Books | Die etwas andere Unterwelt

Unter den Straßen von Berlin, wo kein Tageslicht hingelangt, gibt es eine Parallelwelt.  Dort, in den dunklen Tunneln und auf den Bahnhöfen, von denen jeder ein anderes Gesicht hat, liegen Geheimnisse verborgen, werden Geschichten geschrieben.

Zum Beispiel die des Zugführers Günter, der einen traurigen Rekord verzeichnen kann: Fünf Menschen sind ihm während seiner Dienstzeit unter die Räder geraten, freiwillig und unfreiwillig. Oder die Geschichte von Bertram, der nach seinem Selbstmord in und um die U-Bahnhöfe herumgeistert und nur manchmal von wenigen Menschen gesehen werden kann. Oder auch die des jungen Tschechen Petr Bém, der Hauptfigur in J. R.s Roman »Der Himmel unter Berlin«, der vor seinem alten Leben als Deutschlehrer und werdender Vater  hierher geflüchtet ist. Er lernt dort unten Pancho-Dirk kennen, der in Wirklichkeit nur Gitarre spielt, um besser Frauen abschleppen zu können und gründet mit ihm die Band mit dem passenden Namen U-BAHN – weil das »Schwärze, Krach und Tempo«  bedeutet. Die neue  Liebe lässt auch nicht lange auf sich warten: Katrin ist groß, dünn, blond und liebt eigentlich nur Island.

Irgendwie hängt  das bei Jaroslav Rudiš alles zusammen, irgendwie ist alles miteinander verwebt, genauso wie das Tunnelnetz der U-Bahn, nur dass man nicht immer so genau wissen kann, wo der Zug schließlich hinfährt. Jede einzelne Person, der man auf dieser Fahrt begegnet, hat etwas zu erzählen und darf das auch. Rudiš’ Stil ist dabei gleichermaßen witzig und melancholisch, seine Figuren haben einen hohen Unterhaltungswert und sind dennoch  ernstzunehmen. »Der Himmel unter Berlin« ist der Debütroman des tschechischen Autors, der  selbst schon mal Manager einer Punkband war und ein Jahr Berlin studiert hat. Inzwischen sind  drei weitere Romane gefolgt, von denen bisher allerdings nur einer (»Grandhotel«) in deutscher Übersetzung vorliegt.

Jaroslav Rudiš: Der Himmel unter Berlin, Berlin 2004. 17 €, 175 Seiten.

Text: Lucia Mederer

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