stories | Diktat der Gleichheit

Wir standen mal vor der Mensa, der große Krieger aus dem Norden, der Papst und ich und da waren drei Tschechen. Die hatten zur unmöglichsten Stoßzeit so ein weißes Hintergrunddings aus Papier, ein Stativ mit einer Panzerabwehrkanone von Kamera und so einen Tisch mit Zetteln aufgestellt und sie fragten dich mit immens guter Laune, ob du jetzt, wo du ja eh schon in der Schlange vor der universitären Gulaschkanone stündest, nicht zwei oder drei Minuten Zeit für deine ganz ehrlich gemeinte Meinung hättest.

Schreibwerkstatt

Der Papst wollte alles wissen, der Krieger wollte das Foto haben und ich machte mir ernsthafte Gedanken über das Wort »Grenze« und was meine ganz ganz ehrliche Antwort darauf sein soll. Die Jungs waren echt cool, nicht cool im Sinne von jaja, sondern eher so aufrichtig einfach. Ganz anders waren die Antworten zu den Grenzen, die eher strotzten vor undifferenzierten Weltanschauungen. Grenzen sind doch sowas wie die rot-weißen Schlagbäume an der südlichen A 93, wo immer diese jungen grim and frostbitten dreinschauenden Jungs standen und deinen Ausweis sehen wollten. Klar ließen sie dich in dieses Stück Land dahinter, dessen Landsleute die gleiche Sprache sprechen wie du und irgendwie so gar nicht anders waren. So ein bisschen Mentalität vielleicht, aber sonst halt auch nur Menschen. Diese kindlich geprägten Vorstellungen lassen einen wohl nie wieder los, aber »Grenze« war für mich immer etwas wie diese Schlagbäume, ein erstrebenswertes Ziel für jeden, der hinter diesen abstrakten Vorhang blicken wollte. Dort ist dann immer das ein oder andere etwas anders und man muss es weder gut noch schlecht finden. Letzten Endes kann man ja doch immer wieder nach Hause fahren, wenn es einem nicht passt. Grenze, das ist wohl so etwas wie Mann und Frau. Beides Kategorie Mensch und dennoch irgendwie anders.

Und an der Stelle beginnt das altbekannte »DAS-kannst-du-so-nicht-sagen!«-Gezeter von Hobby-Baader und -EnSSlins. »Das musst du verstehen!« Ein Wikipedia-Eintrag, ein Bild, ein [img] Andrej Pejic [/img ] Blick und nach einem Tauchgang durchs Netz stelle ich fest, dass jetzt Männer in Brautkleidern beeindrucken. »Mode und Gender«…ein Spiel mit dem Reiz an der Grenze, den vielleicht erst das 21. Jahrhundert möglich machte? Menschen, die sich zwischen den Geschlechtern bewegen also. »Für dich so verständlich wie ein Fahrrad für einen Fisch«, sagt der Papst. Menschen, die sich zwischen den Geschlechtern bewegen, das ist doch vollkommen in Ordnung. Ich verstehe jedenfalls nicht, was es jetzt so besonderes dar-über zu reden geben soll. »Der Europäer meint in seiner Arroganz mal wieder alles besser zu wissen!«, meint der große Krieger und erklärt mit den Kronkorken zweier frisch geköpfter Bierflaschen anschaulich die kleine Rochade der modernen Weltverbesserung. Ich hörte ihm dabei nicht so genau zu, aber am Ende belief sich alles auf suggerierte Gleichheit, die dadurch entsteht, dass so viele immer Gutes wollen und dabei nur Mist herauskommt. »Das Gegenteil von gut ist ›gut gemeint‹«, sagt der Papst. Ich glaube nun jedenfalls zu verstehen, dass man sich heute aus Ermangelung eigener existentieller Probleme einfach um die Schwierigkeiten irgendwelcher Subkulturen kümmert. Da kann man dann ganz legitim toll finden, was man an sich selbst nicht gut finden kann, weil man weiß ist, einer Mehrheit angehört und vielleicht sogar noch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Auf die Barrikaden gehen kann man da und anderen dabei helfen, mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu erlangen, von der Gesell-schaft, für die man sich ja eigentlich schämt, weil man dazugehört. »Die musst du vergessen«, meint der Krieger, »die machen wir alle gleich!« Wir schaffen die Grenzen ab, alle. Dann wird das Wort »Grenze« verboten, wir erhalten den Segen des Papstes und fühlen uns gut.
Es ist Zeit, das Diktat der Gleichheit walten zu lassen, das männliche Model in Brautkleidern keine Models mehr sein lassen will, sondern zum Pionier erklärt. Jeder muss seine Weltoffen-heit nun durch das Tragen von Klamotten des anderen Geschlechts demonstrieren, mindes-tens. Männer, gäbe es unter den Genossen und Kameraden unserer neuen Masse Mensch noch diese veraltete Aufteilung in Geschlechter, sollten sich unbedingt für Mode interessieren und betont feminin kleiden. Bevor wir die Frauenquote in Bergwerken fordern, die Grenze zwi-schen Tag und Nacht aufheben und links mit unten verschmelzen wollten, zerbrach das Kon-zept an den UniSex-Toiletten, deren Symbole sich weiterhin an den abgeschafften Geschlechtern orientieren mussten. Am Ende wurde uns die ideologisch anmutende Sinnhaftigkeit dieses Spiels zu albern und wir entschieden uns dafür, den Zauber des eben-nicht-Gleichen beibehalten zu wollen. Der Papst weigert sich noch heute vehement, seine Meinung zum Thema »Grenze« zu äußern, aber das Bild der Tschechen konnten wir uns später im Netz runterladen.

Text von: Nikolaus Scherdjow

In der Schreibwerkstatt verfassen Studierende der Uni bei Professor Jürgen Daiber Kurzgeschichten und Prosa. Sie veröffentlichen
Texte in der Lautschrift und tragen am Semesterende ihre Texte bei einer öffentlichen Lesung vor.

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