Tonlose Schreie

An sich ist die Geschichte schnell erzählt. Mann liebt Frau, Frau liebt anderen Mann. Anderer Mann und Frau brennen durch, Mann tötet Mann. An der Handlung von Federico Garcia Lorcas »Bluthochzeit« ist auf den ersten Blick nichts Originelles zu erkennen.

Die Inszenierung, die Anfang Dezember von der Theatergruppe des deutschen Gehörlosenverbands im Studententheater gezeigt wurde, ist jedoch alles andere als konventionell. Die Schauspieler, die in ihrem Hörvermögen eingeschränkt sind, erzählen die Geschichte von Liebe, Lust und Eifersucht im Andalusien der Dreißiger mit ihren Händen, ihren Körpern, ihren Gesichtern.

Zum Schreien braucht man keine Stimme, wie die in der Vergangenheit verhaftete Mutter des zukünftigen Bräutigams zeigt: Mit so viel Zorn im Gesicht berichtet sie von den Bluttaten in ihrer Familie, dass man als Hörender – definitiv die Unterzahl der Anwesenden im vollen Studententheater – bedauern muss, dass durch die Simultanübersetzung aus dem Off einiges verloren geht. Die Körpersprache, die durch den vollen Einsatz der Hände nur an Ausdruck gewinnen kann, macht vieles aber wett. So fokussiert aufs Optische, meint man auch einen Wechsel in der Gestik zu erkennen, wenn die Schauspieler Lorcas Lieder darstellen. Alles scheint zu fließen, das Schlaflied für das Kleinkind lässt nicht nur die Mimik weicher werden.

Diese Harmonie wird in Lorcas Tragödie schnell durchbrochen. Das Ensemble, das mit seinem Stück unter der Regie von Elisabeth Pinilla Isabela im März noch in Bielefeld gastieren wird, steuert auf den Höhepunkt zu: Die Braut, die sich aus Vernunft einen wohlhabenden Bräutigam erwählt hat, flieht mit dem verheirateten Leonardo, der im spanischen Stierkämpfer-Kostüm auftritt, von ihrer eigenen Hochzeit. Filmische Elemente brechen die Handlungseinheit auf – was nach zweieinhalb Stunden Spielzeit schier nötig ist. Jetzt beginnt eine Verfolgungsjagd, das Paar flieht vor dem gehörnten Bräutigam. Und wo die Liebenden gerade auf ein Happy End zusteuern, kommt der Braut ihr Gewissen in die Quere. Das große Finale ist ein Duell zwischen den Männern, um die Braut und um die Ehre. Und dann? Dann ist da nur die Gewissheit, dass die Blutrache über Generationen und Generationen hinweg nur zu Leid führen kann.

Für eine gelungene Aufführung will man sich bedanken, nur wie? Klatschen ist eher nicht angesagt, auch wenn einige im Publikum ganz unkompliziert die Hände zusammenschlagen. Wer sich das Stück in Bielefeld am 3. März 2012 ansehen oder vielleicht auf der nächsten Tournee dieses Ensembles dabei sein will, der kann wie ein Profi auftreten, wenn er das Gehörlosen-Klatschen einübt: beide Hände auf Ohrenhöhe heben und, als würde man gleichzeitig zwei Glühbirnen eindrehen, wedeln.

Text: Marlene Fleißig

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