Von Krabbeltieren und Krankenakten

Götz Gerresheim, 44, ist Anästhesist am Klinikum Neumarkt. Seit 15 Jahren arbeitet er für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MSF). Seine Einsätze führen ihn in die Krisengebiete von Angola, Liberia und Nigeria. Die Planungen für das nächste Projekt im Herbst 2014 laufen bereits. Mit der Lautschrift spricht er über die Gründe, humanitäre Hilfe zu leisten, die Arbeitsrealität und das Zurückkehren.


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Lautschrift: Herr Gerresheim, was war Ihre Motivation, als Sie 1999 entschieden, sich bei Ärzte ohne Grenzen zu bewerben?

Götz Gerresheim: Die Antwort, die man an dieser Stelle wohl am meisten hört, ist wahrscheinlich „um zu helfen“. Meiner Meinung nach ist das ziemlich plakativ und trifft die Sache nicht im Kern. Klar habe ich ein Gefühl von Ungerechtigkeit in der Welt in mir, was mir sagt, dass man dagegen etwas tun sollte. Aber um ganz ehrlich zu sein finde ich auch, dass daneben eine große Portion Abenteuerlust und das „die eigenen Grenzen ausloten wollen“ dazugehört. Die Arbeit bringt natürlich daneben auch ein gewisses Sozialprestige mit sich. Und nicht zuletzt spüre ich bei meinen Einsätzen das Leben oft viel intensiver.

Wie meinen Sie das? „Das Leben intensiver spüren“?

Ich denke, das Leben ist wie eine Art Sinuskurve um eine bestimmte Grundlinie. Das kennt doch jeder. Mal hat man eben seine guten Tage und mal eher schlechte. Bei meiner Arbeit für MSF fühlen sich die Hochs, die ich erlebe sehr, sehr gut an. Wenn ich beispielsweise aus dem OP gehe und ein Leben retten konnte, mit der Gewissheit „ohne meinen Einsatz wäre der Patient gestorben“, dann fühlt man sich wie beflügelt. Die Tiefs nehmen einen dann allerdings auch umso mehr mit.

Ärzte ohne Grenzen

1971 wurde „Médecins sans Frontières“ (MSF) von französischen Ärzten gegründet. Heute ist die Organisation in 81 Ländern aktiv, um unabhängig, unparteiisch und so neutral wie möglich, medizinische Nothilfe zu geben. Darüberhinaus setzt sie sich für die Bereitstellung von sauberem Wasser und Latrinen ein. Dabei vertritt MSF den Grundsatz Völkerrechtsverstöße an die Öffentlichkeit zu bringen. 1999 wurde ihnen der Friedensnobelpreis verliehen. Neben Medizinern, arbeiten vor allem auch Psychologen, Logistiker, Krankenschwestern und Administratoren bei MSF mit.

Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders bewegt hat und in der Sie sich lebendig gefühlt haben?

Ich glaube, dass es vor allem Sinneseindrücke waren, die mich zutiefst berührt haben oder mir lange im Gedächtnis bleiben. Wie ein Geräusch, ein Geruch, ein Blick oder eine Berührung. Afrikaner sind uns Weißen gegenüber eher distanziert,, sodass es sehr selten vorkommt, dass ein Fremder dich berührt. Und wenn, dann kannst du dich daran erinnern.

Zum Beispiel?

Einmal kam ein Vater mit seinem Sohn zu uns. Der Mann hatte sein Kind über acht Tage zu Fuß ins Krankenhaus getragen. Tagsüber versteckte er sich, um nicht in Gefechte zu geraten und nachts lief er. Als er bei uns ankam, operierten wir den Jungen trotz geringer Erfolgsaussichten sofort. Bei der Abendvisite sprach ich mit dem Vater, der neben dem Krankenbett saß. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass trotz der gutverlaufenen OP noch Risiken bestünden. Da berührte mich dieser leicht am Arm und sagte „aber ich habe ihn euch doch gebracht, damit ihr ihn gesund macht“. Das war für mich ein unglaublich intensiver Moment, der mir wirklich durch und durch ging.

Ihr erster Einsatz war 2000 in Angola. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie mit dem Flugzeug ins Unbekannte aufgebrochen sind?

Damals hat mich vor allem viel Unsicherheit begleitet. Bis in die Hauptstadt, Luanda, bin ich mit einem Linienflugzeug gekommen. Von dort aus ging es mit einer zwei-motorigen Maschine weiter in den von Milizen umstellten Einsatzort. So musste sich der Flieger in schraubenden Bewegungen von oben der roten Sandpiste nähern. Ein direkter Landeanflug wäre wegen der Abschussgefahr nicht möglich gewesen. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke „Ey verdammt, das ist wirklich kein Spaß“. In der Unterkunft angekommen dachte ich erstmal: „Hallo Kackloch, hallo Kakerlake – ja auch wir werden in den nächsten Wochen bestimmt Freunde werden“. Dann ging es direkt ins Krankenhaus, wo mir der starke Geruch nach Chlor entgegenschlug. Ich sollte bei der Beinamputation eines Mädchens helfen, welches auf eine Mine getreten war. Da denkt man dann nicht mehr viel nach. Man muss einfach funktionieren.

Ein chirurgisches Team von Ärzte ohne Grenzen besteht meist aus einem Chirurgen, einem Anästhesisten und einer OP-Schwester – sie kommen aus allen Teilen der Welt. Hat Ihnen in schwierigen Situationen der Austausch mit den anderen Teammitgliedern geholfen?

Ja, das hat er sehr. Abends ein Bierchen mit den Leuten trinken, die das Gleiche wie du den Tag über durchgemacht haben, hilft natürlich. Wir haben zusammen gelacht und rumgealbert. Aber ganz ehrlich – manchmal saßen wir auch einfach nur da, und haben miteinander geweint.

Nach zwei Monaten in Afrika kehren Sie dann zurück nach Deutschland. Wie leben Sie sich mit all den Eindrücken im Gepäck wieder ein?

Mich wieder einzuleben ist für mich recht leicht. Der Alltag und die tägliche Arbeit im Klinikum holen einen schnell zurück in die „deutsche“ Wirklichkeit. Was bleibt, ist vor allem Dankbarkeit – für einen vollen Kühlschrank zu Hause oder die Medikamente auf meiner Station. Da kommt einem natürlich auch der Gedanke, dass wir hier im Überfluss leben und „hätte ich dieses oder jenes Medikamente doch in Afrika gehabt“. Ich habe  akzeptiert, dass Afrika und Europa zwei unterschiedliche Welten sind. Dennoch fühle ich mich verpflichtet, den Menschen in Afrika zu helfen. Meine Einsatzleiterin in Liberia verglich das stets mit einem Autounfall. Jeder hilft, wenn er einen sieht. In Afrika gibt es dutzende solcher Autounfälle. Aber nur weil sie nicht direkt vor unseren Augen passieren, sind wir noch längst nicht von unserer Pflicht zu helfen, entbunden.

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Was sagen eigentlich Ihr fünfjähriger Sohn und Ihre Frau dazu, wenn Sie im Herbst wieder Richtung Afrika aufbrechen?

Meinem Sohn habe ich erklärt, dass es in Afrika wenige Ärzte gibt und dass ich daher dort aushelfen will. Seine Worte dazu waren: „Aber Papa, dann haben die Kinder dort sicher auch keine Spielsachen, oder? Dann musst du mein Legoauto für sie mitnehmen“. Meine Frau habe ich kennengelernt, als ich bereits für MSF gearbeitet habe. Obwohl sie mich natürlich jedes Mal ein wenig dafür verflucht, dass ich sie so lange alleine lasse, hat sie erkannt, dass die Arbeit einfach ein Teil von mir ist. Natürlich könnte ich auch nicht für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Ich wäre dadurch kein besserer oder schlechterer Mensch. Ich wäre nur eben nicht ich.

Ein chirurgisches Team von Ärzte ohne Grenzen besteht meist aus einem Chirurgen, einem Anästhesisten und einer OP-Schwester – sie kommen aus allen Teilen der Welt. Hat Ihnen in schwierigen Situationen der Austausch mit den anderen Teammitgliedern geholfen?

Ja, das hat er sehr. Abends ein Bierchen mit den Leuten trinken, die das Gleiche wie du den Tag über durchgemacht haben, hilft natürlich. Wir haben zusammen gelacht und rumgealbert. Aber ganz ehrlich – manchmal saßen wir auch einfach nur da, und haben miteinander geweint.

Nach zwei Monaten in Afrika kehren Sie dann zurück nach Deutschland. Wie leben Sie sich mit all den Eindrücken im Gepäck wieder ein?

Mich wieder einzuleben ist für mich recht leicht. Der Alltag und die tägliche Arbeit im Klinikum holen einen schnell zurück in die „deutsche“ Wirklichkeit. Was bleibt, ist vor allem Dankbarkeit – für einen vollen Kühlschrank zu Hause oder die Medikamente auf meiner Station. Da kommt einem natürlich auch der Gedanke, dass wir hier im Überfluss leben und „hätte ich dieses oder jenes Medikamente doch in Afrika gehabt“. Ich habe  akzeptiert, dass Afrika und Europa zwei unterschiedliche Welten sind. Dennoch fühle ich mich verpflichtet, den Menschen in Afrika zu helfen. Meine Einsatzleiterin in Liberia verglich das stets mit einem Autounfall. Jeder hilft, wenn er einen sieht. In Afrika gibt es dutzende solcher Autounfälle. Aber nur weil sie nicht direkt vor unseren Augen passieren, sind wir noch längst nicht von unserer Pflicht zu helfen, entbunden.

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