Wohnsinn-Kolumne: #GibTrinkgeld 

Wohnsinn-Kolumne: #GibTrinkgeld 

Über das schlechte Gewissen nach dem Vergessen des Trinkgeld-Gebens und ein Appell, genau dies nicht zu tun.

von Laura Kappes 

Letztens erlebte ich wieder eine typische Abend-Situation des modernen Großstadtlebens: 

Ich saß mit meinem Freund gemütlich auf dem Bett und wir wollten einen Film schauen. Draußen war es schon dunkel und kalt. Wir hatten keine Lust mehr, die Wohnung zu verlassen, aber Hunger. Also klickten wir uns durch das Angebot der berühmten orangenen App Lieferando und wählten zwei Pizzen. Dreißig Minuten später klingelte es an der Tür und eine Person, eingepackt in dicke Kleiderschichten und mit Schneeflocken auf der Mütze, zerrte aus ihrem überdimensionalen Rucksack die zwei Pizzen heraus. Kurz versetzte ich mich in die Person hinein und spürte die kalten Finger am Fahrradlenker, den Zug des Rucksacks während der Fahrt und den ständigen Zeitdruck, unter dem ich arbeite. Ich schüttelte die Vorstellung ab und blickte dem Gegenüber in die Augen. Bei der Übergabe des Essens sah ich ein kurzes Aufblitzen von Enttäuschung und Bedauern. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich kein bares Trinkgeld vorbereitet hatte. In der App wurden mir die Auswahl-Optionen fünf, zehn oder fünfzehn Prozent angezeigt. Aufgrund der Befürchtungen, die im Sommer 2020 bezüglich des korrekten Weiterleitens von online-Trinkgeld an Fahrer:innen laut wurden, wählte ich dort lieber nichts aus. Ich verschob die »Trinkgeld-Entscheidung« auf später. Ich nenne es »Trinkgeld-Entscheidung«, denn für mich ist es oft ein nervenaufreibendes Hin und Her zwischen verschiedenen Gedanken, bis ich ein Trinkgeld gebe. Die Stimme meiner Mutter »Mindestens zehn Prozent sind angemessen« und ein antrainiertes Über-Ich wechseln sich ab »Dir geht es doch eh so gut, da kannst du ruhig großzügig sein. Das gehört zum guten Ton«. Erinnerungsfetzen an Yoga-Zeitschriften fügen noch hinzu: »Ist alles gutes Karma«. Doch auch die Besorgnis über eigene Finanzen meldet sich: »Du bist nur arme Studentin. Das sollen ruhig die reicheren Erwachsenen machen« und eine Übersicht über all das bereits für Essen gehen oder Bestellen ausgegebene Geld des Monats ist vor meinem inneren Auge zu sehen. Der Geiz fährt seine Krallen aus. Gar nicht so einfach, eine Entscheidung zu treffen. In dem Fall meiner Geschichte hatte sich mein Gehirn geschickt vor den Auswahlmöglichkeiten gedrückt, indem es das Trinkgeld einfach komplett vergessen hatte. »Ist ja eh viel einfacher so. Kein Mensch ist perfekt. Das nächste Mal dann…«, rechtfertigte es sein Versäumnis und es wäre leicht gewesen, die Begegnung beiseite zu schieben und zwischen Pizza und Kinothriller zu verdrängen. Doch während ich die Person unter ihrem riesigen orangenen Rucksack, der sie wie eine kleine Lego-Figur aussehen ließ, wieder in den Schnee hinaustreten sah, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Ein Gefühl, das sagte: »Du weißt, was die richtige Handlung gewesen wäre.« Peinlich berührt und mit einem schlechten Gewissen schloss ich die Tür. 

Noch Tage später beim Schreiben dieses Lautschrift-Artikels schwirrt das Thema »Trinkgeld« in meinem Kopf herum. Ich habe recherchiert. Die FAZ hat zum Beispiel im Mai 2021 einen Lieferando-Fahrer zu Wort kommen lassen. Dieser schrieb: »Seien Sie stets ein wenig großzügig zu uns, egal wer vor Ihnen steht. Wer 50 Euro für Sushi ausgeben kann, hat auch noch ein bisschen Bargeld für den Kurier übrig.« Außerdem berichtete er davon, dass das Trinkgeld seinen harten Arbeitsalltag erträglicher mache. Ein neuer Song von Alligatoah kommt mir ins Bewusstsein und ich höre: »Ich hab ein’n Job neben dem Nebenjob, oh, ja. Ich hab kein Leben, doch ich lebe noch, oh, ja. Ich bring Pakete in dein Märchenschloss, oh, ja. Aber erwarte keinen Prinz auf einem weißen Pferd.« In dem Text wird schnell klar, dass nicht nur der Arbeitsalltag von Lieferando-Fahrer:innen, sondern in allen Lieferdiensten kein Zuckerschlecken ist. Das Gleiche gilt natürlich für Kellner:innen, Taxifahrer:innen, Putzkräfte und viele mehr. Der Künstler Alligatoah veröffentlichte zusätzlich zu seinem Song »Nebenjob« auf seinem Youtube-Kanal einen Appell zum Trinkgeld geben und kreierte den Hashtag #GibTrinkgeld. Das Video könnt ihr euch unten ansehen. Um mein schlechtes Gewissen wegen des vergessenen Trinkgeldes etwas zu beruhigen, leite ich nun diese Kampagne sehr gerne weiter und fordere euch auf, Trinkgeld zu geben. Hilfreiche Informationen weiterzuverbreiten, ist doch auch eine gut Tat, oder? Für alle, die noch Zweifel aufgrund der Höhe des Trinkgeld-Betrages haben: Ein Artikel von RTL-News bestätigt meine Maxime, dass ein Betrag von fünf bis zehn Prozent Trinkgeld gesellschaftlich als anerkannt gilt, obwohl es keine gesetzliche Regelung gibt. Ein bis zwei Euro sollten allemal drin sein. Mich selber werde ich beim nächsten Mal auf jeden Fall noch fester an die eigene Nase fassen. Keine Ausreden mehr. #GibTrinkgeld 

 

Beitragsbild: Joshua Lawrence | Unsplash

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