„Hey du, Professor!”

Die Höflichkeit ist tot, es lebe die Höflichkeit! Tut sie das, die Höflichkeit? Leben? Jedenfalls nicht an der Universität. Da scheint sie beinahe gänzlich von uns gegangen zu sein – als hätte einer ein Schild aufgehängt: Anstand und Respekt müssen draußen bleiben!

11.40 Uhr, kurz vor Seminar-Ende. Ein Student sitzt gelangweilt vor dem Professor, der gerade versucht, die Sitzung noch einmal zusammenzufassen. Das Handy offen auf dem Tisch, scheint der Student kein großes Interesse daran zu haben, dem Resümee zu folgen. „Sagen Sie, muss das jetzt wirklich sein? Dass Sie da jetzt vor mir mit Ihrem Handy rumspielen?“ Auf diese Frage des Professors, der während des Semesters oft genug betont hatte, dass derjenige, der kein Interesse an der Sache hat, doch bitte fernbleiben möge, statt das Seminar zu stören, folgt prompt die nüchterne Antwort des Studenten: „Naja, ist spannender.“

8.35 Uhr, zwanzig Minuten nach Vorlesungsbeginn. Zwei Studenten laufen, nein, trampeln die knarzenden Treppen des H16 hinunter. Pünktlichkeit und Respekt, Anstand, die Beachtung ein paar weniger Höflichkeitsregeln – das war es, was der Professor sich zu Beginn des Semesters von den Studenten gewünscht hatte. Nicht mehr, nicht weniger. Alles, was jeder mit einem nur annähernd gesunden Menschenverstand eben mitbringen sollte. Nachdem die beiden Studenten schließlich einen Platz gefunden, die Vorlesung erfolgreich gestört und es beim dritten „Guten Morgen“ des Professors geschafft haben, entsprechend zurückzugrüßen, fragt der Professor, warum die beiden zu spät kämen. Die beiden Studenten, wohlwissend, dass der Professor frühmorgens eine Anreise von mehr als hundert Kilometern zur Uni auf sich nimmt, trotzdem die Vorlesung aber selbstverständlich pünktlich beginnt, haben eine für sie offensichtlich völlig plausible Erklärung: „Mei, es war halt echt viel Verkehr.“

Als studentische Hilfskraft, wie ich es bin, bekommt man die Chance, den Arbeitsalltag der Professoren kennenzulernen, Kurse zu betreuen, wissenschaftliche Recherche zu betreiben und vieles mehr. Doch noch ein anderes Feld tut sich auf, in welches man tieferen Einblick bekommt. Ein düsterer Abgrund, einer, welcher jeglicher Vernunft und Höflichkeit zu entbehren scheint: der Kosmos, in welchem Dozierende und Studierende miteinander kommunizieren. Klopfen an eine Bürotür, bevor man eintritt? Wozu auch, der Prof sieht dann schon, dass ich da bin, wenn ich mich vor ihm in den Stuhl fallen lasse. Die Sekretärin ist gerade nicht da? Macht ja nichts, ich warte schon mal in ihrem mir völlig fremden Büro auf sie. Eine studentische Hilfskraft und eine Dozentin besprechen eine Kursangelegenheit auf dem Gang? Super, da kann ich doch gleich mal mit meinem Problem in das Gespräch platzen – selbstverständlich, ohne zu warten, bis die beiden Lehrstuhlmitarbeiter fertiggeredet haben und natürlich auch ohne ein „Entschuldigen Sie bitte…“ oder „Dürfte ich Sie vielleicht…“ vorauszuschicken.

E-Mails an den Lehrstuhlinhaber mit der Begrüßungsformel „Hey du“ sind keine moderne Sage – sie sind an der Tagesordnung. Die höfliche Schlussformel, wie sie – so munkelt man – einst üblich war, übernimmt für die meisten Studenten heute das Handy: „Gesendet von meinem iPhone“ – reicht doch, oder? Freundliche Grüße braucht kein Mensch und den Namen kann der Prof ja schließlich auch der Mail-Adresse entnehmen – bestünde diese doch bloß nicht nur zu oft aus unverständlichen, sich nicht erschließbaren Zeichenfolgen oder Namen wie LittleMissSunshine@me.com.

Eine Handvoll Egoismus, eine Prise Rücksichtslosigkeit und eine ordentliche Portion Naivität – mit solch einer Begriffs-Melange ließe sich wohl die Grundeinstellung nicht aller, jedoch definitiv zu vieler Studenten beschreiben; Tendenz: steigend. Ich bin hier, ich habe ein Problem, bitte alle Aufmerksamkeit auf mich! Helft mir – aber macht mir bloß keine Arbeit! Der Student, der es schafft, sich selbst über eine Sache zu informieren, die klar einsehbar auf der jeweiligen Lehrstuhl-Website zu finden ist; der Student, der, wenn er eine Frage hat, dieser eine höfliche Begrüßung und Erläuterung des Anliegens vorausschickt: dem muss man seine Höflichkeit und Anstand tragenden Füße küssen – er ist vielleicht einer der letzten seiner Art. Dem Professor eine E-Mail zu schicken mit dem Text „Hallo, wissen Sie, wann das Sekretariat offen hat?“ kann niemandes Ernst sein.

Aus welchem Laissez-faire-Haushalt ihr auch immer kommen mögt: über die Begriffe Anstand, Respekt oder Grenzen seid ihr wohl noch nie gestolpert? Tut den Professoren, den Sekretärinnen, den Dozenten, einfach allen Uni-Mitarbeitern den Gefallen und überlegt nur einen Moment, bevor ihr die nächste sinnentleerte Mail in eure Tasten haut oder das nächste Büro stürmt. Und ob ihr es glaubt oder nicht: auch euch selbst tut ihr damit einen Gefallen, denn – und jetzt haltet euch fest, denn das wird euer Egoniversum erschüttern – Höflichkeit kann Spaß machen!

Ein freundliches „Grüß Gott“ oder ein nettes „Herzlichen Dank für Ihre Bemühungen“ kann dem Gegenüber viel Freude bereiten – und ein solch von euch an den Tag gelegter Respekt wird erwidert werden. Und das ist es doch, was ihr wollt: respektiert werden?

Deshalb hier der ultimative Tipp: Lernt endlich, eure Rollen in bestimmten sozialen Gefügen zu erkennen. Lernt Grenzen einzuhalten. Begreift, dass Anstand kein Relikt ist, sondern ein wertvoller, absolut unabdingbarer Teil unseres Alltags.

Beeilt euch damit, bevor ihr in die Arbeitswelt stolpert. Denn eure künftigen Chefs werden ein „Yo, Alter“, welches bis dahin wohl Eingang in euer Anreden-Repertoire gefunden hat, wohl kaum schätzen zu wissen. Höflichkeit in 3,2,1…

 

 

Schreibe einen Kommentar