Repost: Was ist das für 1 Filter vong Blase her?

Repost: Was ist das für 1 Filter vong Blase her?
***USA-Wahlspecial***

Mit denen kann man ja gar nicht diskutieren! – Jede*r über andere, zu oft. Ist es verkehrt, sich bevorzugt unter »seinesgleichen« zu scharen? Bestimmt nicht. Aber was, wenn uns das von unseren sozialen Medien diktiert wird? Eine Meinung.

von Ludwig Spitaler

Zwar flattern immer mal wieder vereinzelt hilf- und vor allem sinnlose Einsprüche gegen die wieder mal erneuerten Datenschutzbestimmungen durch den persönlichen Newsfeed, doch so wirklich Angst scheint vor Datenriesen wie dem Konzern Facebook niemand zu haben. Auch dass Google alle vorherigen Suchanfragen kennt oder Amazon ständig vorschlägt, was man als nächstes konsumieren könnte, ist ja eher praktisch als bedenklich, denn wer hat schon etwas zu verbergen.

Es ist gemütlich in der digitalen Welt, die Artikel von Vice oder Zeit Online sind unterhaltsam und der Kumpel wird noch kurz unter dem Anti-Trump-Meme verlinkt. Übrigens war Obama total lässig und hat einiges an Bro-Fists verteilt. So kuschelt man sich wohlig ein. – Die da in Sachsen? Noch nie eine*n getroffen. Und außerdem sprechen die komisch. Oli Welke von der heute-show hat auch gesagt, eine Mauer um Freiberg wäre ganz cool – Zack, Like! #Nafris am Kölner Hauptbahnhof grapschen und pöbeln, was wollen die eigentlich hier? Egal woher sie kommen, der Islam gehört sowieso nicht zu Deutschland und die EU bröckelt vor sich hin, weil nur die Banken gerettet werden. Schwule? Kenne ich keinen und diese Hippies von der Antifa sollen mal auf dem Teppich bleiben. Was banal klingt, bekommt inzwischen Hand und Fuß. Immer polarisierter, mit wachsendem Unverständnis für die vermeintliche Gegenseite, driften ganze Gesellschaften auseinander und bringen das in Wahlen auch zu Papier.

Es ist ein verregneter Freitagnachmittag. Ein Mann blickt in den Newsfeed seiner Facebook-Startseite und stellt fest: Die Briten verlassen die EU. Ist diese Geschichte wahr oder haben wir sie erfunden? Sie ist wahr. So oder so ähnlich soll es im späten Juni 2016 dem Briten Tom Steinberg und rund der Hälfte seiner Landsleute ergangen sein.

Also fasst sich Tom Steinberg ein Herz und beginnt zu suchen. Nach den Leuten, die ihm diesen Schlamassel beschert haben, indem sie die Insel einfach aus der Europäischen Union herausvoteten wie einen Z-Promi aus dem »Dschungelcamp«. Steinberg durchforstet seinen Freundeskreis, seine Abonnements und Gruppen. Und er findet keine*n einzige*n. Kann der für den persönlichen Filter verantwortliche Algorithmus eine derartige Isolation verursachen? Laut Eli Pariser, Polit-Aktivist aus den USA und Chef der Organisation MoveOn.org, resultieren solch markante Gräben in der Gesellschaft, wie sie aktuell zudem etwa in Österreich, den USA oder auch Deutschland zu finden sind, unter anderem aus der sogenannten Filterblase eines jeden Internetnutzers. Nun ist es kein Geheimnis, dass Facebook, Twitter, Google & Co. jedem/r User*in einen individuellen Newsfeed, eine auf dessen Präferenzen – gemessen an Likes, Suchbegriffen, Käufen und anderen Klicks – zugeschnittene Wundertüte zusammenstellen. Doch nimmt diese Eigenart der sozialen Medien nach der Meinung einiger Expert*innen inzwischen besorgniserregende Ausmaße an, welche effektiv ganze Gesellschaften zu verändern drohen.

Google weiß schon, was ich will

So formuliert es Alexander Pier, Autor für das c’t-magazin, welches sich mit aktuellen Themen der Computertechnik und der digitalen Welt auseinandersetzt. Der Google Assistent etwa bereitet zunehmend Informationen bereits so auf, dass sie den/die Leser*in nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ansprechen, ganz unabhängig vom ursprünglichen Anbieter.

Das häufigste Beispiel ist der gekürzte Wikipedia-Artikel, der auf einmal ganz oben in den Suchergebnissen erscheint. Aber auch andere Domains hebt Google auf diese Art hervor und unterbreitet uns bereits ein Angebot, das wir instinktiv wahrnehmen – und so den Assistenten weiter schulen und die Blase fortsetzen. Nicht zuletzt seit der Wahl des US-Präsidenten im November [2016] rückt auch Facebook in den Fokus der alarmierten Fachleute. Bereits im Jahr 2015 fand das Pew Research Center, ein Meinungsforschungsinstitut aus Washington D. C., heraus, dass die Hälfte aller Amerikaner*innen unter 35 Jahren Facebook als ihre wichtigste, wenn nicht gar einzige, Informations- bzw. Nachrichtenquelle betrachten. Auch hierzulande sicher keine undenkbare Entwicklung, besitzt doch inzwischen jede*r zweite Deutsche ein Smartphone und nutzen 21 Millionen von uns täglich Facebook. Kein Wunder also, dass auch unsere Gesellschaft immer weiter auseinander driftet. Oder wer hat schon Freunde, die politisch vollkommen anders denken?

Sicher ist es legitim, sein soziales Umfeld auch in den sozialen Medien auszuleben. Warum sollte man eine Pegida-Seite liken oder auf Veranstaltungen der Bunten Liste gehen, wenn sich die jeweiligen Ansichten so gar nicht mit dem decken, was dort vermeintlich geschrieben oder gesagt wird und Anklang findet. Aber kam man früher nicht trotzdem irgendwie öfter ins Gespräch? Was klingt wie die Nostalgie einer Elterngeneration, findet sich ganz konkret bei jedem/r einzelnen. Alle, die lieber in ihr Smartphone starren, statt sich mit ihren Kommiliton*innen zu unterhalten, bevor der Kurs beginnt, oder die es vorziehen, nicht mit in die Stadt auf ein Bier zu gehen, weil Leute aus anderen Studiengängen oder Bundesländern mitkommen, machen sich mitschuldig. Schuldig an einer Entwicklung, die wegführt von der Diskussion oder gar dem Streit, hin zum völligen Nicht-Vorhandensein von Verständnis für zumindest einen Teil der gegenläufigen Meinung, und sei es nur ein einziger Gedanke. In einer Gesellschaft, in der nur unterteilt wird in Donalds und Hillarys, Putin-Versteher*innen und Ami-Arschkriecher*innen, Sachsen und Nicht-Sachsen, TTIP und Anarchos oder links-grün versifft und AfD, ist die Kompromissfähigkeit quasi auf dem Nullpunkt angelangt. Wenn Whatsapp-Gruppen mit Freundeskreisen gleichzusetzen sind, wo bliebe da die Offenheit?

Ist die Filterblase nur Einbildung?

Kritiker des Theorems der »filter bubble« meinen, so etwas wie eine allgemeine Polarisierung via Facebook oder Twitter gebe es nicht. Viel einflussreicher sei das soziale Umfeld diesseits der digitalen Welt, findet etwa der Statistiker der Universität Oxford Seth Flaxman. Er fand in einer 2016 durchgeführten Studie mit 50.000 ausgewerteten Browser-Historien von US-Bürger*innen heraus, dass es sich auf Plattformen wie Facebook mehrheitlich gar nicht um politische Themen dreht und soziale Medien für die meisten Amerikaner*innen gar nicht als Hauptnachrichtenquelle fungieren. Ist die Filterblase also nur Einbildung?

Auch das Facebook Data Science Team kam – wenig überraschend – zu diesem Ergebnis. Die Nutzer*innen legen im Endeffekt selbst fest, was
sie anklicken und werden dabei nicht fremdgesteuert. Dabei fand die Studie lediglich heraus, dass Facebook-Nutzer*innen für sie uninteressanten Content ganz einfach nicht anklicken, wie es Eva Wolfangel vom Magazin spektrum ausdrückt. Sind wir also wirklich gefangen in unserer ganz persönlichen Filterblase?

Die Antwort lautet vermutlich: Ein Stück weit. Zwar scheint die Auswirkung auf die Radikalisierung oder Polarisierung via sozialer Medien aufgrund von algorithmisch festgelegter Informationsspeisung noch nicht zur Genüge erforscht, doch existiert sicherlich für jede*n regelmäßige*n User*in der vielfältigen Plattformen ein persönlicher, virtueller Raum, der – das zumindest ist die Idee – die realen Ansichten, Vorlieben wie Abneigungen, widerspiegelt. Im echten Leben lässt sich dieser mühelos erweitern. In der Welt der sozialen Medien, so scheint es, eher nicht.

Dieser Artikel erschien als Rubrik »Fresseerklärung« bereits in der 22. Ausgabe der Lautschrift mit dem Thema »[Un]Schuld«. In dieser Rubrik kommentiert die Chefredaktion das Geschehen in Uni, Stadt und Gesellschaft; die beschriebene Meinung spiegelt daher nicht die Meinung der gesamten Redaktion oder der Herausgeber*innen wider. Die gesamte Ausgabe 22 findet ihr hier noch einmal in voller Länge.

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