Heimspiel mit Nachspielzeit

Heimspiel mit Nachspielzeit

Festival des deutschen Films in Regensburg

Die besten deutschen Kinofilme aus den letzten beiden Jahren waren im November in Regensburg zu sehen. Zum dritten Mal luden Veranstalter Medard Kammermeier und Filmfestleiter Sascha Keilholz gemeinsam mit einem Team aus Studenten zum Filmfest »Heimspiel« ein.
In Regensburg gibt es kaum einen Absatzmarkt für kleinere deutsche Produktionen. Selten sind sie im städtischen Kinoprogramm zu finden. Viele geben sich lieber der Mainstream-Blockbuster- Berieselung der riesigen Kino-Komplexe hin. »Heimspiel« hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Phänomen des »unsichtbaren« deutschen Films entgegenzuwirken, da im hier beheimateten Filmbereich herausragende neue Produktionen entstehen, die nicht ungesehen in der Versenkung verschwinden sollen. So bietet das Festival eine Plattform für Werke, ihre Macher, Studenten und interessierte Regensburger, mit dem Ziel, ausschließlich deutsche Erzeugnisse zu kontextualisieren und ihnen ein Zuhause zu bieten. Auch wenn der Name »Heimspiel« anderes vermuten lässt: Spielerisch leichte Sachverhalte mit seichten Erzählsträngen wird man bei diesem Filmfest nicht finden. Die ausgewählten Filme behandeln Themen, die zum Nachdenken anregen und den Zuschauer aufrütteln. Gezeigt wurden Filme über Selbstmord, Vergewaltigung, Prostitution oder Kindermord – Themen, um die man normalerweise einen großen Bogen macht, die die Menschen aber doch bewegen und danach drängen, im Anschluss diskutiert zu werden.
Dafür ging das »Heimspiel« nach dem Abspann in die Nachspielzeit: Gespräche mit den Schaffenden halfen, Kontakte zu knüpfen und das Filmverständnis zu verbessern. Regisseur Jan Schomburg stellte den Eröffnungsfilm »Über uns das All« vor und plauderte danach aus dem Nähkästchen eines Filmemachers.
Bereitwillig stellten sich auch die beiden Schauspielerinnen aus »Tag und Nacht«, Anna Rot und Magdalena Kronschläger, den Fragen des Publikums und schilderten unter anderem, wie sie sich auf den Dreh vorbereiteten: Sie sahen sich in diversen Bordellen um und unterhielten sich mit Prostituierten. Denn schließlich ist es auch für zwei Schauspielerinnen nicht einfach, in die Rollen Wiener Studentinnen zu schlüpfen, die sich ihren Lebensunterhalt mit Prostitution verdienen.

Zum Schmunzeln brachte Regisseur Tim Fehlbaum sein Publikum, der seinen Film »Hell« auf dem Filmfest vorstellte. Nachdem er die Fragen des Publikums beantwortet hatte, begann er von seinem Traum, dem Dreh eines Zombie-Films, zu erzählen. Genau das sollte »Hell« zu Beginn wohl auch werden. Es kann ihm durchaus dazu gratuliert werden, von dieser Richtung abgekommen zu sein, denn »Hell« besticht durch eine Mischung aus apokalyptischem Science-Fiction-Thriller und Horror, jedoch ohne in wilde Gemetzel auszuarten.

Um den Entstehungsprozess eines Films aus einem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten, widmete sich die diesjährige Werkschau der Casterin Simone Bär. Sie zeichnet sich zum Beispiel für den deutschen Cast von Tarantinos »Inglorious Basterds« verantwortlich und castete für die Filme »Picco« (von Philip Koch, der im letzten Jahr auf dem »Heimspiel« zu sehen war) oder »Unknown Identity«.

Deutlich wurde, wie schon in den Jahren zuvor, dass ein Großteil des »Heimspiel«-Publikums aus Studierenden der Medienwissenschaft besteht, deren Lehrstuhl für die Organisation verantwortlich ist. Das Festival richtet sich aber nicht nur an diese Zielgruppe. Da nach dem Spiel ja bekanntlich vor dem Spiel ist und der Anpfiff für die Organisation des nächsten »Heimspiels« schon bald ertönt, folgt abschließend der Appell an alle Filminteressierten, die Lust dazu bekommen haben, tatkräftig an der Entstehung mitzuwirken: Im nächsten Wintersemester wird es wieder ein Praxisseminar zum Filmfest geben – zur Teilnahme ist die Studienrichtung Medienwissenschaft nicht verpflichtend. Wichtig ist nur das eine: Interesse und Liebe zum Film.

 

Text: Carina Castrovillari

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