Die hygiensch-moralische Rettung für alle Menstruierenden ist da: Der Pinky Glove

Die hygiensch-moralische Rettung für alle Menstruierenden ist da: Der Pinky Glove

Endlich. Thank God. Das Ende ist gekommen. Der Welt? Könnte man* meinen angesichts Klimakrise, Pandemiemissmanagement oder sich hartnäckig haltender Misogynie. Aber nein, davon spreche ich nicht. Endlich müssen sich Menstruierende keine Gedanken mehr um die (Ent-)Tabuisierung und Stigmatisierung der Periode machen. Denn die Erlösung ist gekommen – Achtung – in Form eines pinken Handschuhs. »Hä?«

von Anna-Lena Brunner

, frage ich mich da erst mal ratlos. »Wie soll denn so ein Plastikteil die Normalisierung und Entstigmatisierung der Menstruation befeuern?« Die Antwort darauf: »Gar nicht.« Denn auf wen wird die Verantwortung mit dem – ich zitiere – »diskreten« Umgang von Menstruation und -sartikeln abgewälzt? Na, klar. Auf die Menstruierenden selbst natürlich.

Denn der Pinky Glove funktioniert so: Ins Leben gerufen von zwei Herren namens André Ritterswürden und Eugen Raimkulow, bietet er eine Möglichkeit, das Periodenprodukt der Vorliebe geruchsneutral und »diskret« (Hach, wie ich dieses Wort liebe) zu entsorgen. Scharfsinnig bemerken beide Businessmänner: »Wir als Männer sind zwar nicht direkt davon betroffen, trotzdem ist das Problem sehr wichtig, deshalb haben wir eine Lösung entwickelt.« 

Danke dafür! Was braucht die Welt gerade mehr als ein unnötiges, überteuertes, pinkes Plastikprodukt, das nicht nur die Umwelt verschmutzt, sondern auch die strukturell patriarchale Unterdrückung mittels der Tabuisierung der Menstruation aufrechterhält? Vielleicht ein extrem gutes Shrekkostüm, das Markus Söder so unkenntlich macht, dass er dann nicht mehr als Bundeskanzler kandidieren kann? Falsch.

Ok. Jetzt aber mal Schluss mit dieser ganzen Ironie. Ist wahrscheinlich ein Coping Mechanism angesichts dieses Aufregers der Woche. 

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet zwei nicht-menstruierende Personen, die gesponsert werden von einer nicht-menstruierenden Person, menstruierenden Personen auch noch im Jahr 2021 erklären wollen, wie sie mit dem Menstruieren umzugehen haben. Und vor allem auf sozio-kultureller Ebene repräsentiert dieser pinke Handschuh ein Phänomen, das sich schon so lange durch die Mechanismen des Patriarchats zieht, dass ich mittlerweile nicht mal mehr Bock habe, darüber nachzudenken, wie lange eigentlich. 

Die Tatsache, dass die Menstruation lange als unrein galt, als schmutzig und ekelhaft, und instrumentalisiert wurde, um weibliche Personen zu unterdrücken und ihnen ihre Selbstermächtigung zu nehmen, ist mittlerweile gesellschaftlich anerkannt. Sollte man* meinen. Und trotzdem kommt im Jahr 2021 wieder ein Produkt auf den Markt, das genau diese patriarchalen Strukturen reproduziert, infolgedessen aufrechterhält und sogar noch Profit daraus schlägt. Das ist wirklich trauriger als Markus Söder im Shrekkostüm.

Menstruation ist nichts, wofür frau* sich zu schämen hat. Sie muss nicht diskret und heimlich, verstohlen und schnell vor den Blicken anderer verborgen werden. Denn die Lösung für einen fehlenden Badmülleimer kann ganz einfach sein: Wieso nicht einfach fragen, ob frau* das Periodenprodukt ihrer Wahl im Küchenabfall entsorgen kann? Auch die Lösung für das »Problem« Periode ist ganz einfach. Wieso nicht einfach, die Menstruation nicht mehr als Problem sehen, für das es dann eben keine Lösung mehr braucht? Vor allem keine männliche.

Beitragsbild: ©Monika Kozub on Unsplash

Zitiert wurde aus folgendem Artikel: https://www.waz.de/kultur/fernsehen/hoehle-der-loewen-pinky-gloves-pro-sieben-id232034471.html

Nachtrag:

Mittlerweile zeigen sich die Gründer von Pinky Glove einsichtig. Produktion, Vermarktung und Verkauf des pinken Plastikprodukts wurden eingestellt mit folgender Begründung: »Die Entwicklung unseres Produkts und die Kommunikation dazu war nicht durchdacht. Menschen machen Fehler – und mit Fehlern muss man* umgehen (…)«.

Der Aufschrei, der vergangene Woche gefühlt durch ganz Instagram gegangen ist (zumindest in meiner linksgrünversifften Bubble), hat also Wirkung gezeigt. Nicht länger kann aus einem sexistischen Produkt Profit geschlagen werden. Ritterswürden und Raimkulow sehen sich jetzt also mit Konsequenzen konfrontiert, die sie nicht länger ignorieren konnten.

Was dieser Nachtrag nicht sein soll: Ein Dankeschön an die beiden. Dass sie ihren misogynen Hygieneartikel vom Markt nehmen. Dass sie sich einsichtig zeigen. Dass sie plötzlich »woke« sind. Das ist ja alles gut und schön. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, dass im Jahr 2021 zwei Nicht-Menstruierende von einem Nicht-Menstruierenden gesponsert wurden und dafür von einem großen privaten Fernsehsender eine Plattform bekamen, um Menstruierenden Menstruation zu erklären. Und das ist einfach traurig. Es zeigt vor allem auch, wie weit wir als Gesellschaft nämlich wirklich in Sachen Feminismus gekommen sind. Kleiner Spoiler: not very far tbh.

Zum Nachlesen des tragischen Endes von Pinky Glove gibt’s noch diesen Link: https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/pinky-gloves-gruender-nehmen-handschuhe-nach-kritik-vom-markt-17302501.html?GEPC=s9

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