Feminis:muss: Mädchen können Mathe

Feminis:muss: Mädchen können Mathe

Vor Kurzem wurde ich gefragt, was mich so richtig wütend macht und komischerweise fiel mir spontan nichts ein. Aber jetzt weiß ich es: Das Stereotyp, das Mädchen schlecht in Mathe sind. Und damit verbunden: Menschen, die das Stereotyp am Leben halten. Denn das gemeine an Stereotypen ist, dass sie oft unscheinbar wirken, sich in kleinen Bemerkungen, ja vermeintlichen Witzen äußern, aber eigentlich so tief verankert sich, dass sie uns stark beeinflussen können.

von Bianca Wilhelm

»Man* kommt nicht als Frau zur Welt, man* wird es.«

Werfen wir einen näheren Blick auf die international größten Schulleistungsstudien. Die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführten PISA-Studien finden alle drei Jahre statt und sollen Schüler*innen in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften prüfen.

Betrachtet man die Ergebnisse seit 2009 so fällt auf, dass es in den drei geprüften Kompetenzen Geschlechterunterschiede gibt. In Mathematik schnitten die Jungen in den letzten vier Studien in Deutschland besser ab als die Mädchen. Dies bestätigt sich auch international: In nur 10 der insgesamt 65 teilnehmenden Staaten gab es 2012 keine geschlechterbezogenen Unterschiede in den mathematischen Kompetenzen, so zum Beispiel in Finnland, Polen und der Türkei. Allein in Island waren die mathematischen Kompetenzen der Mädchen signifikant höher als die der Jungen.

Die unterschiedlichen Kompetenzen in Mathematik lassen sich also nicht auf biologische Unterschiede der Geschlechter zurückführen – ansonsten müssten in allen teilnehmenden Staaten die Mädchen schlechter als die Jungen abschneiden. Das Stereotyp und die wohl nervigste Ausrede »Mädchen sind einfach schlecht in Mathe« gilt also nicht mehr. 

Diese unterschiedlichen Kompetenzen sind gesellschaftlich reproduziert: Wenn man* nur oft genug hört, dass man* etwas nicht kann – und noch nicht mal etwas dafür kann, dass man* es nicht kann (die Aussage nimmt ja an, dass die Begründung eine biologische ist) – dann fängt man* irgendwann an, es selbst zu glauben. Vor allem junge Mädchen, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sind, nehmen bestehende Geschlechtsklassifikationen auf und reproduzieren sie, um in die Kategorie Geschlecht zu passen.

Mädels glaubt an euch!

Woran man* sieht, dass das Stereotyp von vielen Mädchen verinnerlicht wurde, zeigt die Studie des Bildungsforschers Felix Weinhardt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Er wertete 2017 Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) aus, die sich auf die Selbsteinschätzung von Jungen und Mädchen der fünften, neunten und zwölften Jahrgangsstufe für die Fächer Deutsch und Mathematik bezogen.

Seine Studie liefert zusammenfassend drei Ergebnisse:

  1. Die Selbsteinschätzung für das Fach Mathematik ist geschlechtsunabhängig geringer als für das Fach Deutsch. 
  2. Die Selbsteinschätzung der Jungen ist fachunabhängig höher als die der Mädchen (auch bei gleichen Schulnoten).
  3. Die Tendenzen der Selbsteinschätzung der Schüler*innen der 5. Jahrgangsstufe werden bis zur 12. Jahrgangsstufe aufrechterhalten.

Dass die Selbsteinschätzungen der Schüler*innen in den Fächern auf tatsächliche Leistungsunterschied zurückzuführen sind, konnte nur teilweise durch Schulnoten bestätigt werden. Sicher ist aber, dass sich die Selbsteinschätzung der Schülerinnen sowohl auf ihre Leistungen auswirkt, als auch Jahre später auf ihre Berufswahl. 

Was willst du mal werden, wenn du groß bist?

Noch immer liegt der Frauenanteil in sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) laut der Bundesagentur für Arbeit bei unter 20%. Um dem entgegen zu wirken, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2019 einen MINT-Aktionsplan erstellt, der verschiedene Initiativen und Förderprogramme enthält, die Mädchen ermutigen sollen, später in den MINT-Bereich zu gehen. 

Inwieweit solche Veranstaltungen die Berufswahl junger Mädchen beeinflussen ist unklar. Denn eine Studie des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) zeigt, dass sich der Frauenanteil über die letzten Jahre kaum verändert hat. Und deshalb glaube ich, dass das Problem woanders seine Wurzeln hat. 

Denn selbst wenn jeder Girl’s Day noch so viel Spaß macht: Wenn lehrende Personen und Personen aus dem eigenen Umfeld einem Mädchen über Jahre vermitteln, dass es in MINT-Fächer nicht gut ist, dann wird sich dieses Mädchen Jahre später eben nicht dafür entscheiden, in den MINT-Bereich zu gehen, weil sie einfach nicht daran glaubt, die richtigen Kompetenzen dafür zu besitzen. Wenn wir also mehr Frauen in MINT-Berufen sehen wollen, dann müssen wir geschlechterbezogene Stereotype aufbrechen und verstärkt junge Mädchen schon in der Schulzeit ermutigen, an sich zu glauben. 

Beitragbild: ThisisEngineering RAEng | Unsplash

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