »Inhaling I am aware. Exhaling I am smiling to it.« Wenn wir uns zum Beispiel in einer Haltung irritiert fühlen, ist es unsere Aufgabe, diese Irritation erst einmal zu erkennen und zu würdigen, bevor sie vielleicht zu einer ausgewachsenen Aggression oder Wut wird, mit der wir nicht mehr so leicht umgehen können. Diese innere Haltung bezeichnen wir in der spirituellen Praxis oft als radikale Akzeptanz und als Warrior of light, weil wir mit Mut auch in den Schatten kucken. Wir üben also zuerst mit kleineren, machbaren Gefühlen, bis wir auch darin immer geschickter werden – wie mit allem, das wir üben.

Du schreibst außerdem: »Was dieses mehr ist, vielleicht unsere Seele, unser spirituelles Selbst, können wir durch keine Analyse, durch kein Argumentieren beweisen.« Ist es deshalb so schwer Menschen, die noch keine solchen Erfahrungen gemacht haben, zu erklären, was Spiritualität oder Yoga bedeuten/sein können?

Ja sicherlich. Man* muss es selbst erfahren. Du kannst ja auch niemanden beschreiben, wie der Geschmack von Salz ist, wenn die Person noch nie in ihrem Leben Salz geschmeckt hat. Worte sind in diesem Fall oft viel zu limitiert, denn es geht ja um eine Erfahrung.

Ist es in Ordnung, wenn Menschen denken, Yoga wären nur Dehnübungen für den Körper oder Fitness – wenn der Kern des Yogas praktisch verloren geht?

Absolut ja. Für den Beginn ist es meistens der Wunsch nach einer körperlichen Optimierung (in welcher Art dies auch individuell angestrebt wird), der Menschen zum Yoga bringt. Auch ich wollte zu Beginn meiner Yogapraxis einfach nur beweglicher und entspannter werden. Wenn man* dann erst einmal Yoga praktiziert, erfährt man* ohne Zweifel früher oder später ohnehin das tiefere Potential, das in dieser Praxis steckt. Das wird auch das eigene Interesse am Yoga verändern.

Sollte man* sich bei einer Yoga-Praxis die Frage stellen: »Warum oder wozu praktiziere ich?«

Ja, die innere Haltung, die Intention ist im Yoga fundamental. Denn jede Praxis ist wie ein Pfeil, den wir abzielen. Weil dies so ist, können wir diesen Pfeil eben auch dazu verwenden, etwas wirklich Positives zu erreichen. Am besten ist es natürlich, wenn wir dabei in unserer Intention das Allgemeinwohl von Mensch, Tier, Natur und dem ganzen System miteinbeziehen. Denn Yoga möchte uns definitiv in einer emotionalen Entwicklung begleiten. Von rücksichtslosen Egozentriker*innen hin zur mitfühlenden, altruistischen und emphatischen Personen, die sich mit der Welt um sich herum verbunden fühlen und somit auch einen positiven Beitrag leisten möchten. Passend dazu sind beispielsweise viele der Mantren im Yoga Bitten um das Wohl und die Freiheit aller Lebewesen.

Vielen Dank, liebe Helga, dass du dein Wissen so gerne und anschaulich teilst.


Helga Baumgartner © Christine Schneider Photography

Helga Baumgartner

  • Yoga-Lehrerin, die in Hatha und vor allem Yin Yoga (ruhigerem, meditativem Yoga) ausgebildet ist
  • Schülerin von Paul Grilley (Yin Yoga) aus Kalifornien und Swamini Pramananda, Ammaji aus Indien
  • Bildet seit 2014 selber Yoga-LehrerInnen aus und ist gefragte Dozentin zu Yin Yoga
  • Wohnt in Regensburg und gibt normalerweise bei Tarayoga in Regensburg Stunden (aktuell Online-Stunden)
  • Lehrauftrag an der Universität Regensburg für Yoga und Achtsamkeit
  • Eigene Website, auf der Ausbildungsmodule und weitere Infos zu Yin-Yoga zu finden sind


Beitragsbild: Helga in einer Asana (Yoga-Körperhaltung) © Jan Rickers Photography

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.