Stories | Wiener Blut

„Soll ich mich da hinlegen?“ fragte die blasse Frau und strich mit hauchdünn behandschuhten Fingerspitzen nervös über ihr hellrotes Haar, kunstvoll hochgesteckt zu einer fragilen Turmfrisur.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

„Wie bitte?“

„Warum sind Sie hier?“

„Ich kann so nicht mehr leben.“

„Wollen Sie sich nun hinlegen oder nicht? Wenn Sie lieber stehen oder den Sessel bevorzugen, nehme ich die Chaiselongue.“

Die Frau bemühte sich, es sich so steif wie möglich auf dem Möbel bequem zu machen.

„Achten Sie auf Ihre Frisur“, sagte der bärtige Mann und nahm im Sessel Platz. „Rauchen Sie?“ Er steckte sich eine Zigarette an und hielt ihr das Etui hin.

„Was? … Nein; und ich bitte Sie auch, dies Ihrerseits in meiner Gegenwart zu unterlassen. Meine Bronchien …“

„Ich weiß. Regen Sie sich nicht auf. Ich werde hinausgehen. Der Morgen ist herrlich.“ Er erhob sich wieder, öffnete die Tür zum Balkon und trat ins Freie, um dort schweigend zu rauchen und das Treiben unten auf der sich belebenden Straße zu beobachten.

„Wollen Sie nicht wissen, wie ich lebe? Ich meine, wollen Sie nichts über mich erfahren?“ fragte die Frau nach einer Weile irritiert. Ihre mattgrünen Augen waren unnatürlich geweitet.

„Von wollen kann wohl kaum die Rede sein. Es scheint sich um keine besonders erfreuliche Angelegenheit zu handeln … Indessen möchte ich noch vor Mittag einen Spaziergang durch den Park machen. Die Luft ist ohnegleichen. Ich würde mir deshalb wünschen, dass wir zügig vorankommen. Haben Sie irgendwelche konkreten Fragen?“

„Ich dachte, Sie würden zunächst die Fragen stellen, und ich erzähle dann, wie …“

„Ich stelle Ihnen eine einzige“, unterbrach er sie, ohne sich zu ihr umzudrehen. „Was wollen Sie?“

Sie biss sich zur Antwort auf die viel zu roten Lippen. Ihre Zähne waren erschreckend weiß.

„Das dachte ich mir. Ich stelle Ihnen die selbe Frage nochmal. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich sie etwas abstrakter formuliere: Was ist der Sinn Ihres Lebens?“

„Das ist doch nicht dasselbe, was ich will und der Sinn des Lebens …“

„Sie haben nicht zugehört. Ich sagte: Ihres Lebens. Das Leben an sich ist vollkommen sinnlos.“

„Nein“, entgegnete sie hastig, indem sie sich aufsetzte und dabei ihre Finger fest in den Velours des Sofas krallte. „Das glaube ich nicht.“

„Was glauben Sie denn?“

„Dass es einen tieferen Grund gibt, auf dem wir stehen, und einen höheren Sinn, nach dem wir uns richten können. Aber ich sehe ihn nicht. Ich bin blind dafür. Sie müssen mir helfen, ihn zu finden. Deshalb bin ich hier.“

„Dann habe ich ja die richtige Frage gestellt. Nur haben Sie sie offensichtlich nicht verstanden, oder wollen es nicht. Die Antwort darauf werden Sie geben müssen.“

„Ich kann nicht. Ich habe Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn ich so weitergehe, ohne etwas zu sehen.“ Während sie verzweifelte Blicke in seinen Rücken bohrte, nestelte sie fahrig an den Haarnadeln herum, die den Turm zusammenhielten. „Mir ist schwindlig. Ich muss mich an etwas festhalten. Ich werde krank, ich spüre es. Ich werde wahnsinnig.“

„Wahnsinn ist keine Krankheit, sondern eine Illusion oder im besten Falle modeabhängige Ansichtssache. Davon abgesehen fühlt sich der Wahn allem Anschein nach gerade dort in besonderem Maße zu Hause, wo man den einen höheren Sinn ge-, beziehungsweise vielmehr erfunden hat. Wenn Sie dennoch für den Monotheismus empfänglich sind, seien Sie Ihr eigener Gott. Sie sind der Nabel der Welt, Sie können einen Sinn erfinden.“

Aus dem Appartement nebenan drangen unruhige Streicherklänge. „Ah, Schubert heute, Quartett Nr. 14 …“, stellte der Mann fest und lauschte andächtig. „Sie sind beim Theater, nicht wahr?“ sagte er dann und wandte sich abrupt zur Frau auf dem Sofa um. „Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor.“

Die Frau nickte.

„Sie spielen die Rolle einer Schauspielerin. Bilden Sie sich viel auf Ihr Spiel ein?“

Sie errötete leicht. „Nun, die Leute sagen, ich hätte Talent … Sie schreiben, ich könne eine Große werden.“

„Sie klingen so, als hätten Sie die Lust am Spiel verloren.“

„Ich weiß nicht, warum ich es tue, noch wozu es führen soll. Und ich komme mir dabei jeden Tag unwirklicher vor. Ich nehme ab. Ich löse mich auf. Ich kann nichts in mir finden, und schon gar nichts aus mir erfinden. Helfen Sie mir. Ich habe keinen Zugriff auf die wirklichen Dinge. Meine Welt ist eine Scheinwelt.“

Die Herbstsonne fiel ins Zimmer und warf einen warmen Schimmer auf den zitternden Tränenfilm, der sich über das matte Grün gelegt hatte.

„Natürlich ist sie das. Aber es ist die einzige, die Sie haben. Und ich kann Sie beruhigen, damit sind Sie nicht allein. Wir spielen hier alle nur ein Spiel. Das Spiel ist ein Selbstzweck. Das Theater ist die Wirklichkeit. Ich fürchte, mit mehr als dieser Gewissheit kann ich Ihnen nicht dienen.“

„Sie müssen mir sagen, was ich tun soll!“ schrie sie mit ungeahnter Gewalt. Der Film war gerissen und die befreiten Tränen liefen in vom Lidschatten schwarzen Bahnen über ihre bebenden Wangen.

Der Mann sah sie nachdenklich an.

„Bitte“, fügte sie flehend und deutlich leiser hinzu. „Sagen Sie es mir. Sagen Sie irgendetwas.“

Der Mann nahm einen letzten Zug von der Zigarette und betrachtete einen langen Augenblick den von ihr aufsteigenden Rauch, ehe er sie ausdrückte. Die Musik aus dem Nebenzimmer war in ihrer fiebrigen Intensität kaum noch zu ertragen.

Er ging hinein und versenkte seinen unbewegten Blick in den abgründigen Augen der Frau.

„Stehen Sie auf. Lassen Sie los. Verlassen Sie die Bühne.“

Die Frau erhob sich, strahlend im goldenen Sonnenlicht, zog die Nadeln aus dem unmittelbar auseinanderbrechenden Turm und ließ sie mit einem wissenden Lächeln zu Boden fallen. Wenige schnelle Schritte später war sie auf dem Balkon und stürzte sich über die zierliche Brüstung in den herrlichen Morgen.

Rasch war ihr schlanker Körper von herbeieilenden Passanten umringt. Ihr dunkelrotes Haar schmiegte sich fest ans Pflaster.

Im vierten Stockwerk des prachtvollen Jugendstilbaus hatte das Streichquartett ausgesetzt. Nebenan hob der bärtige Mann die Haarnadeln auf und sog tief die kühle Luft ein, die von draußen hereinwehte. Ohnegleichen. Unverwandt blickte er in den halbblinden Spiegel, der über der Chaiselongue an der Wand hing.

„Sie sind geheilt.“

Text: Johannes Klein

Foto: Jasmin Lehmer

 

Schreibwerkstatt Salamander

Die Schreibwerkstatt Salamander wurde im Sommersemester 1996 in Zusammenarbeit mit der Uni Regensburg gegründet. Inzwischen organisiert sie sich selbst, uni-unabhängig und demokratisch. Sie dient bei den wöchentlichen Treffen bis heute als Diskussionsforum für eigene Texte und als Versuchsraum für gemeinsame Sprachexperimente. Einmal im Semester veranstaltet der Salamander eine Lesung mit eigenen Texten und musikalischer Untermalung. Wer selbst schreibt, wer sich gern in Literaturkritik übt oder einfach Spaß am Umgang mit Sprache hat ist jederzeit willkommen.

Interessiert? Dann schreib an eine E-Mail an Schreibwerkstatt-Salamander [at] web.de

Autorenportraits und Leseproben gibt es unter: http://schreibwerkstatt-salamander.jimdo.com

 

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