Wohnsinn-Kolumne: Auch Männer haben Gefühle

Wer hat eigentlich gesagt, dass nur Frauen viel Kleidung besitzen und diejenigen sind, die sich nie von etwas trennen können? Diese Woche berichte ich euch von einem kleinen Best Of der Argumente eines Mannes, etwas nicht aussortieren zu können.

von Laura Hiendl

Vielleicht erinnert ihr euch noch: Vor ein paar Wochen, noch zu Zeiten der Corona-Hochphase, musste mein Kleiderschrank daran glauben und es wurden einige Dinge aussortiert. Eine große Hilfe war mir dabei mein Freund, der Ausmisten aus welchem Grund auch immer ja liebt. Doch letztens habe ich den Spieß umgedreht und ihn zum Neusortieren seines Schrankes »verdonnert«. Wohlgemerkt stammt er aus Schwaben – dieses kleine Völklein, das ja sowieso dafür bekannt ist, besonders sparsam zu sein. Wir waren ein paar Tage in seiner Heimat und oho, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es in seinem dortigen Kleiderschrank aussah. Es stapelten sich die Klamotten der letzten 10 bis 15 Jahre, in manchen Fachböden konnte man gar nicht erkennen, was sich darin so alles befand, so hineingestopft war es einfach.

Etwas notgedrungen, doch durch meinen Elan angesteckt starteten wir zusammen und wagten uns an den ersten Fachboden. Wir machten ein paar Stapel: Das ist noch zum Streichen oder für einen Umzug geeignet, das kann man zum Chillen anziehen. Außerdem ein Stapel, der definitiv weg kann, und einer, bei dem man nochmal überlegen muss. Doch irgendwie wurden die Stapel zum Behalten immer größer, während der zum Ausmisten nur wenig bis gar nicht wuchs. Gefühlt alle verschlissenen und unförmigen Jeans sowie Oberteile wurden zum Streichen oder Umziehen auserkoren – womit die etwaigen Outfits wohl für alle, in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten anstehenden Umzugsaktionen reichen sollten. Alle anderen Shirts, die definitiv sehr an Jugend- und diverse Skaterzeiten erinnerten, wurden mit der Begründung »Och ne, damit verbinde ich ‘ne schöne Erinnerung« oder »Ach, zum Gammeln ist es doch noch ok« aufgehoben – Schnubbelhase, so viel chillen kann man gar nicht, es sei denn du solltest irgendwann mal arbeitslos sein …

Bei offensichtlichen Markenprodukten war ich aufgrund »Des isch‘ Hilfiger!!« oder »Das war arschteuer, das tu ich nicht weg!« ja noch verständnisvoll, schließlich handelte es sich um einen Schwaben. Doch auch hier mussten manche Sachen daran glauben und wurden zu einem neuen Stapel namens »Zum Verkaufen oder an Verwandte/Bekannte verschenken« geschichtet. Bei einer türkisgrünen Hose, die vermutlich im Alter von 14 Jahren noch recht cool war, riss mir allerdings bei »Die kann ich ja mal noch zum Fasching oder ‘ner Bad Taste Party anziehen« der Geduldsfaden, denn wir wissen beide, wie wahrscheinlich ein solches Event in den nächsten Jahren sein sollte, insbesondere weil wir von beidem nicht wirklich Fans sind. Auch die Alternativbegründung »Vielleicht lauf‘ ich ja mal zum anderen Ufer über, dann kann ich das noch brauchen« ließ ich nicht gelten und ich musste radikal durchgreifen. Jedes Teil mit »Ne das passt noch, vielleicht wird das ja irgendwann mal wieder in« wurde mit »Ja, so in 40 Jahren dann eventuell« quittiert und damit aussortiert.

Eine Mischung aus »Was hab‘ ich mir da nur angetan?«, »Ich hab‘ keine Lust mehr«, »Lass mich doch einfach in Ruhe« und »Ok, jetzt hab ich schon angefangen, dann muss ich es auch durchziehen« schwebte im Raum. Schon komisch, dass es einem bei anderen immer viel leichter fällt als bei den eigenen Sachen. Ständige Entscheidungen treffen mag wohl niemand gern und ich konnte in Erinnerung an meine letzte Schrankaktion minimal nachvollziehen, wie er sich fühlte. Doch ich hatte an diesem Nachmittag auf jeden Fall meinen Spaß und ahnte zum ersten Mal, wieso er Ausmisten sonst vielleicht immer mochte.

Durch die verschiedenen Ebenen gearbeitet und ganz unten angekommen, offenbarte sich dann noch ein kleines Grauen zum Abschluss: Da es sich um einen halboffenen Kleiderschrank handelte, befand sich dort eine etwa 1cm dicke Staubschicht – dort wurde vermutlich in den letzten 5 bis 10 Jahren kein einziges Mal rausgewischt, yummy. Wurde wohl mal wieder Zeit.

Am Ende der Misere stand dann endlich und ganz wirklich ein großer Müllsack, der sogar relativ voll war. Zwar wurden kurzerhand und »unauffällig« noch einmal drei Sachen daraus gesaved, aber immerhin gingen wir noch am gleichen Abend zum Altkleidercontainer und sagten den alten Klamotten auf Nimmerwiedersehen. Und dann musste er zugeben: Es wirkt doch ein bisschen befreiend.

Fest steht nach dem Ganzen: Auch Männer können den ein oder anderen vergessenen Schatz in den Tiefen ihres Schrankes verborgen haben und sich genauso schwer tun, wenn es um den Abschied kostbarer Erinnerungen geht. Doch ich bin so stolz auf dich, mein Schnuffi, das hast du ganz gut gemacht 🙂

Nächstes Mal gibt es Neues von Lottes alltäglichen Wohnsinn-Erlebnissen 🙂

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