Seehund 127

 

Der Seehund kommt auf der Nordhalbkugel im Atlantik und Pazifik vor. Er bevorzugt Küsten mit trockenfallenden Sandbänken, auf denen er vor Feinden sicher ist. Man findet ihn aber auch an geschützten Felsküsten.

 

Die Färbung ist regional sehr variabel; in deutschen Küstengewässern sind Seehunde dunkelgrau gefärbt und haben unregelmäßig über den Körper verteilte schwarze Flecken. Ausgewachsene Seehunde fressen ausschließlich […]

(Wikipedia, Stichwort: Seehund)

 

Bruttoregistertonnen. Sie sagen es sei das Wichtigste überhaupt und wir, wir sehen dabei aus wie zwei zu groß geratene Kinder. Unsere Oberkörper gegen den Wind gelehnt und mit den Armen auf Hüfthöhe am Turm abgestützt, etwa einen halben Meter über dem Wasserspiegel. Ich nehme meine Mütze ab, streiche mir durchs Haar und stecke mir eine Zigarette an. Kratziger Rauch in den Lungen, der ein letztes Mal einen kurzen sorglosen Moment beschert, ehe wir wieder ins Loch hinabsteigen müssen. Kleinkampfmittel sagen sie, wir nennen es Sardinenbüchse. Die verhasste Röhre, in deren Inneren die Stunden der Dunkelheit nur das schlechteste aus unschuldigen jungen Männern herauspresst. Wie ein Bordellbesuch bei fetten französischen Huren, bloß ausgedehnt auf fünf bis sieben Tage und mit dem anhaltenden Gefühl, sich zu zweit im eigenen Kopf zu befinden. „Wenn einer einschläft, dann hält der andere das auch nicht lange durch, das ist das einzige, was Sie wirklich wissen müssen“, sagte der Spieß.

Der Büssig hinter uns scheppert, lässt 60 Pferde auf sechs Zylindern vorwärtstrommeln und ich kenne diesen Moment ganz genau. Wenn der Daumen schon auf der wunden Stelle liegt und die Hoffnung dir noch immer glauben macht, dass es so schlimm gar nicht werden kann. Hein niest warme Luft aus seinen wässrigen Lungen heraus und greift jetzt schon nach dem kleinen Röhrchen. Er ist einfach noch zu jung. Glaubt alles, was man ihm sagt und würde auch noch mit dem Besen exerzieren, machte man ihm nur zureden, er sei der einzig Betrunkene beim Apell und der Besen sein Gewehr. Anblasen, nachpumpen, kurbeln, auftauchen, und sich tagsüber auf den flachen Sandbänken der Nordsee vor den fliegenden Augen des Tommies verstecken. Nicht schlafen und die Beine seit Stunden auf dem engen dunklen Raum in derselben Position halten. Über die Mutter, das Internat und einige wenig aufregende Abenteuer mit geflochtenen Zöpfen sprechen. Das hier ist auch kein Platz für junge Männer, diese düstere beklemmende Enge. Hart backbord und der an der Decke kondensierenden Atemluft im toten Licht der Armaturen folgen. Alle vierzig Minuten spätestens frischen Sauerstoff aus den Tanks kurbeln, per Hand. Deshalb auch nicht schlafen. Die ewige Dunkelheit. Nach drei Tagen schon werden nur noch Zoten gerissen und auch der Härteste greift zum ersten Mal in sein Röhrchen. Nicht schlafen, stattdessen alle sechs Stunden die ein bis eineinhalbfache Dosis nachwerfen. Das Herz beginnt zu rasen auf dem Kubikmeter Platz, der dir zur Verfügung steht. Schwer genug sich still zu halten. Nie stehen, nur immer kriechen, das Blut stockt in den geschundenen Gliedern, während der Kopf voran hämmert. Hein kichert albern in der Düsternis hinter mir und nur das immer lauter werdende Surren der Batterien scheint ihm Einhalt gebieten zu wollen. Nachts vage nach Kompass fahren und sich dabei wundern, wohin die Todesangst und all jene die Zukunft betreffenden Ängste verschwunden sind. Entfleucht durch die stählerne Bordwand in den Torpedoschacht, um nach Abschuss die Bruttoregistertonnen zu infizieren. Wenigstens für ein paar Minuten auftauchen, aus der Dunkelheit der See in die der Nacht. Das erneute Abtauchen grenzt an die Erfahrung einer Psychose. Kurbeln, nicht schlafen, nachwerfen. Treibstoff für Mensch und Maschine. Stunden und Tage hintereinander in den drahtigen Sitzen. Nur der Motor, tagsüber die Batterien, und das Glucksen der See, gedämpft durch die metallene Außenhaut. Arme und Beine schmerzen, ich nehme nochmal drei.

 

Ich bin mir ziemlich sicher in diese Zeit hineinzupassen, als Hein darauf insistiert, ab jetzt nur noch in seiner Funktion als LI angesprochen zu werden. Der Schlagschatten eines solch fachmännischen Titels verhelfe ihm mit Sicherheit zu größerem Erfolg in der Frauenwelt, meint er. Ich weise ihn darauf hin, dass mir ein leitender Ingenieur seines Formats für eine Feindfahrt doch etwas zu viel von der Berliner Innenstadt erzähle und woher er überhaupt diese unglaubliche Sicherheit nehme und sich nicht wie ein gottverdammter Idiot in einem zwölf Meter langen stählernen Sarg benehme. Die Armaturen verschwimmen, scheinen Form und Farbe rhythmisch zum Pulsieren der uns umgebenen feuchten Kälte zu verändern. Musik, orgiastische Klänge wie zum Begräbnis eines berühmten Mannes. Überall. Das harte Bedürfnis nach dem Lichte zu fahren, aus diesem Zustand der Beklemmung heraus. Halbtot, bereits eingetütet in die letzte Kiste. Hein, sichtlich beleidigt, nimmt zum dritten Mal sechs und noch zwei gegen die Kopfschmerzen, wirft sein Röhrchen auf den Boden und thront anschließend mit verschränkten Armen auf dem an ein Bettgestell erinnernden Stuhl. Ich wies ihn bereits darauf hin, welch trotteligem Fehlverhalten er sich hingebe, zu glauben, irgendwo durch eine Stadt zu fahren. Weshalb ich ständig so komische Dinge zu ihm sage – ich glaube, er meint meine Kommandos. Wir würden uns zu gerne einem ausgelassenen Streit widmen, doch rauben einem die kleinen weißen Dinger jedes Mal die Worte. Man sieht und spürt die Tatsachen nur noch. Diese, aber in einer ungekannten und in nüchternem Zustand nicht wiederkehrende, rasante Intensität. Hein kotzt sich die Seele aus dem Leib, und, als glaube er mit dem Aufsammeln und in den Rachen Werfen der verstreut herumliegenden weißen Muntermacher seine Speiseröhre verstopfen zu können, krabbelt er mit schleimigen Schlieren an Händen und Uniform zwischen Drähten und Mechanismen herum. Ich denke an ein Huhn, gackere und glaube einen schillernden Regenbogen in einem ausgesprochen großen Tropfen von Erbrochenem an Heins Ellenbogen erkennen zu können.

 

Die Dickung des mütterlich schützenden Atlantiks tagsüber zu verlassen ist gefährlich, doch das Risikobewusstsein eines von Pervitin durchtränkten, viel zu rasch erwachsen gewordenen Hirnes, lässt Instanzen einer nüchternen Analyse nicht einmal mehr ins Vorsprechzimmer. Ich klettere Hein mit schmerzenden Beinen durch die Luke nach. Das Abfeuern des zweiten Torpedos ist über 30 Stunden her und der Wunsch heimzukehren obsiegt längst über ein etwaiges Erfolgsgefühl. Hein wirft um den Turm herum einen Pullover, sämtliches Kartenmaterial und zuletzt den Tellerkompass, gleich einem griechischen Diskuswerfer, ins Wasser, blickt mich mit seinen irgendwie gebrochenen Augen an und eröffnet mir mit einer beinahe erleuchteten Miene, dass wir jedwedes Orientierungsutensil zum Untergehen nicht gebrauchen könnten. Im Hintergrund die See, wirft sich heiß schäumend an das graue, vor Korrosion geschützte Metall und erzeugt aus dem Geräusch unzähliger, verdrängt werdender Blasen eine Symphonie zu Ehren der Irrfahrt eines verschollen gehenden Seehundes.

Text von: Niklas Scherdjow

In der Schreib­werk­statt ver­fas­sen Stu­die­rende der Uni bei Pro­fes­sor Jür­gen Dai­ber Kurz­ge­schich­ten und Prosa. Sie ver­öf­fent­li­chen Texte in der Laut­schrift und tra­gen am Se­mes­ter­ende ihre Texte bei ei­ner öffent­li­chen Lesung vor

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