Feminis:muss: In den Fängen des Patriarchats

Feminis:muss: In den Fängen des Patriarchats

Erst kürzlich ist der Weltbevölkerungsbericht 2021 erschienen. Dieser handelt von der Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper und vergleicht die Situation in einzelnen, vorwiegend ärmeren Ländern. Das Ergebnis ist eindeutig und alarmierend zugleich. 

von Julian Bichler

Die Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper ist ein Merkmal einer gleichberechtigten Gesellschaft. Daher ist es extrem wichtig zu sehen, wie wichtig weibliche Selbstbestimmung in einzelnen Ländern ist. Dabei stellt sich die Frage: Wie misst man* diese abstrakte Bezeichnung so, dass die Länder der Welt untereinander vergleichbar werden? Welche Aspekte müssen bei der Messung von Selbstbestimmtheit berücksichtigt werden? Der kürzlich veröffentlichte Weltbevölkerungsbericht 2021 geht eben diesem wichtigen Thema nach. 

Um vergleichen zu können, wie selbstbestimmt Frauen in einem Land sind, wird ein Indikator verwendet, welcher drei wichtige Bereiche des Lebens misst: Gesundheitsversorgung, Empfängnisverhütung und Sex. Genauer: Wer entscheidet über die Gesundheitsversorgung der Frau? Wer entscheidet über Empfängnisverhütung? Haben Frauen die Möglichkeit gegenüber ihrem Ehemann, Geschlechtsverkehr zu verweigern? Zu diesen drei Themen wurden überall auf der Welt Frauen zwischen 15 und 49 Jahren befragt. In insgesamt 57 (vorwiegend armen) Ländern liegen vollständige Daten des Indikators vor. Demnach gelten im Durchschnitt lediglich 55 Prozent der Frauen und Mädchen als selbstbestimmt, wobei die Zahlen je nach Region variieren. So bleibt in Mali, Niger und im Senegal sogar 90 Prozent der Frauen Selbstbestimmung verwehrt. Als selbstbestimmt gilt hierbei nach diesem Indikator eine Frau genau dann, wenn sie in allen drei Bereichen (also Gesundheitsversorgung, Empfängnisverhütung und Sex) selbstständig Entscheidungen treffen kann. Die Gründe aber, weshalb so viele Frauen nicht über ihren eigenen Körper verfügen dürfen, sind vielfältig:

Bereich Gesundheitsversorgung

Nach Angaben des Weltbevölkerungsberichts haben im Niger nur 21 Prozent, in Mali nur 22 Prozent der Frauen die Möglichkeit, über ihre Gesundheitsversorgung zu entscheiden. So gibt es vor allem in den ländlichen Regionen ärmerer Länder schlechten oder keinen Zugang zu gesundheitlichen Dienstleistungen. Dies liegt beispielsweise daran, dass die nächste medizinische Versorgungsmöglichkeit zu weit vom Heimatdorf entfernt liegt oder weil sich Familien schlichtweg keine Gesundheitsdienste leisten können. Auch der mangelnde Vorrat an medizinischen Geräten oder Medikamenten wird zur Herausforderung in wirtschaftlich schlecht gestellten Ländern. Dies führt dazu, dass Schwangere nicht ausreichend medizinisch versorgt werden können und dadurch die Mortalitätsrate steigt. 

Auch die weibliche Genitalverstümmelung stellt ein großes Problem dar. Im Jahr 2020 wurden fast 11.000 Mädchen pro Tag Opfer dieser Menschenrechtsverletzung und die Zahl der Betroffenen steigt stetig. Als weibliche Genitalverstümmelung werden alle Eingriffe (aus nicht-medizinischen Gründen) bezeichnet, die eine teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane oder anderweitige Verletzungen der weiblichen Genitalien zur Folge haben. Abgesehen von körperlichen, sexuellen und emotionalen Schäden, die hierbei entstehen, erhalten betroffene Mädchen keine Möglichkeit mehr zur sexuellen Befriedigung und werden ihrer Selbstbestimmtheit in Bezug auf reproduktive Fragen beraubt. Der Grund der weiblichen Genitalverstümmelung liegt überwiegend darin, dass der Mann das sexuelle Verlangen einer Frau reduzieren und so die Kontrolle über ihren Körper erlangen will. Dass dieses Vorgehen nicht nur gegen das Recht auf Gesundheit verstößt, sondern zugleich mit allerhand weiteren Menschenrechtsverletzungen einhergeht, ist offensichtlich.

Bereich Sex

Auch bei der Möglichkeit, Geschlechtsverkehr zu verweigern, sieht es in den meisten ökonomisch schwachen Teilen der Welt schlecht aus. So haben in Mali 31 Prozent der Frauen die Möglichkeit sexuellen Kontakt zu verweigern, im Senegal nicht einmal jede Fünfte. Aufgrund des Patriarchats und der Ansicht, Männer seien dem weiblichen Geschlecht überlegen, ist es in vielen Gesellschaften gängig, dass Frauen jederzeit zu sexuellen Handlungen bereit sein müssen, je nach Lust und Laune des Mannes. Denn aufgrund der gesellschaftlichen Normen soll sich die Frau dem Mann unterwerfen und passiv bleiben. Außerdem hat sie kein Mitbestimmungsrecht beim Thema Sex und darf ihre Wünsche nicht frei äußern. Zudem trauen sich Frauen oftmals aus Angst vor einer Vergewaltigung (bei der im Übrigen die Männer in den meisten Fällen straffrei davonkommen) oder möglichen Misshandlungen nicht, deutlich zu machen, wenn kein sexueller Kontakt erwünscht ist. Auch das Risiko, sich mit HIV oder anderen übertragbaren Krankheiten zu infizieren, steigt – vor allem bei gewaltsam erzwungenem Geschlechtsverkehr, da sich bei Verletzungen der Schleimhaut das Virus leichter ausbreiten kann. 

Dass Frauen Sex oftmals nicht verweigern können, spiegelt sich auch in etlichen Ehegesetzen wider, in denen die Frau dem Mann untergeordnet ist. Hinzu kommen unfreiwillige Eheschließungen sowie Kinderehen. Nach Schätzung des Weltbevölkerungsberichts gibt es bis dato um die 650 Millionen Frauen, die als Kind zwangsverheiratet wurden. Jedes Jahr kommen weitere zwölf Millionen minderjährige Mädchen hinzu. Alltag bei diesen Mädchen: erzwungener Sex, ergo zu frühe und zu viele Schwangerschaften. Das Risiko infolgedessen an einer psychischen Erkrankung zu leiden, ist für Mädchen wesentlich höher als für andere Bevölkerungsgruppen. Zudem steigt die Zahl der Fehlgeburten und die Mortalitätsrate in diesen Regionen. Bei fünfzehn- bis neunzehnjährigen Mädchen stellen Komplikationen bei der Schwangerschaft sowie im Verlauf der Geburt die häufigste Todesursache dar. 

Bereich Empfängnisverhütung

Die Zahl der Frauen, die selbstständig über Verhütung entscheiden können, liegt im Allgemeinen zwar höher als bei den anderen beiden Bereichen (85 Prozent im Senegal, 77 Prozent in Mali), sie ist jedoch immer noch zu niedrig. Zum einen ist oftmals kein Zugang zu Verhütungsmitteln garantiert und auch deren Kosten spielen eine große Rolle. Die Corona-Pandemie verkompliziert die Situation noch mehr. 2020 wurden um die 4000 Frauen ungewollt schwanger, weil sie keine Verhütungsmittel erhalten haben. Aber auch fehlende oder falsche Aufklärung in Bezug auf Verhütungsmittel stellen ein Problem in diesen Regionen dar. Auch haben Frauen häufig nicht das Recht, selbst über Familienplanung (z.B. Größe der Familie) zu entscheiden. Der Druck von außen, Kinder zu bekommen, und der weit verbreitete Irrglaube, Kinder tragen zu besserem Wohlstand bei, führt dazu, dass Frauen häufig zu Geschlechtsverkehr (ohne Verwendung von Verhütungsmitteln) gezwungen werden. Dies führt jedoch wiederum auch zu einer stärkeren Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, was zusätzlich das Problem im Bereich der Gesundheitsversorgung verstärkt.  

Der Weltbevölkerungsbericht 2021 zur Selbstbestimmung von Frauen über ihren eigenen Körper zeigt deutlich, dass bis jetzt nirgendwo auf der Welt gänzlich Gleichberechtigung herrscht. Vor allem jedoch in ärmeren Regionen der Welt, die genauso wie ökonomisch stärkere Länder oftmals patriarchale Strukturen internalisiert haben, stellt die schlechte Wirtschaftslage und fehlende Bildunsangebote einen Nährboden für Sexismen dar. Ein wichtiges Mittel, die Situation in den armen Ländern zu verbessern, ist es dann natürlich einerseits Frauen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Wie sich herausgestellt hat, steigt mit dem Bildungsniveau auch die Entscheidungsfreiheit der Frau, da diese so beispielsweise mehr Mitspracherecht bei der Verhütung hat und die Wahrscheinlichkeit, Opfer von sexueller Gewalt zu werden, sinkt. Bestes Beispiel hierfür ist Uganda. Dieses Land verzeichnet laut des Weltbevölkerungsberichts einen positiven Trend in Bezug auf die Selbstbestimmung der Frau. Dies ist auf ein gutes rechtliches und politisches System sowie auf stärkere Anstrengungen zur Bekämpfung der vorherrschenden Geschlechterrollen zurückzuführen. Auch eine Verbesserung des Gesundheitssystems in den Ländern wird unabdingbar sein, um die gesundheitliche Situation der Frau zu verbessern. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger für wirtschaftlich stabile Länder, Unterstützung im Kampf um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu bieten. Denn wird Hilfe realisiert, werden in Zukunft hoffentlich in mehr Regionen positive Entwicklungen wie in Uganda zu beobachten sein.

Beitragsbild: ©Markus Spiske on Unsplash

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