Fresseerklärung | Wissensdrang versus Wissenszwang

Fresseerklärung | Wissensdrang versus Wissenszwang

Unser Studium steckt in einem Teufelskreis: Gefangen im System verschulen sich Studenten und Dozenten gegenseitig. Und am Ende vergessen wir, warum wir eigentlich studieren. Ein Appell.

Letztendlich weiß keiner so richtig, ob es wirklich stimmt: die Anwesenheitspflicht sei abgeschafft worden, so kursiert das Gerücht. Andere wissen davon überhaupt nichts und lassen sich von den Dozenten einlullen, die entweder ihre Listen munter fortführen, als ob nichts geschehen wäre – oder selbst unsicher sind. Bei aller Verwirrung steht nur eines fest: Die Anwesenheitspflicht ist vor allem Ausdruck der Abkehr vom autonomen mündigen Studenten, den Wilhelm von Humboldt, der Urahn des deutschen Universitätssystems, in seinem Bildungsideal beschreibt. Dass sie überhaupt für nötig befunden wurde, ist Beispiel für die Verschulung unseres Studiums. Die Präsenzpflicht legt gnadenlos offen, dass wir viel zu oft nur noch aus Wissenszwang statt Wissensdrang studieren.

»Eine grundsätzliche Anwesenheitspflicht steht im Widerspruch zur Studierfreiheit und fördert nicht die Eigenverantwortung im Studium«, sagt auch Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zwänge abzuschaffen sei ein Zeichen dafür, für wie mündig man sein Gegenüber halte. Die Universitäten trauen ihren Studenten anscheinend nicht. Einzelne Dozenten treiben die Zwangsjacken-Mentalität auf die Spitze und prüfen den Lernstoff mit Stegreifaufgaben, andere verlangen schon bei einmaligem krankheitsbedingtem Fehlen nach einem ärztlichen Attest.

Dazu kommt permanenter Leistungsdruck und die Angst schon im ersten Semester keinen Masterstudienplatz zu bekommen, wenn die Gesamtnote im Bachelor zu schlecht ist. Die Lebenslaufoptimierung ist immer im Hinterkopf. Die psychologische Beratungsstelle der Uni Regensburg hat dann großen Anlauf, wenn viele Studierenden gerade zu Beginn des Studiums Probleme feststellen. Im Jahresbericht 2010 der Uni heißt es, der Eindruck dränge sich auf, dass die Studenten und Studentinnen, die Beratung gesucht haben, »keine Zeit mehr für Fehler, für Umwege oder Irrtümer« hätten, was wiederum »häufig in einen übersteigerten Perfektionismus, der fast zwangsläufig von einem Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit begleitet wurde« münde. Immer wieder berichten Medien über »Hirndoping« – den Medikamenten-Missbrauch mancher Studenten, die mit Mitteln wie Ritalin, das eigentlich ADHS-Kindern helfen soll, ihre Konzentrationsfähigkeit erhöhen wollen.

 

Dass die Ist-Situation nicht mit der Soll-Situation übereinstimmt, liegt aber auch an den Studenten selbst. In den Cafeten werden fleißig Tipps ausgetauscht, welche Kurse das beste Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen. Die Optimierung fällt zwischen Lernaufwand und Schwierigkeitsgrad der Prüfung einerseits und dem Wissensgewinn andererseits. Die Brisanz dabei: Den Ertrag unserer Investition (Zeit und Gehirnzellen) messen wir meistens mit der Note, für die der Lernaufwand des Studenten und der Schwierigkeitsgrad der Prüfung ausschlaggebend sind. Beide Faktoren will der gemeine Student minimieren. Und irgendwann ergibt sich so ein Konflikt mit dem anderen angestrebten Ziel, der Bildung.

 

So bedroht nicht nur die Bologna-Reform das Humboldtsche Ideal. Auch die Studenten sind sich selbst Gefahr, wenn sie das Privileg, das sie an den höchsten Bildungsstätten haben, nicht mehr als solches wahrnehmen und sich viel zu leicht in passive Wissensaneigner verwandeln. Klaus Kleber, der jede zweite Woche im Heute Journal die Weltgeschehnisse erklärt, drückt das im Magazin Zeit Campus so aus: »Student zu sein ist die höchste Form menschlichen Daseins. Man bekommt einen Lebensabschnitt geschenkt, in dem man seinen Horizont erweitern kann. Spätestens im Berufsleben werden Sie sich nach der Zeit sehnen, in der Sie Ihren Interessen folgen konnten.«
Wie konnte es soweit kommen, dass wir an die Uni gehen, weil wir wissen müssen, nicht wissen wollen? Wie wir das Studium bewerten und wie wir unsere Rolle in diesem System definieren, hängt stark von unserer eigenen Wahrnehmung des Systems ab und wie wir dieses im Kontext unseres Referenzrahmens beurteilen. Wir nehmen wahr, dass eine Prüfung ansteht und dass wir selbstverständlich dafür die grob angeschnittenen Themen lernen müssen – natürlich können wir dabei das eine Thema, das uns mehr interessiert, nicht vertiefen. Wir nehmen wahr, dass wir am Dienstagmorgen um zehn Uhr zu einem präsenzpflichtigen Seminar erscheinen müssen – natürlich können wir um diese Uhrzeit nicht in die Vorlesung gehen, die uns mehr interessiert.
Wir nehmen auch wahr, dass wir tanken müssen, wenn wir Autofahren wollen und dafür selbstverständlich 1,46 Euro bezahlen – und anerkennen diesen Preis dann noch als Schnäppchen. »Und kost’ Benzin auch drei Mark zehn, … scheißegal, es wird schon geh’n«, heißt es in einem Song der Neuen Deutschen Welle. Was lediglich eine Hyperbel sein sollte, ist heute eine nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit. Obwohl eine drastische Veränderung stattgefunden hat, bewerten wir den Benzinpreis von 1,46 Euro – umgerechnet fast drei Mark – als vollkommen annehmlich, ja sogar günstig. Die Wahrnehmung von Menschen kann sich verändern. Referenzpunkte für die Beurteilung dessen, was wir als normal empfinden und was nicht, können sich parallel zu Veränderungen in der sozialen und psychischen Umwelt verschieben. Es ist die »herausragende Fähigkeit von Menschen, sich in sozialen Kontexten immer wieder selbst zu täuschen und sich damit vollziehende zum Teil dramatische Umfeldveränderungen erträglich zu gestalten«, sagt der ehemalige Präsident der Universität Oldenburg Uwe Schneidewind. Die Sozialpsychologie kennt dieses Phänomen unter dem Namen »shifting baselines«.

So hat denn auch eine drastische Veränderung im Umfeld der Studenten stattgefunden: die »Bologna-Reform«. Studiengänge wurden modularisiert, die Kurse dadurch einheitlich festgeschrieben. Der »Workload« der Studenten wurde erhöht – orientiert an der Vorstellung, dass Studenten weder erwerbstätig sind, noch erhebliche Zeitanteile für gesellschaftliches, politisches oder familiäres Engagement aufbringen. Das System hat sich radikal geändert: Freiwillige Präsenzzeiten sind vorgeschriebenen endnotenrelevanten Modulen und erhöhtem Prüfungsdruck gewichen. Damit hat man den Grundstein gelegt für eine schleichende Verschulung, die in der Veränderung der Beurteilungskriterien und Referenzpunkte der Studenten ihren Anfang findet und inzwischen eine conditio für die weitere Veränderung der Wahrnehmung der Studenten und somit für sich selbst darstellt. Menschen besitzen die Gabe, sich mit den Dingen abzufinden, die man nicht ändern kann. Es ist einfacher, seine Wahrnehmung der Situation anzupassen, als sich den veränderten Bedingungen zu stellen. Die Verstärkung im Kollektiv tut dann das Übrige: Ich mache, was andere machen. So wird auch das neue System hingenommen. Man akzeptiert es, weil man seine Wahrnehmung und Beurteilung des Studiums verschoben und angepasst hat. So wird eine sich ausbreitende Resignation unter den Studenten immer offensichtlicher: Der Bildungsprotest ist nur mehr ein jährliches Ritual zur kollektiven Verunglimpfung der Studiengebühren, mit dem neuen System hat man sich jedoch abgefunden. Die Uni ist ein Ort an dem man sein muss, weil man sonst nicht zur Prüfung zugelassen wird. In dieser veränderten Wahrnehmung des Studiums sieht der Student seine Rolle nun auch anders definiert: Er ist ein vom Zwang zum Wissen geplagtes Wesen, das in permanenter Überforderung und Wahllosigkeit dahinvegetiert. Der Student hat sich seiner aus dem Wissensdrang resultierenden Mündigkeit unabsichtlich selbst beraubt – und so wird er auch wahrgenommen: Dozenten sehen die Anwesenheitspflicht als ein unabdingliches Instrument, das die Studenten zum Lernen verpflichten soll. Weder Dozent, noch Student hinterfragen die eigentliche Absurdität dahinter; es entspricht der selbstgeschriebenen Rolle der Studenten. Die Folge dieser »self-fullfilling-prophecy« ist ein Teufelskreis, in dem sich Studenten und Dozenten in ihrer gegenseitigen Wahrnehmung konsequent bestätigen.

Wie kann die Sachzwanglogik durchbrochen werden? Das A und O ist klar: Der Student muss die Freiwilligkeit seines Studiums wieder erkennen und zurückgewinnen. Wir lernen für uns, für niemand sonst: nicht für die Prüfungen, die nur ein bürokratischer Teil des Systems sind, nicht aber Sinn und Zweck der Wissensaneignung. Nicht für einen Notenschnitt, der leider viel zu oft über eine Zusage für ein Stipendium, einen Arbeits- oder Studienplatz entscheidet, wenn etwa ein Gespräch, in dem das wirkliche Wissen zu Tage befördert wird, doch viel sinnvoller wäre. Pflicht und Leistungsdruck stellen nicht die Motivation für das Studieren dar. Nein, der Wissensdrang muss die wichtigste Antriebsfeder sein. Wir lernen weil wir unseren Geist, unser Wesen, unseren Horizont erweitern und entwickeln wollen: Bildung als Selbstzweck.

Dazu gehört ein eigener Antrieb, mit dem wir ein Seminar überhaupt nicht verpassen wollen – Anwesenheitswahl statt Anwesenheitspflicht. Dazu gehört ein breites Interesse, auch für fachfremde Themen. Die Lust, sich auch einmal in einen Sprachkurs zu setzen, wenn man Biologie studiert. Eine Politik-Vorlesung zu besuchen als Literaturwissenschaftler. Das sind nur Beispiele, die zeigen sollen, dass Studium mehr ist als eine Notwendigkeit für einen späteren Arbeitsplatz. Hinter einem Studium sollte mehr stecken als reine Berufsziellogik. Denn das ist Engstirnigkeit und Engstirnigkeit ist das Gegenteil von Studium. »Dazu ist das Studieren da: um herauszufinden, wofür man besonders begabt ist«, hat der amerikanische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein behauptet. Auch wenn das nicht alles ist – das Studium dient ja auch dazu, jene Begabungen weiter auszubilden – steckt darin doch die Wahrheit, dass Studieren die geistige Auseinandersetzung mit sich selbst und vielen Inhalten ist. Wissen gilt als der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Wer sich bildet wird seine Chancen bekommen. Und wer mit wirklicher Lust beim Studieren ist, wer Leidenschaft entwickelt, besteht meist auch Prüfungen mit guten Noten.

Dass wir Studenten unsere eigene Mündigkeit zurückgewinnen, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Natürlich muss sich auch das System wandeln. Zu viele Pflichten und Vorschriften sowie die zeitbedingte Überbelastung haben genau dieses Gefühl der Gezwungenheit zur Folge, wodurch der eigene Drang, die Lust am Studium, allzu oft in Vergessenheit gerät. Und auch die Dozenten müssen sich hinterfragen. Denn sie sind genau wie die Studenten Opfer der Verschulung. Auch sie müssen den Teufelskreis durchbrechen: Sie müssen die Studierenden wieder als mündig begreifen. Sie müssen deren echtes Interesse und deren ehrlichen Wissenshunger voraussetzen und dürfen all das nicht durch die pflichtenaufbürdende Ankettung – die schon von Anfang an den Anschein erweckt, der Student werde vom Dozenten wie ein Gefangener begriffen, der allzu leicht entfliehen könnte – in Zweifel ziehen und damit die studentische Freiwilligkeit von vornehinein in Frage stellen. In dubio pro reo, wenn man so will, gilt überspitzt-übertragen auch in diesem Sinne: Die »Schuld« muss bewiesen werden, von der »Unschuld«, also der Freiwilligkeit der Studierenden, aber muss ausgegangen werden.

Wenn wir den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit wagen und damit die Systemlogik durchbrechen, dann wird uns die Diskussion um die Anwesenheitspflicht bald wieder als das erscheinen, was sie eigentlich ist: Universitäts-fremd und absurd.

Text von Christian Basl, Katharina Brunner und Moritz Geier

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