Wohnsinn-Kolumne: Die Macht der Sprache

Wohnsinn-Kolumne: Die Macht der Sprache

Sicher bin ich nicht die Einzige, die letztes Wochenende – als willkommene Ablenkung – mal wieder durch ihren Instagram Feed wischte und dabei ständig auf einen Link stieß, der zu einer Sendung der WDR Talkshow »Die letzte Instanz« führte. Alle Posts, die auf dieses Video hinwiesen, waren unterlegt mit Bildunterschriften wie: »Mir fehlen die Worte« und »Das ist noch abstoßender als ich dachte«. Verwundert klickte ich einen der Links an und konnte erst gar nicht glauben was ich da zu hören bekam.

von Paula Kühn

In dieser Late-Night-Show spricht der Moderator Steffen Hallaschka regelmäßig mit Prominent*innen – ob alle, die in dieser Show zu Gast sind, diese Bezeichnung verdient haben, will ich an dieser Stelle gar nicht weiter thematisieren – über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen. In der besagten Sendung vom 29. Januar hatten sich neben Thomas Gottschalk die Schauspielerin Janine Kunze, der Schlagersänger Jürgen Milski und der Autor Micky Beisenherz versammelt, um über Fragen wie »Darf man denn jetzt noch Zigeunersauce sagen?« zu diskutieren. Oder anders gesagt: Hier saßen ausschließlich weiße Deutsche ohne jegliche Rassismuserfahrung zusammen, die ihre Meinungen dazu kundtaten, ob bestimmte Begriffe diskriminierend seien und sich dabei vor allem darüber beschwerten, wie anstrengend und albern es doch sei, sich mit Rassismuskritik auseinanderzusetzten.

Jürgen Milski schmetterte gleich zu Beginn in die Runde, er komme ja aus einer Generation, in der es gar kein Problem gewesen sei, den Namen dieser Sauce quer durch ein Restaurant zu rufen. Die Tabuisierung solcher Begriffe finde er völlig überzogen. 

Die Schauspielerin Janine Kunze stimmt ihm sofort zu, denn auch sie empfindet es als äußerst nervig auf ihre Wortwahl achten zu müssen, gefolgt von dem wunderbaren Satz: »Was dürfen wir denn überhaupt noch sagen?«. Man* solle sich doch nicht immer gleich beleidigt fühlen; sie als »blonde Frau mit relativ großen Brüsten« müsse sich schließlich auch sehr viel gefallen lassen.

Uff. Das waren übrigens gerade Mal die ersten fünf Minuten.

Die Tatsache, dass viele dieser Begriffe in der Vergangenheit verwendet wurden, um bestimmte Bevölkerungsgruppen zu entmündigen, zu demütigen und zu entmenschlichen, wird von den Diskussionsteilnehmer*innen ebenso mit einer Handbewegung weggewischt, wie der vorsichtige Einwurf des Moderators, dass der Zentralrat der Sinti und Roma das Z-Wort als eine klischeeüberlagerte, diskriminierende Fremdbezeichnung ganz klar ablehnt.

Mein persönliches Highlight in den nächsten 60 Minuten: Thomas Gottschalks Erzählung von einer Party in Los Angeles, auf der er sich – natürlich nur, da er den Musiker so tief verehre – als Jimi Hendrix verkleidete. Durch diese Erfahrung, auf einer Party mit ausschließlich weißen Gästen wüsste er jetzt, wie sich Schwarze Menschen fühlen. 

Nachdem Steffen Hallaschka ein »Gute Nacht und bleiben Sie gesund!» in die Kamera gerufen hatte, saß ich einige Minuten fassungslos vor meinem Handy. Was löst so etwas in Betroffenen* aus? Wie kann ein öffentlich-rechtlicher Sender in Deutschland die Ausstrahlung solcher abstrusen und respektlosen Aussagen verantworten?  Mir ist durchaus bewusst, dass ich viel Zeit in unserer liberalen und linken Student*innenbubble verbringe – obwohl auch mir der Satz »Man darf ja gar nichts mehr sagen« schon das ein oder andere Mal am Familienesstisch begegnete – aber ich hatte es absolut nicht für möglich gehalten, dass tatsächlich im deutschen Fernsehen im Jahr 2021 solch rassistische Sprache verwendet wird. Von Menschen ohne jegliche Expertise oder Betroffenheit. 

Die Macht der Sprache wird immer noch und immer wieder unterschätzt: Sie spiegelt soziale Systeme und den Umgang von Menschen miteinander wieder. Wenn sich ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der WDR nicht in der Verantwortung sieht, solche Inhalte zu überdenken, dann ist das der Grund, aus dem rechtsextreme Ideologien fruchten. Denn so bedient sich die privilegierte Mehrheitsgesellschaft, die sich permanent als Opfer einer weniger privilegierten Minderheit betrachtet, eines rechtspopulistischen Narrativs: dem Opfermythos. Warum ist es bitteschön ein Problem, keine rassistischen und diskriminierenden Begriffe zu verwenden, wenn genug Bevölkerungsgruppen darunter leiden? Für mich ist das derart unverständlich, dass ich begann, ein wenig zu recherchieren. Auf der Instagram Seite der Black Community Foundation Deutschland fand ich schließlich einen Satz, der mir als Erklärung einleuchtet: Es ist die Angst, sich mit seinen Privilegien auseinanderzusetzen und zu sehen, wie verletzend man* gewesen ist.

Im Laufe des Wochenendes schlug die Empörung über »Die letzte Instanz» nicht nur auf Social Media Plattformen riesige Wellen: der Spiegel berichtete darüber, Politiker*innen wie Saskia Esken verurteilten die Sendung auf Twitter. Auch die Grünen-Politikerin Aminata Touré schrieb in einem Post höchst zynisch, sie bereite sich ja grundsätzlich auf Talkshows oder Interviews vor: »Find’s nämlich peinlich, mit Unwissenheit zu glänzen und nur mit Überlegenheit und Dominanzverhalten aufzutreten«. Doch sie schrieb auch, dass so etwas heute zumindest nicht mehr unkommentiert bleibe und somit suggeriere, dass diese Positionen die Einzigen wären. So viele Menschen positionieren sich dagegen, damit Schritt für Schritt dafür gesorgt wird, dass so etwas eben nicht Normalität ist.

Hoffentlich hat Hannah nächste Woche, nach meinem kleinen Aufreger heute, etwas Schönes zu erzählen – sie ist nämlich als nächstes mit dem Wohnsinn an der Reihe! 

Beitragsbild: ©James Eades | Unsplash

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